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Älteste Skulptur Ostasiens entdeckt

Kleine Vogelfigur aus Tierknochen ist mehr als 13.000 Jahre alt

Vogelfigur
Diese knapp zwei Zentimeter lange Vogelfigur ist mehr als 13.000 Jahre alt. © Francesco d'Errico und Luc Doyon

Diese kleine Vogelfigur ist mehr als 13.000 Jahre alt – und damit die älteste Tierskulptur Ostasiens. Entdeckt haben Archäologen den unscheinbare Steinzeit-Vogel bei Ausgrabungen in der Henan-Provinz im Osten Chinas. Nähere Analysen ergaben, dass die Skulptur durch sorgsames Schaben und Kerben aus dem angesengten Beinknochen eines Tieres geformt wurde. Bisher ist kein anderes Kunstwerk der Altsteinzeit bekannt, das auf diese Weise erschaffen wurde.

Schon vor tausenden von Jahren schufen Menschen Kunstwerke in Form von Höhlenmalereien, Felsritzungen und Skulpturen. Von ihrem kreativen Schaffen zeugt unter anderem eine rund 40.000 Jahre alte Jagdszene auf Sulawesi, aber auch die fast gleichalten Tier- und Frauenfiguren, die in Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden wurden. Sie sind die ältesten bekannten Beispiele für Skulpturen und damit dreidimensionale Kunstwerke.

Wann jedoch Menschen in Asien vergleichbare Skulpturen herstellten und ob diese Form der darstellenden Kunst sich unabhängig von europäischen Einflüssen entwickelte, war bislang unklar.

Eine Spatzenfigur aus Knochen

Jetzt bringt ein kleiner Knochenvogel mehr Licht in die Steinzeit-Kunst Ostasiens. Gefunden haben ihn Zhanyang Li von der Shandong Universität und seine Kollegen bei Ausgrabungen in Lingjing, einer altsteinzeitlichen Fundstätte in der chinesischen Provinz Henan. Eine der Fundschichten war bereits 1958 beim Bau eines Brunnens freigelegt und teilweise zur Seite geräumt worden.

In dieser Schicht entdeckten die Forscher zahlreiche Steinwerkzeuge aus Feuerstein, Tierknochen und -zähne, einen Anhänger aus Straußeneischale – und eine kleine, vogelähnliche Figur aus Knochenmaterial. „Mit ihrem kurzen Hals und Kopf, dem robusten, abgerundeten Schnabel und dem langen Schwanz erinnert diese Figur an einen Spatzenvogel“, berichten Li und sein Team. Die schlichte, stilisierte Vogelfigur ist rund zwei Zentimeter lang und 1,25 Zentimeter hoch.

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8.500 Jahre älter als alle früheren Funde in Ostasien

Das Besondere an dem Vogel ist jedoch sein Alter: Radiokarbon-Datierungen zufolge wurde diese Tierskulptur schon vor 13.270 bis 13.500 Jahren gefertigt. „Damit ist diese Schnitzerei rund 8.500 Jahre älter als alle vergleichbaren dreidimensionalen Kunstwerke dieser Region“, sagen die Archäologen. „Die Vogelfigur von Lingjing ist die erste altsteinzeitliche Skulptur in Ostasien.“ Die zuvor ältesten Skulpturen waren einige rund 6.000 Jahre alten Jade-Tierfiguren aus der Nähe von Peking.

Nach Ansicht der Forscher demonstriert dieser Fund, dass dreidimensionale Vogeldarstellungen schon im späten Eiszeitalter Teil des kulturellen Repertoirs in Ostasien waren. „Der Stil dieser kleinen Skulptur ist zudem einzigartig und unterscheidet sich in bemerkenswerter Weise von allen bisher bekannten altsteinzeitlichen Vogelfiguren“, erklären Li und seine Kollegen. Ungewöhnlich ist unter anderem, dass dieser Vogel statt der Beine ein kleines Podest besitzt, das ihm Stand verleiht.

Das haben die Archäologen über die kleine Vogelfigur herausgefunden.© Pacea Videos

Komplexer Schaffensprozess

Wie der Steinzeitkünstler einst diese Vogelfigur herstellte, enthüllten Analysen mithilfe der Mikro-Computertomografie. In den Aufnahmen ist zu erkennen, dass der Tierknochen zuerst ein bis drei Stunden über dem Feuer bei 300 bis 500 Grad erhitzt wurde – möglicherweise um ihn besser bearbeitbar zu machen. Dann arbeitete der Künstler zunächst die Form des Vogels durch Schaben des Knochens an einer steinernen Unterlage grob heraus.

Im nächsten Schritt verwendete er verschiedene Schaber und Klingen, um die Details des Kopfes, des Schwanzes und des Podests zu formen. Am Schluss kerbte er das Auge und den Schnabel ein. „Unsere Analyse enthüllt, dass der Künstler von Lingjing die jeweils passende Technik wählte und sie kunstfertig einsetzte, um die typischen anatomischen Merkmale eines Spatzenvogels nachzubilden“, sagen Li und seine Kollegen. (PLoS ONE; 2020; doi: 10.1371/journal.pone.0233370)

Quelle: PLOS, CNRS

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