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Montag, 18.12.2017
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Pocken-Impfstoff: Doch keine Kuhviren?

Neue Erkenntnisse über den Ursprung des wohl erfolgreichsten Vakzins

Rätselhafter Ursprung: Die ersten modernen Pockenimpfstoffe enthielten das Kuhpockenvirus - so zumindest dachte man lange Zeit. Die Analyse einer historischen Probe aus dem Jahr 1902 offenbart nun jedoch: Auch Pferdepocken-Erreger wurden offenbar für frühe Vakzine verwendet. Diese Erkenntnis liefert nun neue Einblicke in die Ursprünge eines der erfolgreichsten Impfstoffe der Welt - und könnte Forschern künftig helfen, die Geschichte dieses millionenfachen Lebensretters besser nachzuvollziehen.
Dank einer weltweiten Impfkampagne gilt die Welt seit 1979 als pockenfrei.

Dank einer weltweiten Impfkampagne gilt die Welt seit 1979 als pockenfrei.

Die hochansteckenden Pocken forderten über Jahrhunderte hinweg Millionen Menschenleben. Dass die Krankheit heute als ausgerottet gilt, verdanken wir dem englischen Arzt Edward Jenner. Er entwickelte im 18. Jahrhundert die moderne Pockenimpfung, bei der das Immunsystem mit einer abgeschwächten Form des Erregers konfrontiert wird und so im Falle einer echten Infektion besser vorbereitet ist. Diese sogenannte aktive Immunisierung gilt bis heute als wichtigste Waffe gegen viele Infektionskrankheiten.

Doch keine Kuhpocken?


Lange Zeit waren sich Wissenschaftler einig, dass der von Jenner erfundene Impfstoff ursprünglich das für den Menschen vergleichsweise harmlose Kuhpockenvirus enthielt. Denn der Arzt hatte beobachtet, dass Melkerinnen, die sich an pockenkranken Kühen ansteckten, später immun gegen die menschlichen Pocken waren. Davon inspiriert, spritze er seinen Versuchspersonen ein Serum aus den Bläschen von Kuhpocken in den Körper.

In den 1930er Jahren zeigte eine Analyse eines zu dieser Zeit verwendeten Impfstoffs jedoch, dass dieser keineswegs den Kuhpocken-Erreger enthielt. Doch welches Virus war es dann? Bis heute ist der genaue Ursprung des inzwischen als Vacciniavirus bekannten Erregers unklar. Sicher ist nur, dass er keinen natürlichen Wirt hat und sich mit den humanen Pockenviren und den Kuhpockenviren einen gemeinsamen Vorfahren teilt. Mehr über die Ursprünge des Pockenimpfstoffs offenbart nun ein historisches Vakzin aus dem Jahr 1902.


Die Grundlage dieses Impfstoffs von 1902 bildete offenbar ein enger Verwandter des Pferdepockenvirus.

Die Grundlage dieses Impfstoffs von 1902 bildete offenbar ein enger Verwandter des Pferdepockenvirus.

Vakzin mit Pferde-Erreger


Andreas Nitsche vom Robert-Koch-Institut in Berlin und seine Kollegen haben den in Philadelphia hergestellten Impfstoff in einer privaten Sammlung aufgespürt und das darin enthaltene Virus sequenziert. Das Vakzin ist damit der älteste Pockenimpfstoff, der jemals wissenschaftlich untersucht worden ist.

Die Ergebnisse der Analyse zeigen: Auch das Virus aus diesem frühen Impfstoff ist nicht besonders eng mit dem Kuhpocken-Erreger verwandt - sondern mit dem Pferdepockenvirus. "Wir haben nun zum ersten Mal einen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass der Pferdepocken-Erreger in der Vergangenheit für die Immunisierung gegen die Pocken genutzt wurde", sagt Nitsche. Hingedeutet hätten darauf bereits historische Dokumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Unklare Entwicklung


Klar ist damit: Zumindest einige der frühen Pocken-Vakzine basierten auf dem Pferdepockenvirus. Daneben könnten aber durchaus auch Impfstoffe mit Kuhpocken-Erregern verwendet worden sein. Die Forscher sind nun auf der Suche nach weiteren historischen Proben, um die Entwicklung des Vakzins vollständig nachvollziehen zu können.

Denn unbeantwortet bleibt weiterhin die Frage: Wie ist das Vacciniavirus entstanden, das heute die Grundlage aller Pockenimpfstoffe bildet? Wahrscheinlich ist, dass im Laufe der Jahre unterschiedliche Impfstofflinien mit unterschiedlichen Virenstämmen genutzt wurden, aus denen schließlich das seit dem 20. Jahrhundert bekannte Vakzin und das Vacciniavirus hervorgingen. Wie genau dieser Prozess vonstattenging, wollen Nitsche und seine Kollegen in Zukunft herausfinden. (New England Journal of Medicine, 2017)
(Publicase Comunicação Científica, 12.10.2017 - DAL)
 
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