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Corona: Welche Maßnahmen waren am effektivsten?

Schulschließungen bringen überraschend viel, Ausgangsperren nur wenig

Corona-Shutdown
Nicht alle Eindämmungs-Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie sind gleich effektiv. © LeoPatrizi/ iStock

Klare Unterschiede: Forscher haben erstmals die Wirkung der einzelnen Shutdown-Maßnahmen im Detail ausgewertet – mit teils überraschenden Resultaten. Demnach haben Schulschließungen die Corona-Pandemie am effektivsten eingedämmt. Sie senkten die Virenausbreitung im Schnitt um 50 Prozent, wie die Daten aus 41 Ländern enthüllten. Dagegen hatten Ausgangsbeschränkungen überraschend wenig Effekt – vor allem gemessen an der damit verknüpften sozialen Belastung.

Inzwischen ist die heiße Phase der Corona-Pandemie in vielen Ländern Europas überstanden und die Eindämmungsmaßnahmen werden gelockert. In Deutschland konnte der monatelange Shutdown die unkontrollierte Ausbreitung von SARS-CoV-2 und damit auch die Überlastung des Gesundheitssystems effektiv verhindern, wie jüngste eine Studie belegte. Dafür haben die Maßnahmen schwerwiegende wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen hinterlassen.

Was bringt jede Maßnahme für sich genommen?

Das weckt die Frage, ob man einige der Folgen hätte verhindern können – beispielsweise durch eine gezieltere Auswahl der Maßnahmen statt eines kompletten oder nahezu kompletten Shutdowns. Um das herauszufinden, hat nun ein internationales Forscherteam um Jan Brauner von der University of Oxford untersucht, wie effektiv neun verschiedene Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus tatsächlich waren.

Der Clou dabei: Die Forscher haben für ihre Studie Daten aus 41 Ländern ausgewertet, in denen die Maßnahmen in jeweils unterschiedlichen Kombinationen und zeitlichen Abfolgen in Kraft gesetzt wurden. Das ermöglichte es ihnen, den Effekt der jeweils einzelnen Eindämmungsaktionen unabhängig von den restlichen einzuschätzen. Dadurch konnten sie ermitteln, wie stark jede dieser Maßnahmen für sich genommen die Virenausbreitung gemessen am Reproduktionswert verringert haben.

Von Mundschutz bis Ausgangsperre

Konkret haben die Wissenschaftler neun Maßnahmen untersucht, darunter das Tragen von Masken, das Testen aller Patienten mit Symptomen, die Schließung von Schulen, die Schließung aller nichtessenziellen Geschäfte und Betriebe und die Schließung nur von riskanten Betrieben wie Gaststätten, Nachtclubs oder Fitnessstudios. Außerdem analysiert wurde die Wirksamkeit von Ausgangsperren sowie das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1.000, mehr als 100 oder mehr als zehn Teilnehmern.

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„Unseres Wissens nach ist dies die bislang umfangreichste datengestützte Modellierung der Wirksamkeit solcher Maßnahmen auf die Coronavirus-Übertragung“, sagen Brauner und sein Team. Alle Daten stammten aus der Zeit vom 22. Januar bis zum 25. April und wurden in 34 europäischen und sieben außereuropäischen Ländern erhoben.

Maßnahmen im Vergleich
Verringerung der Reproduktionszahl R durch verschiedene Eindämmungs-Maßnahmen. © Brauner et al., /CC-by-nc 4.0

Schulschließung senkt R um 50 Prozent

Die Auswertung erbrachte gleich mehrere überraschende Ergebnisse. Eines davon: Als mit Abstand effektivste Maßnahme erwies sich die Schließung von Schulen. Unabhängig von anderen Maßnahmen senkte sie die Reproduktionszahl im Schnitt um 50 Prozent. „Auf die Schulschließungen folgte konsistent eine klare Verringerung der Virus-Ausbreitung“, schreiben die Forscher. Dieser Effekt sei unabhängig von der Reihenfolge oder Kombination der Maßnahmen nachweisbar.

