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Freitag, 09.12.2016
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Besiedelung Zentraleuropas schon vor 43.500 Jahren

Steinwerkzeuge moderner Menschen zeigen deren Präsenz zur Zeit der Neandertaler

Wann breiteten sich unsere Vorfahren in Zentraleuropa aus? In Österreich gefundene Steinwerkzeuge deuten darauf hin, dass moderne Menschen bereits vor etwa 43.500 Jahren dort siedelten. Das ist deutlich früher als nach bisherigen Funden angenommen, wie ein internationales Forscherteam im Magazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichtet. Der Fund bestätigt auch das Aufeinandertreffen von modernem Mensch und Neandertaler in Europa.
Typische Steinwerkzeuge vom Fundort Aurignac, nach dem die indikative Aurignacien-Kultur moderner Menschen benannt ist.

Typische Steinwerkzeuge vom Fundort Aurignac, nach dem die indikative Aurignacien-Kultur moderner Menschen benannt ist.

Dem momentanen Stand der Forschung zufolge besiedelten moderne Menschen Europa vor wenigstens 40.000 Jahren und begannen den Neandertaler zu verdrängen. Möglicherweise setzte dieser Prozess allerdings schon deutlich früher ein. „Leider gibt es kaum Skelettreste des modernen Menschen aus der jüngeren Altsteinzeit, sodass wir andere Funde nutzen müssen um herauszufinden, wann die ersten modernen Menschen erschienen", sagt Bence Viola vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Es sind beispielsweise Überreste des Homo sapiens gefunden worden, die eindeutig der Kultur des Aurignacien zugeordnet werden können. Daher denken wir, dass es sich bei dieser Kultur um einen guten Indikator für die Präsenz des modernen Menschen handelt."

Menschliche Kultur und Schnecken als Informanten


Diese archäologische Kultur haben Viola und Kollegen nun neu datieren können: Die Wissenschaftler fanden an der Fundstätte der berühmten Venus von Willendorf in Österreich Steinwerkzeuge, die sie der Kultur des Aurignacien zuordnen. „In Willendorf konnten wir das frühe Aurignacien auf ein Alter von 43.500 Jahren datieren, um einiges früher als anderswo", so Viola. Damit sind die Werkzeuge älter als andere entsprechende Funde.

Ausgrabungsarbeiten in Willendorf II.

Ausgrabungsarbeiten in Willendorf II.

Die Steinwerkzeuge wurden in Sedimentschichten gefunden, die im Laufe verschiedener Warm- und Kaltperioden während der letzten Eiszeit entstanden sind. Für die Einschätzung der Eigenschaften des damalige Lebensraums nutzten die Forscher kuriose Informanten: Schnecken. „Mollusken sind für die Rekonstruktion prähistorischer Landschaften hervorragend geeignet, weil sie sehr empfindlich auf Änderungen der Temperatur und Feuchtigkeit reagieren. Schon bei kleinsten Klimaveränderungen kommen also andere Arten von Schnecken vor", sagt Viola. Die Auswertungen zeigten, dass die klimatischen Bedingungen während der frühen Siedlungsperiode des modernen Menschen einem kühlen steppenähnlichen Klima mit Nadelholzwäldern entlang von Flusstälern entsprachen.


Zusammentreffen mit Neandertalern


„Es ist besonders interessant, dass die Kultur des Aurignacien in Willendorf in einer relativ kalten Klimaperiode auftritt. Diese frühesten Siedler waren also bereits an verschiedene klimatische Bedingungen angepasst, für die sie verschiedene Überlebensstrategien benötigen", sagt Philip Nigst von der University of Cambridge. Diese Präsenz des modernen Menschen überschneidet sich interessanterweise mit direkt datierten Überresten von Neandertalern, berichten die Forscher. „Die neuen Daten aus Willendorf zeigen deutlich, dass moderne Menschen schon im heutigen Österreich lebten, als Teile Europas noch von Neandertalern besiedelt waren.

Die beiden Arten trafen also möglicherweise aufeinander, und es kam zu einem Partner- und Ideenaustausch", sagt Philip Nigst von der University of Cambridge. „Die Veränderungen der materiellen Kultur der letzten Neandertalergruppen stehen also sehr wahrscheinlich mit dem direkten oder indirekten Kontakt der Neandertaler mit modernen Menschen im Zusammenhang", ergänzt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.
(PNAS, 2014; doi: 10.1073/pnas.1412201111)
(Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., 24.09.2014 - MVI)
 
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