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Freitag, 26.05.2017
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Kühleffekt durch trockene Moore

Eingriffe in das Gewässernetz haben Folgen für lokales Klima

Dass Flussbegradigungen und das Trockenlegen von Mooren nicht nur Folgen für die Gewässer selbst haben, haben jetzt Berner Geographen am Beispiel des Schweizer Seelands nachgewiesen: 150 Jahre Landnutzung haben hier auch das lokale Klima abgekühlt.
Schweizer Seeland bei Neuchatel

Schweizer Seeland bei Neuchatel

Zwischen 1850 und heute wurden im Jura rund 400 Quadratkilometer zusammenhängende Feuchtgebiete zu Kulturland umgestaltet und seither landwirtschaftlich genutzt. Die Folgen sind um 0,3 Grad kühlere Tagestemperaturen, belegten Werner Eugster und Nicolas Schneider in einer Studie des Geographischen Instituts an der Universität Bern. «Das heißt aber nicht, dass es im Seeland nun wirklich kühler geworden ist, denn dieser lokale Effekt könnte durch die globale Klimaerwärmung ausgeglichen worden sein,» betont Nicolas Schneider. Ziel des Projekts war es, anhand der Gewässerkorrekturen im Seeland sowohl globale als auch lokale Klimaveränderungen nachzuweisen.

Klimaexperten überrascht


Der Grund für die Abnahme der sommerlichen Tagestemperaturen ist die veränderte Pflanzen- und Bodenoberfläche. Die Vegetation ist heller geworden. Deshalb wird ein größerer Teil des einfallenden Sonnenlichts reflektiert und weniger Energie absorbiert. Durch die Entwässerung haben sich aber auch die Bodeneigenschaften verändert. Die trockeneren Böden leiten nun tagsüber mehr Wärme von der Oberfläche weg in tiefere Bodenschichten. In der Nacht kehrt sich dieser Prozess um. Die in tieferen Schichten gespeicherte Wärme steigt wieder Richtung Oberfläche. Die nächtlichen Temperaturen sind daher heute im Sommer wärmer, und zwar ebenfalls um durchschnittlich 0,3 Grad. Die täglichen Temperaturschwankungen sind damit insgesamt um durchschnittlich 0,6 Grad geringer geworden, natürlich immer gemäß Modellrechnung. Das Resultat hat sogar die Klimafachleute überrascht. «Hätte man uns vor dieser Untersuchung gefragt, was herauskommen werde, so hätten wir wohl geantwortet, dass es wärmer geworden sein müsse,» sagen die Klimatologen. Denn in Mooren und Sümpfen, wie sie vor den Gewässerkorrektionen bestanden, ist es feucht und kalt.

Schmetterlingseffekt für Voralpenland


Die Gewässereingriffe im Jura beeinflussen aber nicht nur das Klima im Seeland. Der Wind transportiert Luftmassen bis zu 40 Kilometer in Richtung Voralpen. Auch dort sind noch Auswirkungen feststellbar: Die Luftmassen, die gegen die Alpen verfrachtet werden, sind nämlich trockener geworden. Der Grund liegt darin, dass die Feuchtigkeit, die vom Boden des Seelandes verdunstet, in Bodennähe hängen bleibt statt sich in höhere Luftschichten zu verteilen. Denn der vertikale Luftaustausch hat wegen der geringeren Absorption von Sonnenwärme abgenommen. Deshalb ist die Luft, die vom Seeland her gegen die Alpen weht, trockener. «Die Luftmassen müssen also in den Voralpen höher steigen, bis sie schließlich ausregnen.» Das ist der Schluss, den die Klimatologen daraus ziehen.


Komplexes Klimamodell


Mit einem komplexen Modell, haben die Forscher die Werte von drei Monaten aus der Zeit vor und nach dem Eingriff berechnet. Für die Berechnungen wurde jeweils nur die Landnutzung verändert, alle anderen Faktoren blieben gleich. Wie die Landschaft vor den Eingriffen ausgesehen haben muss, entnahmen die Forscher historischen Landkarten, vor allem der Dufourkarte, dem ersten einheitlichen, amtlichen Kartenwerk. Für die heutige Landnutzung verwendeten sie die Arealstatistik. Die berechneten Resultate für heute konnten mit gemessenen Werten verglichen werden und stimmen gut überein. Für die Zeit vor den Gewässerkorrekturen gibt es dagegen kaum Daten, so dass eine Kontrolle nicht möglich ist. «Wir gehen jedoch davon aus, dass die Resultate in etwa übereinstimmen, das Modell funktioniert ja auch für die heutige Zeit.»

Gigantische Ingenieurleistung


Ein Vorhaben wie die Eingriffe im Seeland wäre heute nicht mehr denkbar: Moore, Sümpfe, Auenlandschaften, rund 400 Quadratkilometer Feuchtgebiete wurden umgestaltet. Vor gut 150 Jahren begann das gigantische Projekt: Die Aare wurde von Aarberg direkt in den Bielersee umgeleitet, der Ausfluss aus dem Bielersee vergrößert, Murten-, Neuenburger- und Bielersee mit Kanälen verbunden. Treibende Kraft hinter diesem Vorhaben war Johann Rudolf Schneider, der vor 200 Jahren, am 23. Oktober 1804, im Seeländer Dorf Meienried geboren wurde. Dort musste er mehrmals erleben, wie die Aare sein Elternhaus überflutete. Er galt als «Retter in der Not», Retter vor Überschwemmungen, hoher Sterblichkeit und nicht zuletzt vor der immer wieder auftretenden Malaria.
(Geographisches Institut der Universität Bern, 23.09.2004 - ESC)
 
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