Vergleich statischer Röntgenbilder reicht für die Therapieentscheidung nicht aus Bandscheibenvorfall: Welche OP ist die richtige? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Bandscheibenvorfall: Welche OP ist die richtige?

Vergleich statischer Röntgenbilder reicht für die Therapieentscheidung nicht aus

Röntgenaufnahme
Um die richtige Operation bei einem Bandscheibenvorfall zu finden, ist der Vergleich statischer Röntgenbilder nur bedingt geeignet. © Visivasnc/ istock

Wirbel versteifen oder nicht? Für die Beantwortung dieser Frage reichen statische Röntgenbilder oftmals nicht aus, wie nun Forscher betonen. Stattdessen sind dynamische Aufnahmen besser geeignet, um die richtige Operation bei einem Bandscheibenvorfall zu finden, so das Ergebnis ihrer Studie. Denn sie machen das Verhalten der Wirbel in Bewegung sichtbar – und offenbaren so Probleme, die beim bisher gängigen Verfahren verborgen bleiben.

Die Bandscheiben sind eine Art Puffer zwischen den Rückenwirbeln und werden im Laufe eines Lebens stark belastet. Werden sie spröde und brechen, können Teile des Gewebes nach außen treten und auf den Nerv oder den Rückenmarkskanal drücken. Ein solcher Bandscheibenvorfall äußert sich oftmals in plötzlichen und heftigen Schmerzen im Rücken. Bei vielen Patienten lässt sich das Problem mithilfe schmerz- und entzündungshemmender Medikamente in den Griff bekommen. In schwereren Fällen ist jedoch eine Operation nötig.

Dabei gibt es zwei Optionen: Entweder die ausgetretene Bandscheibenmasse wird entfernt oder die betroffenen Wirbel werden versteift. Letzteres ist insbesondere dann sinnvoll, wenn sich die Wirbel in der Bewegung stark gegeneinander verschieben. Die Versteifung ist allerdings ein riskanterer, stark invasiver Eingriff – und manchmal verlagert sich das Problem in der Folge nur: Die nachfolgenden Bandscheiben können stärker belastet werden und ebenfalls nachgeben.

Zwei Bilder als Entscheidungsgrundlage

Welche Operation die richtige ist, entscheiden Mediziner bisher auf Grundlage von Röntgenbildern. Meist wird ein Bild im aufrechten und ein weiteres im nach vorn gebeugten Zustand erstellt. Studien haben jüngst jedoch gezeigt, dass dieser Vergleich zweier statischer Bilder als Entscheidungsgrundlage mitunter nicht ausreicht: Bei bis zu einem Drittel der Patienten, die die einfachere Operation erhalten, muss nachoperiert werden. Gleichzeitig gehen Mediziner davon aus, dass nicht bei allen Patienten, denen die Wirbel versteift wurden, dieser Eingriff wirklich nötig war.

Wissenschaftler um Ameet Aiyangar von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) haben nun untersucht, ob kontinuierliche, dynamische Röntgenaufnahmen die bessere Lösung sein könnten. Anders als beim herkömmlichen Verfahren wird dabei nicht nur der Anfangs- und der Endzustand der Wirbel sichtbar. Stattdessen sehen die Mediziner auch, was während der Bewegung selber geschieht.

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Unerwartete Wirbelbewegungen

Für ihre Pilotstudie erstellte das Forscherteam solche dynamischen Aufnahmen bei sieben Bandscheiben-Patienten und sieben Kontrollpersonen. Aus diesen Aufnahmen berechneten sie dann, wie sich die Wirbel zueinander bewegten. Die Ergebnisse offenbarten: Anders als bei den meisten gesunden Kontrollpersonen verschoben sich die Wirbel bei den Betroffenen während der Bewegung überraschenderweise nicht linear. „Im Gegenteil: Je nach Patient zeigten sich stark unterschiedliche Bewegungsmuster“, berichtet Aiyangar.

So verschoben sich die Wirbel bei einem Patienten paradoxerweise zuerst in die Gegenrichtung zur Bewegung und dann zurück zur Mitte. Während die Anfangs- und Endposition aussahen, als seien die Wirbel stabil, zeigte sich in der Bewegung eine große Instabilität. Bei diesem Individuum hätte eine Dekompression allein nicht viel genützt, sondern es wäre eine Versteifung nötig gewesen. Die klinische Analyse hätte die Instabilität bei diesem Fall massiv unterschätzt, wie die Wissenschaftler betonen.

Bei anderen Patienten verschoben sich die Wirbel dagegen kaum, rotierten während der Bewegung aber zunächst stark in die Gegenrichtung und wieder zurück. Nur bei zwei der untersuchten Patienten fand eine Bewegung statt, die ungefähr den Erwartungen der Forscher entsprach.

Dynamisch ist besser

Damit scheint klar: Eine dynamische Beurteilung des Bandscheibenvorfalls wäre sinnvoll und wichtig – also einfach statische durch dynamische Röntgengeräte ersetzen, und das Problem ist gelöst? Ganz so einfach ist es leider nicht: Denn Geräte zur Erstellung dynamischer Röntgenbilder gibt es weltweit nur wenige und die Berechnungen der Bewegungen sind sehr komplex.

„Im Moment existiert die Technologie Dynamic Stereo X-Ray erst in der Forschung. Wir sind aber in der Frühphase des Übergangs – eines Tages könnten die Geräte Klinikalltag sein“, erklärt Aiyangar. Bis dahin, schlägt der Forscher vor, könnte es zumindest sinnvoll sein, statt nur zwei Bilder mehrere Röntgenaufnahmen in unterschiedlichen statischen Zuständen zu erstellen und zu vergleichen.

Empa

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