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Dienstag, 27.09.2016
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Straßenlärm: Vögel überhören Alarmrufe

Geräuschpegel stört überlebenswichtige Kommunikation zwischen Arten

Gestörter Lauschangriff: In lauten Umgebungen reagieren Rotkardinale nicht auf Alarmrufe von Meisen. In leisen Gebieten funktioniert diese interspezifische Kommunikation hingegen gut, wie Forscher berichten. Was normalerweise eine wichtige Strategie ist, um Fressfeinden zu entgehen, wird demnach durch konstanten Straßenlärm merklich beeinträchtigt. Auch andere Vogelarten könnten von dem Effekt betroffen sein.
Wenn die nordamerikanischen Indianermeisen Warnrufe ausstoßen, gehen diese im Straßenlärm unter.

Wenn die nordamerikanischen Indianermeisen Warnrufe ausstoßen, gehen diese im Straßenlärm unter.

Motorengeräusche, Hupkonzerte und Sirenengeheul – auf den Straßen in unseren Städten ist es laut. Geräuschpegel von über 75 Dezibel sind in den besonders belasteten Gebieten keine Seltenheit – und das hat Folgen. Die konstante Beschallung mit Verkehrslärm kann nicht nur uns Menschen krankmachen, sondern auch wildlebenden Tieren wie Vögeln schaden.

Studien belegen, dass Lärm in Städten oder durch Straßen die Beziehung von Vogelnestlingen zu ihren Eltern stört. Denn die Jungvögel überhören häufiger deren Ankunft. Viele Stadtvögel haben sich bereits angewöhnt, lauter zu singen, um von Artgenossen besser gehört zu werden. Wissenschaftler um Aaron Grade von der University of Florida zeigen nun, dass der Lärm auch die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Vogelarten beeinträchtigen kann.

Lauschangriff als Überlebensstrategie


Für ihre Studie untersuchten die Forscher, wie gut der Rotkardinal auf Alarmrufe von Indianermeisen reagiert. Diese Rufe stoßen Meisen typischerweise aus, um ihre Artgenossen vor Feinden zu warnen. Doch auch andere Tierarten registrieren die Warnungen und reagieren darauf – unter anderem der Rotkardinal. Hört der Sperlingsvogel das Alarmsignal, verharrt er still in seiner Position, hört auf zu singen und sucht die Umgebung nach Feinden ab.


Der Rotkardinal hört die Alarmrufe der Meisen bei Straßenlärm nicht - das kann ihn das Leben kosten.

Der Rotkardinal hört die Alarmrufe der Meisen bei Straßenlärm nicht - das kann ihn das Leben kosten.

"Wenn mehrere Beutetiere in einem Gebiet die gleichen Feinde haben, kann dieses Lauschen auf artfremde soziale Informationen die Überlebenschance verbessern", schreiben die Wissenschaftler. Doch wie wirkt sich Straßenlärm auf diese Taktik aus? Grade und seine Kollegen testeten das mithilfe von aufgenommenen Meisen-Warnrufen, die sie in unterschiedlichen Umgebungen im Bundesstaat Florida abspielten. Dabei verglichen sie Gebiete in der Nähe von stark frequentierten Hauptverkehrsstraßen wie dem US-Highway 441 mit solchen in ruhigen Lagen.

Lärm stört Kommunikation


Es zeigte sich: In lauten Umgebungen reagierten dort lebende Rotkardinale bei keinem der Versuche auf den Ruf aus dem Lautsprecher. In leisen Gebieten beobachteten die Forscher hingegen immerhin in 15 von 19 Versuchen die typische Reaktion. "Je höher der Geräuschpegel war, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass der Rotkardinal auf die Alarmrufe reagierte", berichten die Wissenschaftler.

Für Grade und seine Kollegen ist damit klar, dass der Straßenlärm diese mitunter überlebenswichtige Kommunikation nachhaltig stört. Allerdings wissen sie nicht, woran das liegt: Entweder die Vögel konnten die Rufe schlicht nicht hören – oder der Lärm lenkt sie ab. "In diesem Fall wird das typische Verhalten durch den Geräuschpegel unterbunden, obwohl die Tiere den Ruf theoretisch wahrnehmen können", schreiben die Forscher.

Tatsächlich reagierten einige Rotkardinale in lauten Umgebungen nicht auf die Alarmrufe, obwohl sie nur zwei Meter von dem Lautsprecher entfernt saßen. Sie hätten den Ruf demnach trotz der Hintergrundgeräusche hören müssen.

Ursache für Artenschwund?


Lärm als Störfaktor von interspezifischer Kommunikation ist den Wissenschaftlern zufolge wahrscheinlich weit verbreitet. Denn die Alarmrufe der Meisen werden von vielen verschiedenen Vogelarten genutzt und auch andere Tiere kommunizieren nach einem ähnlichen Prinzip. Lauschstrategien sind unter Säugetieren und Reptilien ebenso verbreitet wie unter Singvögeln.

Solche Effekte könnten laut Grades Team auch erklären, warum in lärmverschmutzten Gebieten oftmals Populationen wildlebender Vögel schrumpfen oder manche Arten ganz verschwinden. "Zwar konnten wir keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Lärm und einem Populationsrückgang nachweisen. Doch wir zeigen, dass Lärm Verhaltensmuster stört, die für das Überleben vieler Vögel von großer Bedeutung sind." (Biology Letters, 2016; doi: 10.1098/rsbl.2016.0113)
(Royal Society, 20.04.2016 - NPO)
 
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