Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Mittwoch, 08.02.2012
Antarktis-Meereis: Schneefall schützt vor Schmelze - noch
Schutzwirkung durch veränderte Niederschlagsmuster kann sich schon bald umkehren
Während das arktische Meereis dahinschmilzt, schützt ein verstärkter Schneefall die Eisflächen im Südpolarmeer vor dem Schwinden - noch. Denn dieser jetzt von amerikanischen Forschern aufgedeckte Schutzmechanismus ist nicht von Dauer: Noch in diesem Jahrhundert könnte das sensible Gleichgewicht umkippen und das antarktische Meereis dann umso schneller schmelzen, wie die Wissenschaftler anhand von Klimamodellrechnungen in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Science“ demonstrieren.

Meereis am antarktischen Ross-Eisschelf
Meereis am antarktischen Ross-Eisschelf
© NOAA Meereis am antarktischen Ross-Eisschelf
In den letzten Jahren und Jahrzehnten schrumpft das arktische Meereis in alarmierender Geschwindigkeit. Schuld daran ist der Klimawandel, der sich besonders in den Polargebieten der Arktis besonders stark durch steigende Temperaturen bemerkbar macht. Am anderen Ende der Erde jedoch, im Südpolarmeer, scheint der Klimawandel bisher kaum Wirkung zu zeigen. In einigen Gebieten hat sich die Fläche des antarktischen Meereises sogar leicht erhöht. Aber warum? Immerhin sind auch dort die Lufttemperaturen gestiegen. Diese Frage haben jetzt Wissenschaftler vom Georgia Institute of Technology untersucht.

„Wir wollten dieses scheinbare Paradox ergründen, damit wir besser verstehen können, was durch den Klimawandel im kommenden Jahrhundert mit dem antarktischen Meereis geschehen könnte“, erklärt Jiping Liu vom Georgia Tech. Liu und ihre Kollegen nutzten zwei gekoppelte Atmosphären-Ozeanmodelle, um die Entwicklung von Lufttemperatur, Niederschlägen, Meerestemperaturen und Eisentwicklung der letzten Jahrzehnte zu analysieren, Auch die Entwicklung bis zum Ende des 21. Jahrhunderts modellierten die Forscher.

Niederschlagsveränderungen 1993-2005 gegenüber dem Durchschnitt der davorliegenden zwei Jahrzehnte.
Niederschlagsveränderungen 1993-2005 gegenüber dem Durchschnitt der davorliegenden zwei Jahrzehnte.
© Georgia Institute of Technology Niederschlagsveränderungen 1993-2005 gegenüber dem Durchschnitt der davorliegenden zwei Jahrzehnte.
Schneefall schützt Eis
Die Auswertungen ergaben, dass die antarktischen Meereismassen in den letzten Jahrzehnten von einer Art ausgleichendem Mechanismus profitierten: Zwar erwärmte sich auch dort die Luft und in geringerem Maße das Meerwasser, gleichzeitig aber veränderten sich die Niederschlagsmuster. Im Zeitraum von 1979 bis 1999 fiel in weiten Bereichen des Südpolarmeers deutlich mehr Schnee als in den 1950er und 1960er Jahren. Diese Schneeschicht trug dazu bei, die Eisschicht und die obersten Wasserschichten zu isolieren und vor einem Abschmelzen zu schützen. Gleichzeitig reflektiert frisch gefallener Schnee das Sonnenlicht stärker und schützt auch damit vor einer Erwärmung des Eises.

Schutzwirkung kippt um
Doch leider hält dieser Schutzmechanismus nicht an: Im nächsten Schritt simulierten die Wissenschaftler die voraussichtliche Entwicklung von Treibhausgasemissionen und Temperaturen für das 21. Jahrhundert. Mit fortschreitender Erwärmung, so zeigten die Modelle, verkehrt sich der Vorteil durch die stärkeren Niederschläge ins Gegenteil. Denn dann fallen diese nicht mehr als Schnee, sondern vermehrt als Regen. Als Folge taut das Meereis nun deutlich schneller von oben, und gleichzeitig von unten durch das sich erwärmende Meer.

„Wir könnten, innerhalb von nur Jahrzehnten, ein Umkippen in der Antarktis erleben und damit dann auch dort ein Schwinden des Meereises“, erklärt Judith A. Curry, Professorin für Geo- und Atmosphärenwissenschaften am Georgia Tech. Der jetzige Status sei daher kein Grund zur Entwarnung.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Antarktis, Klimawandel, Erwärmung, Meereis, Eisschmelze, Südpolarmeer, Schnee, Niederschlagsmuster, Regen, Klima, Westantarktis
Weitere News zum Thema
Meer produziert ozonschädliche Stoffe (02.02.2012)
Halogenverbindungen steigen aus flachen Küstenbereichen auf
Arktisches Ozonloch droht vermutlich öfter (19.01.2012)
Ungewöhnlich tiefe Temperaturen in der Stratosphäre verstärken Ozonabbau
Klimawandel erleichtert Albatrossen die Nahrungssuche (13.01.2012)
Größte Vogelart passt Ernährungsverhalten den veränderten Windverhältnissen an
Erste Wolkenprobe aus extremer Höhe (05.01.2012)
Probenahme in polaren Stratosphärenwolken hilft bei Erforschung des Ozonabbaus
Einzigartige Lebenswelt an antarktischen Tiefsee-Quellen entdeckt (04.01.2012)
Forscher finden nie zuvor gesehene Tierarten an unterseeischen Schloten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
CryoSat
Planet Erde
Antarktis
Verlierer Mensch?
Dossiers zum Thema
Meereis
Wimmelndes Leben in salzigen Kanälen
Meereis adé?
Erster internationaler Polartag für eine schwindende Eiswelt
CryoSat: Mission ins Eis
Ein Satellit vermisst die Eisbedeckung unseres Planeten
Eisberg ahoi!
Vergängliche Kolosse der Polarmeere
Gletscher
Weiße Riesen auf dem Rückzug
Grönland im Schwitzkasten
Eisiges Naturparadies in Gefahr
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
News des Tages
Antarktis-Meereis: Schneefall schützt vor Schmelze - noch
Eifelvulkane: Magmakammer vermutlich noch aktiv
Erste Schwämme schon vor 650 Millionen Jahren
Vernichtung von Krebszellen kann krank machen
Protein-Gegenspieler steuern Vakuolenbildung von Pflanzen
Pilze programmieren Ameisen um – seit Jahrmillionen
Nano-Magnete reinigen Blut
Bücher zum Thema
Wetter, Klima und Klimawandel
Wissen für eine Welt im Umbruch von Nadja Podbregar, Harald Frater und Karsten Schwanke
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Der Arktis- Klima-Report
von Michael Benthack und Maren Klostermann (Übersetzer)
Der Klimawandel
von Stefan Rahmstorf und Hans J. Schellnhuber
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway