Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Generalschalter der Zelle identifiziert
Acetylierung viel weiter verbreitet als bisher vermutet
Die Steuerung zellulärer Prozesse läuft häufig über nachträgliche Veränderungen bereits vorhandener Proteine. Wissenschaftler haben nun gezeigt, dass das reversible Anhängen von so genannten Acetylgruppen (Essigsäureresten) praktisch alle Lebensbereiche der menschlichen Zelle beeinflusst und eine viel größere Bedeutung hat als bisher vermutet.

Modell eines gefalteten Proteins
Modell eines gefalteten Proteins
© DOE
Ob Zellteilung, Signalübertragung oder Alterungsprozesse - überall spielen Acetylgruppen als molekulare Schalter eine Rolle. Dies macht die beteiligten Moleküle auch zu einem wichtigen Ziel für die Entwicklung neuer Medikamente gegen Erkrankungen wie Krebs, Alzheimer und Parkinson, so die Forscher des Max-Planck-Instituts für Biochemie und der Universität Kopenhagen im Wissenschaftsmagazin „Science“.

Acetylierung als Universalprinzip
Proteine werden gesteuert, indem kleine Schaltermoleküle an sie andocken und dadurch bestimmte Funktionen an- oder abschalten. Im Fall der Acetylierung wird eine Acetylgruppe an das Protein angehängt, die durch bestimmte Enzyme – so genannte Deacetylasen - wieder entfernt werden kann. Dieser Prozess spielt laut den Ergebnissen der neuen Studie für zahlreiche zelluläre Abläufe eine Schlüsselrolle.

Dank einer eigens entwickelten innovativen Technologie konnten die Wissenschaftler zum ersten Mal im gesamten Proteinbestand der Zelle nach Schaltstellen suchen, an denen Acetylgruppen andocken können. Insgesamt entdeckten die Forscher mehr als 3.600 solcher Schaltstellen in fast 1.800 Proteinen auf. Damit ist die Acetylierung viel weiter verbreitet als bisher vermutet.

„Wir konnten die Zahl der bekannten Acetylierungsstellen um den Faktor sechs erhöhen und erstmals eine umfassende Einsicht in diese Art der Protein-Modifikation gewinnen“, erklärt Professor Matthias Mann vom Max-Planck-Institut für Biochemie.

Ohne Acetylierung funktionieren Zellen nicht
Früher gingen Wissenschaftler davon aus, dass die Acetylierung von Proteinen vor allem für die Genregulation im Zellkern eine Rolle spielt. Die neuen Ergebnisse zeigen nun aber, dass praktisch jeder zelluläre Prozess davon betroffen ist, zum Beispiel Zellteilung, DNA-Reparatur oder die Übertragung von Signalen - ohne Acetylierung könnte die Zelle nicht funktionieren.

Wie essentiell Acetylierung sein kann, zeigt das Beispiel Cdc28: Dieses Enzym ist notwendig, damit Hefezellen sich teilen können. Funktioniert der Acetyl-Schalter nicht, wird das Enzym komplett abgeschaltet - die Hefezelle stirbt.

Bald neue Medikamente?
Defekte in der Protein-Regulation tragen nach Angaben der Forscher zur Entstehung zahlreicher Krankheiten bei, daher ist die Acetylierung ein viel versprechender Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Medikamente. Besonders in der Krebstherapie gibt es hierzu schon erfolgreiche Ansätze, die darauf beruhen, dass Deacetylasen gehemmt werden. Zwei derartige Wirkstoffe werden bereits für die Therapie bestimmter Formen der Leukämie eingesetzt.

„Ein anderer Prozess, der wesentlich durch die Acetylierung mitbestimmt wird, ist das Altern“, erzählt der Erstautor der Studie Chunaram Choudhary, der jetzt Professor am Novo Nordisk Center für Proteinforschung der Universität Kopenhagen ist. Die Beeinflussung dieses molekularen Schalters ist daher auch für die Behandlung altersbedingter neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson sehr interessant.

Wie reagieren Acetyl-Schalter auf Wirkstoffe?
Trotz ihrer großen biologischen und klinischen Bedeutung war die Acetylierung in der lebenden Zelle bisher nur schlecht verstanden. Mit Hilfe ihrer neuen Methodik können die Wissenschaftler nun erstmals umfassend untersuchen, wie die Acetyl-Schalter auf Wirkstoffe reagieren - vor allem auch für Medikamentenentwicklung verspricht dies einen erheblichen Fortschritt.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Zellen, Proteine, DNA, Krebs, Alzheimer, Parkinson, Krankheit, Medizin, Acetylgruppen, Acetylierung, Zellteilung, DNA-Reparatur, Signale
Weitere News zum Thema
Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig (10.02.2012)
Wirkstoff Bexaroten beseitigt Gedächtnisstörungen und Eiweiß-Plaques bei Mäusen
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Warum der Mittelfinger so eine lange Leitung hat (08.02.2012)
Hemmung von den Nachbarnervenzellen bestimmt die Reaktionsgeschwindigkeit
Blick ins Hirn verrät Abschneiden im Reaktionstest (07.02.2012)
Hirnaktivität kann voraussagen, wie gut jemand ein Videospiel beherrscht
Gen macht anfällig für Anthrax-Gift (07.02.2012)
Forscher finden große Spannbreite der Toxin-Empfindlichkeit innerhalb der Bevölkerung
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Krebs
Gehirnforschung
Gliazellen
Genetik
Dossiers zum Thema
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
Viren und Krebs
Entdeckungsgeschichte einer „unmöglichen“ Beziehung
Rätsel Hirnschwund
Auf der Suche nach den Ursachen von Alzheimer und Parkinson
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
News des Tages
Gigantischer Tropensturm über dem Titan
Hefepilz Candida ist „bisexuell“
Parkinson: Eisensammeln bis zum Untergang
Zwei Wochen „Malle“ verursachen eine Tonne CO2
Handy-Metalle werden knapp
Generalschalter der Zelle identifiziert
Cannabis heilt Heroinsucht
Bücher zum Thema
Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie
von Lutz Nover und Pascal von Koskull-Döring
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Medikamente bei Krebs
von Annette Bopp
Thema Krebs
von Hilke Stamatiadis- Smidt, Harald zur Hausen und Otmar D. Wiestler
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes