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Kaugummi warnt vor Infektionen

Bitterstoff weist beim Kauen auf die Anwesenheit von Krankheitserregern hin

Kaugummi
Bahnt sich im Mund eine Infektion an? Die Antwort könnte ein spezielles Kaugummi liefern. © nyul/ istock

Diagnose per Kautest: Forscher haben ein Kaugummi entwickelt, das auf Infektionen im Mundraum hinweist. Denn sind krankmachende Bakterien im Speichel vorhanden, wird beim Kauen ein Bitterstoff freigesetzt – er dient Betroffenen als geschmackliches Warnsignal. Auf diese Weise kann der Kaugummi-Schnelltest zum Beispiel Parodontitis oder Mandelentzündungen diagnostizieren. Ein Startup soll das Produkt nun zur Markreife bringen.

Kaugummikauen gehört für viele von uns zum Alltag: Die aromatisierte Masse hilft gegen Mundgeruch, kann die Zeit bis zum nächsten Snack überbrücken und sogar die Aufmerksamkeit fördern oder gegen Ohrwürmer helfen. Speziellen Zahnpflegekaugummis wird darüber hinaus auch ein gesundheitsfördernder Effekt nachgesagt – sie sollen Karies vorbeugen.

Bittere Warnung

Ein Forscherteam um Lorenz Meinel von der Universität Würzburg entwickelt derzeit ein Kaugummi, das noch mehr kann. Es warnt den Kauenden vor Infektionen im Mundraum. Praktisch funktioniert das so: Liegt eine Entzündung vor, wird beim Kauen des Kaugummis ein bitterer Stoff freigesetzt und signalisiert so geschmacklich, dass etwas nicht stimmt.

Dieser Bitterstoff ist mit einer Kette aus Aminosäuren ummantelt, die verhindert, dass die Zunge ihn von Anfang an schmecken kann. Erst durch die Arbeit bestimmter proteinabbauender Enzyme wird die schützende Hülle abgetrennt und der bittere Geschmacksstoff isoliert freigesetzt. Von diesem Moment an wird jeder, der das Kaugummi kaut, einen deutlich bitteren Geschmack wahrnehmen. Der Clou: Die für diesen Vorgang nötigen Enzyme sind typischerweise bei bakteriellen Entzündungen im Speichel vorhanden. Liegt keine Infektion vor, bleibt der Kaugummigeschmack dagegen neutral.

Auf dem Weg zur Marktreife

Bereits 2017 berichteten die Wissenschaftler um Erstautorin Jennifer Ritzer von ihrer Entwicklung im Fachmagazin „Nature Communications“. Sie zeigten damals mithilfe einer künstlichen Zunge, dass Speichelproben kranker Patienten verlässlich von denen gesunder Probanden unterschieden werden können. Die Trefferquote war dabei ähnlich gut oder sogar besser als bei anderen verfügbaren Testverfahren zur Diagnose von Entzündungen.

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Jetzt folgt der nächste Schritt: Ein Startup arbeitet daran, das Kaugummi zur Marktreife zu bringen. Schafft es das Produkt tatsächlich ins Apothekenregal, würde das die Diagnose von Infektionen im Mundraum deutlich erleichtern. Abstriche und Laboranalysen sind dann im Idealfall nicht mehr nötig, wie die Entwickler betonen. Und schon nach zwei Minuten liegt ein Ergebnis vor, das dem Arzt Entscheidungshilfe für die weitere Behandlung bietet. Das Produkt soll dem Team zufolge vor allem als Ergänzung zu bestehenden Tests, als Vorscreening oder niederschwellige Überwachung dienen.

Von Parodontitis bis Scharlach

Doch für welche Krankheitsbilder eignet sich der Schnelltest per Kaugummi überhaupt? Ursprünglich konzipierten Meinel und sein Team ihr diagnostisches Kaugummi für die Früherkennung von Komplikationen nach dem Einsetzen von Zahnimplantaten. Denn bei immerhin sechs bis 15 Prozent der Patienten kommt es in den ersten Jahren nach dem Eingriff zu einer Entzündung, Peri-Implantitis genannt. Sie führt dazu, dass das Gewebe und der Knochen rund um das Implantat angegriffen werden.

Doch auch Leiden wie Parodontitis, Mandelentzündungen oder Scharlach könnten in Zukunft mittels Kautest diagnostiziert werden. Sogar für die viralen Erreger von Influenza und anderen Krankheiten ließe sich das Kaugummi „scharfmachen“, wie Meinel erklärt. Die einzige Voraussetzung: Die Krankheitserreger müssen sich im Speichel nachweisen lassen.

Klappt die Zulassung?

Bis es das diagnostische Kaugummi zu kaufen gibt, gilt es allerdings noch ein paar Hürden zu überwinden. So muss das Kaugummi in echten Mündern erprobt und schließlich von den Behörden zugelassen werden. Da das Kaugummi als Testsystem innerhalb des menschlichen Körpers zum Einsatz kommen soll, wird es von den Zulassungsbehörden voraussichtlich als Medizinprodukt klassifiziert, vermutet der geschäftsführende Gesellschafter des Kaugummi-Startups „3a-diagnostics“ Heinrich Jehle.

Damit betritt das Startup Neuland: „Wir sind meines Wissens weltweit die Ersten, die für solch ein Produkt eine Zulassung beantragen“, sagt Jehle. Trotzdem sind er und seine Mitstreiter zuversichtlich, das Produkt innerhalb von zwölf bis 15 Monaten zur Marktreife zu bringen und schließlich auch in die Apotheken. Dort soll das Diagnose-Kaugummi dann rezeptfrei erhältlich sein.

Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg

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