Corona: Spätfolgen auch bei Kindern - Multisystemische Entzündung kann Wochen nach einer asymptomatischen Infektion auftreten - scinexx.de
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Corona: Spätfolgen auch bei Kindern

Multisystemische Entzündung kann Wochen nach einer asymptomatischen Infektion auftreten

Kinder Coronavirus
In seltenen Fällen können Kinder einige Wochen nach einer "stillen " Corona-Infektion ein schweres Entzündungssyndrom entwickeln. © FamVeld/ iStock, CDC

Gravierende Spätfolgen: Kinder können auch Wochen nach einer asymptomatischen Corona-Infektion noch schwer erkranken, wie nun eine Studie enthüllt. Die Kinder entwickeln dann ein schweres, den gesamten Körper umfassendes Entzündungssyndrom, das in 60 Prozent der Fälle zu einem Schockzustand führt. Dabei können Herzschäden auftreten, die teilweise auch nach Ende der akuten Phase anhalten.

Lange galten Kinder als weitgehend unempfindlich gegenüber SARS-CoV-2 und Covid-19. Bei den meisten von ihnen verläuft die Infektion nur mild oder sogar völlig ohne Symptome. Aber schon im Mai 2020 mehrten sich Berichte über ein seltene, aber schwerwiegende Krankheitsform, die zu einem schweren Entzündungsyndrom bei den betroffenen Kindern führt. Ersten Auswertungen zufolge tritt dieses Syndrom im Schnitt bei zwei von 100.000 infizierten Kindern und Jugendlichen auf.

Dieses sogenannte multiinflammatorische Syndrom (MIS-C) verursacht Fieber, starke Bauchschmerzen und Entzündungen der Blutgefäße und Gewebe. Unbehandelt kann es einen Kreislaufkollaps und Schäden an den Herzkranzgefäßen verursachen. Darin ähnelt diese systemische Entzündung dem Kawasaki-Syndrom, einer nur bei Kleinkindern auftretenden Autoimmunkrankheit.

Drei bis vier Wochen nach „stiller“ Corona-Infektion

Jetzt zeigt sich, dass das von SARS-CoV-2 ausgelöste Entzündungsyndrom schwerwiegender ist als die Kawasaki-Krankheit und auch bei älteren Kindern auftritt, wie Mubbasheer Ahmed vom Texas Children’s Hospital und seine Kollegen in einer Überblicksstudie ermittelt haben. Dafür hatten sie 662 Fälle von MIS-C ausgewertet, die weltweit von Januar bis Juli 2020 gemeldet worden waren. Das Durchschnittalter dieser Fälle lag bei 9,3 Jahren.

Das Ergebnis: Entgegen anfänglicher Annahme kann das Entzündungsyndrom selbst vermeintlich gesunde Kinder scheinbar aus dem Nichts treffen. „Den Daten zufolge müssen die Kinder zuvor keine der klassischen Atemwegssymptome gezeigt haben“, sagt Ahmeds Kollege Alvaro Moreira. „Die Kinder hatten keine Symptome, keiner wusste, dass sie infiziert waren, und einige Wochen später entwickeln sie dann diese überschießende Entzündung im Körper – das ist schon erschreckend.“

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Das bedeutet, dass auch Kinder Spätfolgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 davon tragen können – ähnlich wie die verzögert auftretenden Herzschäden und neurologische Ausfälle bei Erwachsenen.

Fieber, Schock und Intensivstation

Typischerweise zeigt sich das vom Coronavirus verursachte Entzündungssyndrom durch Fieber, Erbrechen und starke Bauchschmerzen. „Die Bauchschmerzen können so schwerwiegend sein, dass junge Patienten in mehreren Fällen irrtümlich mit einer Blinddarmentzündung diagnostiziert wurden“, berichten Ahmed und sein Team. Bei 60 Prozent der betroffenen Kinder führte die schwere systemische Entzündung zu einem Schockzustand.

Auch der Verlauf der Entzündungssyndrome ist oft schwer: 70 Prozent der untersuchten Kinder mussten auf der Intensivstation behandelt werden. Gut 22 Prozent von ihnen mussten beatmet, gut vier Prozent sogar einer externen Sauerstoffanreicherung des Blutes durch die sogenannte ECMO unterzogen werden. In den meisten Fällen aber klingt das Syndrom bei intravenöser Gabe von Immunglobulinen, Cortison und anderen entzündungshemmenden Mitteln nach einigen Tagen wieder ab.

Bei elf der 662 Kinder endete die Erkrankung allerdings tödlich, wie die Forscher berichten. Ähnlich wie bei Covid-19 waren auch von MIS-C überproportional viele stark übergewichtige Kinder betroffen sowie Kinder mit Vorerkrankungen.

Entzündung schwerwiegender als toxischer Schock

Den Daten zufolge ist diese von SARS-CoV-2 verursachte Entzündungsreaktion deutlich schwerwiegender als das Kawasaki-Syndrom oder der toxische Schock, der beispielsweise durch eine schwere bakterielle Infektion entstehen kann. „Es kann tödlich enden, weil es viele Organsysteme angreift“, sagt Moreira. „Ob Herz und Lunge, das Verdauungssystem oder das Nervensystem – MIS-C hat so viele unterschiedliche Seiten, dass es anfangs für Ärzte kaum fassbar war.“

Nähere Untersuchungen verschiedener Entzündungsmarker im Blut der Kinder enthüllten, dass das Glycoprotein Procalcitonin bei ihnen im Schnitt um das gut 200-Fache erhöht war – das ist weit mehr als bei einer schweren Blutvergiftung. Während ein septischer Schock typischerweise Procalcitonin-Werte von mehr als 0,1 Nanogramm pro Milliliter hervorruft, wurden bei den Kindern mit MIS-C Werte von über 30 Nanogramm pro Milliliter im Blut gemessen.

Schäden an Herz und Herzkranzgefäßen

Sorge bereitet den Wissenschaftler vor allem die Folgen des Entzündungssyndroms für das Herz der Kinder: „Bei fast 90 Prozent der Kinder wurde ein EKG gemacht, weil sie deutliche Beeinträchtungen ihrer Herzfunktion zeigten“, berichtet Moreira. Bei rund der Hälfte zeigten sich im EKG Anzeichen einer verringerten Pumpfunktion des Herzens, außerdem litten viele unter einer krankhaften Erweiterung der Herzkranzgefäße. Bei zehn Prozent der Fälle bildete sich ein Aneurisma – eine Aussackung des Blutgefäßes.

Ebenfalls ein Anzeiger für Schäden am Herzen der Kinder war das Troponin. Dieser Proteinkomplex wird von Herzmuskelzellen freigesetzt, wenn sie geschädigt sind oder absterben – beispielsweise bei einem Herzinfarkt. Bei den Kindern mit dem vom Coronavirus verursachten Entzündungssyndrom lagen die Troponinwerte um das 50-fache über dem normalen Niveau, wie die Forscher berichten.

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kinder mit MIS-C eine enorme Entzündung und potenzielle Gewebeschäden am Herzen haben“, sagt Moreira. „Wir müssen diese Kinder engmaschig weiter überwachen, um zu verstehen, welche Folgen dies für sie langfristig haben könnte.“ (EClinical Medicine, 2020; doi: 10.1016/j.eclinm.2020.100527)

Quelle: University of Texas Health Science Center at San Antonio

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