Mikrobielles Abbauprodukt der Frucht könnte bei Morbus Crohn und Co helfen Granatapfel-Metabolit gegen Darmentzündung? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Mikrobielles Abbauprodukt der Frucht könnte bei Morbus Crohn und Co helfen

Granatapfel-Metabolit gegen Darmentzündung?

Granatapfel
Ein mikrobielles Abbauprodukt von Granatapfel könnte gegen Darmentzündungen helfen. © anandaBGD/ istock

Hoffnung für Betroffene: Ein Abbauprodukt von Granatäpfeln könnte sich als wirksames Mittel gegen entzündliche Darmerkrankungen entpuppen. Darauf deutet nun ein Versuch mit Mäusen hin. Demnach lindert die von Mikroben der Darmflora produzierte Substanz die für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa typischen Entzündungen und wirkt einer krankhaften Durchlässigkeit der Darmwand entgegen.

Millionen Menschen weltweit leiden unter chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Allein in Deutschland sind rund 300.000 Patienten von diesen Leiden betroffen. Bei ihnen führen chronische Entzündungen der Darmschleimhaut zu unangenehmen Beschwerden wie Durchfall und Bauchschmerzen.

Was genau diese Entzündungen verursacht, ist bisher noch nicht vollständig geklärt. Bekannt ist aber, dass unter anderem die Darmflora eine Rolle spielen könnte. Zudem scheint zumindest bei einem Teil der Betroffenen die schützende Darmbarriere „undicht“ zu sein. Das heißt: Sie ist durchlässiger für schädliche Stoffe, die dadurch – anders als bei Gesunden – die Darmwand passieren können.

Anti-entzündliches Abbauprodukt

Auf der Suche nach neuen Therapiemöglichkeiten für Morbus Crohn und Co richten Forscher ihr Augenmerk auch auf die Ernährung. So hat sich in der Vergangenheit beispielsweise gezeigt, dass die in hohen Konzentrationen in Granatäpfeln, Erdbeeren und Himbeeren vorkommende Ellagsäure von bestimmten Bakterien in unserem Darm zu Abbauprodukten mit anti-entzündlichen Eigenschaften verstoffwechselt wird: den Urolithinen.

Könnten diese Phenole auch bei entzündlichen Darmerkrankungen heilsam wirken? Dies haben Rajbir Singh von der University of Louisville und seine Kollegen nun am Beispiel von Urolithin A an Mäusen untersucht. Dafür verabreichten sie an induzierten chronischen Darmentzündungen leidenden Nagern sieben Tage lang eine Dosis des Wirkstoffs mit dem täglichen Futter.

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Heilsame und vorbeugende Wirkung

Es zeigte sich: Tatsächlich gingen die Entzündungen im Darm durch die Behandlung merklich zurück. Die Mäuse verloren weniger an Gewicht als die Kontrolltiere, ihre Symptome schwanden und auch die Entzündungsmarker im Blut nahmen ab. „Passend zu diesen Ergebnissen zeigten Analysen von Dickdarmproben signifikant weniger Gewebeschäden und Entzündungsmerkmale“, berichten die Forscher.

Das Urolithin schien jedoch nicht nur einen therapeutischen, sondern auch einen vorbeugenden Effekt zu haben. Denn wurden Mäuse mit der Substanz gefüttert, bevor die Erkrankung bei ihnen induziert wurde, entwickelten sie später keine Darmentzündung. Ähnliche Ergebnisse erzielten die Forscher auch mit der Gabe eines synthetisch hergestellten Pendants des natürlichen Stoffs.

Reparierte Darmbarriere

Darmentzündung
Urolithin A repariert offenbar die Darmbarriere, wodurch es zu weniger Entzündungen kommt. © Praveen Kumar Vemula

Das eigentlich Interessante aber: „Der gängigen Annahme nach gehen mögliche positive Wirkungen der Urolithine auf ihre anti-entzündlichen Eigenschaften zurück. Wir haben nun aber herausgefunden, dass ihre wichtigste Wirkweise eine andere ist“, berichtet Singh. So offenbarten weitere Experimente, dass sowohl Urolithin A als auch das synthetische Analogon UAS03 Defekte der Darmbarriere reparieren können.

Demnach aktivieren die Stoffe bestimmte Signalwege, die zu einer erhöhten Produktion sogenannter Tight-junction-Proteine führen. Tight junctions verschließen die Zwischenräume zwischen den Zellen des Darmepithels – sie spielen also eine tragende Rolle für eine intakte Darmbarriere. Nach Ansicht des Forscherteams ist es genau dieser Mechanismus, der das Urolithin zu einem so wirksamen Mittel gegen Darmentzündungen macht. Denn ist die Darmbarriere dicht, können keine möglicherweise Entzündungsreaktionen auslösenden Stoffe passieren.

Neuer Therapieansatz?

Sollten sich die beobachteten Ergebnisse künftig in klinischen Tests bestätigen, könnten sich damit neue Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen eröffnen. Neben einer entsprechenden Ernährungsweise halten die Wissenschaftler dabei vor allem die direkte Gabe von Urolithin A oder seinem synthetischen Pendant für vielversprechend.

„Für die Erzeugung nützlicher Metabolite im Darm braucht es die richtigen Mikroben. Unsere Studie zeigt, dass die direkte Aufnahme von Urolithin A einen Mangel dieser spezifischen Bakterien im Darm kompensieren kann“, schreibt das Team. Zudem sei bei dieser Therapieform auch kein ständiger Verzehr von Granatapfeln oder Beeren notwendig. (Nature Communications, 2019; doi: 10.1038/s41467-018-07859-7)

National Centre for Biological Sciences/ University of Louisvill

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