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Corona: Erhöhte Übertragung unter Kindern?

Indische Studie beobachtet besonders hohe Ansteckungsraten unter gleichaltrigen Kindern

Kinder
Kinder können durchaus Überträger von SARS-CoV-2 sein – stecken aber möglicherweise vorwiegend Gleichaltrige an. © FamVeld/ iStock

Kinder können offenbar sehr wohl SARS-CoV-2 übertragen – allerdings scheint diese Ansteckung vorwiegend innerhalb ihrer Altersgruppe stattzufinden. Das legt eine indische Studie mit mehr als 575.000 Personen nahe. Bis zu 25 Prozent der Kinder bis 14 Jahre wurden dabei von Gleichaltrigen angesteckt, gegenüber Kontaktpersonen anderer Altersgruppen war das Infektionsrisiko dagegen gering, wie die Forscher im Fachmagazin „Science“ berichten.

Schon seit Beginn der Corona-Pandemie wird über die Frage diskutiert, wie häufig Kinder sich mit dem Coronavirus anstecken können und wie infektiös sie dann selbst sind. Rachenabstriche legen nahe, dass auch kleine Kinder eine ebenso große Virenlast in den Atemwegen tragen können wie Erwachsene. Allerdings erkranken sie selbst meist nicht an Covid-19 oder zeigen allenfalls milde Symptome. In seltenen Fällen kann es allerdings zu einer schweren multisystemischen Entzündung kommen.

Tests von 575.000 Kontaktpersonen ausgewertet

Doch wie häufig kommt eine Übertragung von Kind zu Kind oder von Kind auf Erwachsene vor? Das ist bislang strittig. Zumindest in Deutschland ergaben Tests, dass der Anteil der Kinder an den Infizierten nur bei wenigen Prozent liegt. Zudem scheint es selten vorzukommen, dass Kinder beispielsweise ihre Eltern anstecken. Allerdings: Weil Kinder seltener Covid-19-Symptome zeigen, wurden Kinder auch weniger getestet. Während des Lockdowns hatten sie zudem wenig Kontakt mit anderen, so dass Infektionen eher von berufstätigen Eltern in die Haushalte eingetragen wurden.

Jetzt liefert die weltweit umfangreichste Kontaktverfolgungsstudie mehr Aufschluss. Forscher um Ramanan Laxminarayan von der Princeton University hatten in den indischen Bundesstaaten Tamil Nadu und Andhra Pradesh mehr als 575.000 Personen untersucht, die als Kontaktpersonen von gut 84.000 Infizierten getestet worden waren. Sie untersuchten Übertragungsraten, Erkrankungsverläufe und auch Todesraten.

Ein Drittel der Infizierten sind Kinder

Das Ergebnis: In Indien liegt der Anteil jüngerer Menschen unter den mit Corona-Infizierten deutlich höher als in Europa. Rund ein Drittel der positiv Getesteten waren Kinder. „Die Infektionsfälle und auch die Toten waren in den jüngeren Altersklassen deutlich konzentrierter, als wir es aufgrund der Daten aus den reicheren Ländern erwartet hätten“, berichten Laxminarayan und sein Team. Die Ansteckungsraten waren jedoch ähnlich: Innerhalb von Haushalten lagen sie bei neun Prozent, in der breiten Öffentlichkeit bei nur 2,6 Prozent.

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Allerdings war die Übertragung innerhalb der Altersgruppen deutlich intensiver: Gleichaltrige – egal ob Kinder, Erwachsene oder alte Menschen, steckten sich gegenseitig häufiger an als Menschen anderer Altersgruppen. Das galt insbesondere für Kinder unter 14 Jahren und Senioren über 65 Jahren. „Das könnte Unterschiede in der Natur der sozialen und physischen Interaktionen zwischen und innerhalb der Generationen in Indien widerspiegeln“, so die Forscher.

„Kinder sind in solchen Situationen effiziente Überträger“

Auffällig waren dabei die relativ hohen Ansteckungsraten selbst bei kleineren Kindern. „Wir haben eine hohe Prävalenz unter Kindern beobachtet, die mit infizierten Gleichaltrigen in Kontakt gekommen sind“, sagen die Forscher. Konkret waren bei Kleinkindern bis vier Jahren bis zu 25 Prozent der gleichaltrigen Kontaktpersonen positiv. Bei den fünf- bis neunjährigen und bei zehn bis 14-jährigen waren es bis zu 20 Prozent.

„Kinder sind in solchen Situationen und Gruppierungen demnach sehr effiziente Überträger“, sagt Laxminarayan. „Das ist in früheren Studien noch nicht so klar beobachtet worden.“ Soziale Interaktionen zwischen Kindern – beispielsweise in Kitas oder Schulen – könnten demnach durchaus eine Infektion fördern. Tatsächlich sank die Zahl der infizierten Kinder unter den Studienteilnehmern, nachdem in weiten Teilen der beiden indischen Bundesstaaten die Schulen geschlossen worden waren.

Ausgeprägtes Superspreading

Neue Daten liefert die Studie auch über das Phänomen der „Superspreader“. Als solche werden Ereignisse und Personen bezeichnet, die überdurchschnittlich viele weitere Menschen mit einem Erreger anstecken. Indizien dafür, dass gerade SARS-CoV-2 eine solche ungleichmäßige Übertragung zeigt, haben schon mehrere Studien erbracht.

Die indische Studie bestätigt dies nun: Acht Prozent der mit Corona infizierten Ausgangsfälle waren demnach für 60 Prozent der sekundären Infektionen verantwortlich. Demgegenüber steckten 71 Prozent dieser Indexfälle keine einzige weitere Person an. „Unsere Studie repräsentiert damit die größte jemals bei einer Infektionskrankheit erhobene empirische Demonstration des Superspreading“, sagt Laxminarayan. „Superspreading-Ereignisse sind bei Covid-19 eher die Regel als die Ausnahme.“ (Science, 2020; doi: 10.1126/science.abd7672)

Quelle: Center for Disease Dynamics, Economics & Policy, Princeton University

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