„Dieses Resultat ist überraschend, aber der starke Effekt war in unseren Analysen bemerkenswert robust und blieb auch unter verschiedenen Vorannahmen und Modellvarianten erhalten“, sagen Brauner und seine Kollegen. Ihrer Ansicht nach deutet dieses Ergebnis auf eine bislang möglicherweise unterschätzte Rolle von Schulen und Universitäten hin.

Angesichts der in vielen Ländern bevorstehenden oder schon erfolgten Öffnung von Schulen empfehlen die Wissenschaftler, das Geschehen dort sehr genau zu überwachen und weiter zu untersuchen.

Ausgangssperren wären verzichtbar

Ebenfalls überraschend: Ausgangsperren haben für sich genommen einen vergleichsweise geringen Effekt – vor allem gemessen an der hohen sozialen Belastung. Den Analysen zufolge senkten sie die Reproduktionszahl im Schnitt nur um 14 Prozent. Nach Ansicht von Brauner und seinem Team legt dies nahe, dass man auf diesen strikten Lockdown verzichten könnte, wenn man stattdessen andere Maßnahmen nutzt.

„Wenn Länder Ausgangssperren verhängt haben, haben sie nahezu immer auch gleichzeitig oder schon davor Veranstaltungen verboten und nichtessenzielle Betriebe und Schulen geschlossen“, erklären die Forscher. Diese Maßnahmen zusammen reichten aber meist schon aus, um die Virenausbreitung stark genug einzudämmen. „Insofern wäre es akzeptabel, wenn man die belastenden Ausgangsperren weglässt, sofern die anderen Maßnahmen in Kraft bleiben“, so Brauner und seine Kollegen.

Gewerbe: Wenige Schließungen könnten reichen

Mehr Details gibt es auch in Bezug auf die Schließung von Geschäften und Betrieben: Betrifft dies nur Gaststätten, Nachtclubs, Fitnessstudios und andere durch intensiven Kontakt gekennzeichnete Unternehmen, senkt dies die Virenausbreitung um 26 Prozent. Werden dagegen alle nichtessenziellen Geschäfte, Büros und Betriebe geschlossen, verringert sich die Reproduktionszahl um 34 Prozent, wie die Analysen ergaben.

„Der Shutdown nur der Hochrisiko-Gewerbe wie Bars und Restaurants ist demnach kaum weniger effektiv als das Schließen der meisten nichtessenziellen Unternehmen, bringt aber weit weniger Belastungen mit sich“, konstatieren Brauner und sein Team.

Beim Verbot von Versammlungen und Veranstaltungen macht es hingegen kaum einen Unterschied, ob man Veranstaltungen ab 100 oder ab 1.000 Personen untersagt: Im ersten Fall senkt dies die Ausbreitung um 16 Prozent, im zweiten um 17 Prozent. Nur die Beschränkung auf unter zehn Personen wirkt sich den Daten zufolge deutlicher aus – dies verringert die Virenausbreitung um 28 Prozent.

„Noch nicht die finale Antwort“

Nach Ansicht von Brauner und seinen Kollegen eröffnen ihre Ergebnisse erste Hinweise darauf, wie man mit möglichst geringer Belastung der Bevölkerung und Wirtschaft maximale Eindämmungseffekte erreichen kann. Demnach sind Schließungen von Schulen, Hochrisiko-Gewerben und das Verbot großer Veranstaltungen besonders effektiv. „Ein Shutdown aller nichtessenziellen Unternehmen und Ausgangssperren verursachen dagegen eine hohe Belastung, haben aber nur einen begrenzten Effekt“, so die Forscher.

Sie betonen aber auch: „Unsere Ergebnisse sollten nicht als finale Antwort auf die Effektivität von Eindämmungsmaßnahmen gesehen werden.“ Stattdessen seien diese Resultate nur ein Beitrag, der neben vielen weiteren Studien und Erfahrungen in die Überlegungen miteinbezogen werden sollte. (Preprint medRxiv, doi: 10.1101/2020.05.28.20116129)

Quelle: medRxiv

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