Langes Ausschlafen am Wochenende bringt den Stoffwechsel sogar noch mehr durcheinander Wochenendschlaf: Mehr Schaden als Nutzen? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Wochenendschlaf: Mehr Schaden als Nutzen?

Langes Ausschlafen am Wochenende bringt den Stoffwechsel sogar noch mehr durcheinander

Ausschlafen
Am Wochenende holen wir oft den werktags versäumten Schlaf nach – aber bringt das was? © gilaxa/ iStock

Von wegen heilsames Ausschlafen: Wenn wir wochentags zu wenig schlafen und dann am Wochenende den Schlaf nachholen, bringt das unserer Gesundheit überraschend wenig – im Gegenteil. Denn dieser Rhythmuswechsel bringt unsere innere Uhr erst recht aus dem Takt und fördert Übergewicht und Diabetes-Vorstufen, wie nun ein Schlaflabor-Experiment belegt. Das bedeutet: Wer diese Folgen des Schlafmangels vermeiden will, muss regelmäßig genügend schlafen – nachholen am Wochenende bringt nichts.

Die meisten Menschen schlafen wochentags zu wenig und leiden daher unter einem chronischen Schlafdefizit. Das jedoch hat Folgen: Wir sind müde, reizbar und unkonzentriert, weil Gehirn und Körper zu wenig Zeit für die nächtliche Regeneration und Aufräumphase bekommen. Gleichzeitig erhöht chronischer Schlafmangel auch das Risiko für Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, wie Studien belegen. Unter anderem deshalb empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO mindestens sieben Stunden Schlaf täglich.

Zwei Wochen im Schlaflabor

Das Problem: Die meisten Menschen schaffen wochentags keine sieben Stunden Schlaf – und holen das Versäumte dann am Wochenende nach. Aber reicht das Ausschlafe am Wochenende, um die schädlichen Effekte des werktäglichen Schlafmangels auszugleichen? Das haben nun Christopher Depner von der University of Colorado in Boulder und seine Kollegen untersucht.

Für ihre Studie baten die Forscher 36 junge, gesunde Versuchspersonen für zwei Wochen ins Schlaflabor. Nach einer Eingewöhnungsphase wurde diese in drei Gruppen aufgeteilt: Die Kontrollgruppe bekam täglich neun Stunden, eine zweite nur fünf Stunden Schlaf. Die dritte Gruppe folgte dem typischen Wochenrhythmus: Montag bis Freitag nur fünf Stunden Schlaf, dann zwei Tage lang beliebig langes Ausschlafen, bevor wieder der Werktags-Modus begann.

Bei allen Probanden kontrollierten die Forscher anfangs und nach zwei Wochen das Körpergewicht, die Kalorienzufuhr und die Essensmenge, aber auch die Insulinsensibilität verschiedener Gewebe und den Spiegel des Schlafhormons Melatonin.

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Übergewicht und Schlafmangel trotz Wochenende

Das überraschende Ergebnis: Der längere Wochenendschlaf brachte gesundheitlich nur wenig Vorteile – eher im Gegenteil. Zum einen schafften es die Versuchspersonen nicht, ihr Schlafdefizit durch das Ausschlafen auszugleichen. Im Schnitt schliefen sie insgesamt nur 1,1 Stunden Schlaf länger – trotz eines angesammelten Schlafdefizits von mehr als zwölf Stunden. „Dadurch wurden Schlafschulden noch bis in die zweite Woche mitgeschleppt“, erklären die Forscher.

Zum anderen aber zeigten die Wochenend-Schläfer die gleichen negativen Veränderungen ihres Verhaltens und Stoffwechsels wie die Dauer-Kurzschläfer: Sie nahmen im Laufe des Experiments 1,3 bis 1,4 Kilogramm zu, weil sie mehr Kalorien zu sich nahmen und vor allem abends und nachts mehr Snacks naschten. Zudem verschob sich der Peak des Schlafhormons Melatonin nach hinten – ein Zeichen für eine Verschiebung der inneren Uhr.

Zuckerstoffwechsel gestört

Noch überraschender aber waren die Auswirkungen auf den Zuckerstoffwechsel: Bei den Dauer-Kurzschläfern sank die Insulinsensibilität von Muskeln und anderen Geweben im Schnitt um 13 Prozent. Doch bei den Wochenendschläfern verringerte sich die Sensibilität sogar um bis zu 27 Prozent. „Das hatten wir so nicht erwartet“, konstatiert Depner. Dieses Resultat zeige, dass das Schlafnachholen zumindest für den Stoffwechsel weniger bringt als gedacht.

Die Forscher vermuten, dass diese erstaunlich negativen Folgen auf die Veränderung des normalen Rhythmus zurückgehen. „Es ist wie ein Jojo-Effekt: Am Wochenende verändern wir unsere Essenszeiten und unsere innere Uhr und kehren dann montags zum alten Schlafmangel-Rhythmus zurück – das ist extrem disruptiv“, erklärt Depners Kollege Kenneth Wright. Die wechselnde Schlafdauer könnte unseren Körper demnach sogar mehr stressen als der Schlafmangel allein.

Nur die Regelmäßigkeit bringt’s

Mit anderen Worten: Wer seinem Körper etwas Gutes tun möchte, der sollte versuchen, regelmäßig mindestens sieben Stunden Schlaf zu bekommen. „Denn das gängige Verhalten, wochentags am Schlaf zu sparen und dann am Wochenende alles nachzuholen, ist keine effektive Gesundheitsstrategie“, sagt Wright. (Current Biology, 2019; doi: 10.1016/j.cub.2019.01.069)

Quelle: University of Colorado at Boulder, Cell Press

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