Stilrichtung von Musikern zeigt sich in ihrem Gehirn Jazz- und Klassik-Pianisten ticken unterschiedlich - scinexx | Das Wissensmagazin
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Stilrichtung von Musikern zeigt sich in ihrem Gehirn

Jazz- und Klassik-Pianisten ticken unterschiedlich

Regelmäßiges Musizieren prägt und verändert das Gehirn - und zwar abhängig von der Stilrichtung. © Css And Design/ thinkstock

Miles Davis ist nicht Mozart: Ob ein Pianist auf Jazz oder Klassik spezialisiert ist, lässt sich an seinem Gehirn ablesen. Ein Experiment zeigt: Selbst wenn Musiker beider Stilrichtungen dasselbe Stück spielen, laufen bei ihnen unterschiedliche Hirnprozesse ab. Diese Unterschiede könnten eine Anpassung an die Anforderungen des jeweiligen Musikstils sein. So kommt es bei Jazzern oft auf Improvisation, bei klassischen Pianisten dagegen eher auf einwandfreie Technik an – und darauf hat sich das Denkorgan eingestellt.

Wer jahrelang intensiv ein Musikinstrument spielt, der prägt und verändert auch sein Gehirn: Musik zu machen beansprucht ein kompliziertes Zusammenspiel unterschiedlicher Fähigkeiten, das sich in stärker ausgeprägten Hirnstrukturen widerspiegelt. So fördert das Musizieren die Entwicklung neuer Nervenverbindungen und verringert auf Dauer zum Beispiel die Reaktionszeit.

Andere Stilrichtung, anderes Gehirn

Dieser Effekt ist mit einem Blick ins Denkorgan deutlich zu erkennen. Musiker „ticken“ nicht nur anders als Nicht-Musiker. Auch der Grad der Professionalisierung lässt sich am Gehirn ablesen. Studien zeigen: Wenn Profi-Violinisten und Amateurgeiger das gleiche Konzert spielen, unterscheidet sich ihre Hirnaktivität signifikant.

Wissenschaftler um Roberta Bianco vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben nun einen weiteren interessanten Zusammenhang in Sachen Musik und Gehirn entdeckt. Demnach zeigen sich die musikbedingten neurologischen Anpassungen so feinabgestimmt im Gehirn, dass sie sich sogar je nach Stilrichtung des Musikers unterscheiden. Kurzum: Jazz-Pianisten haben ein anderes Gehirn als Klassik-Pianisten.

Jazzer und Klassik-Experten im Test

Dies beobachteten Bianco und ihre Kollegen bei einem Experiment mit 30 professionellen Klavierspielern, von denen eine Hälfte seit mindestens zwei Jahren auf Jazz, die andere auf klassische Musik spezialisiert war. Beide Probandengruppen bekamen auf einem Bildschirm eine Hand zu sehen, die eine Abfolge von Akkorden auf einem Klavier spielte – gespickt mit gezielten Stolperfallen in den Harmonien und den Fingersätzen.

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Die Profi-Pianisten sollten es ihr nachtun und entsprechend flexibel auch auf die Unregelmäßigkeiten reagieren. Während des Versuchs wurden ihre Hirnsignale mit EEG-Sensoren auf ihrem Kopf erfasst. Um dabei Störsignale wie akustische Signale auszuschließen, lief das Ganze vollkommen ohne Töne, als stummes Klavierspiel ab. Wie würden die Pianisten diese Aufgabe meistern?

Dass Jazz-Pianisten besonders darauf trainiert sind, flexibel zu reagieren, zeigt sich auch an ihren Hirnaktivitäten während des Klavierspielens. © MPI CBS

Unterschiedliche Hirnprozesse

Es zeigte sich: Selbst wenn sie das gleiche Musikstück spielten, liefen bei Jazz- und Klassik-Pianisten jeweils andere Hirnprozesse ab. Diese Unterschiede wirkten sich auch auf die Leistung aus: „Als wir Jazzer während einer logischen Abfolge von Akkorden plötzlich einen harmonisch unerwarteten Akkord spielen ließen, begann ihr Gehirn schon nach 0,4 Sekunden und damit viel früher die Handlung umzuplanen als das klassischer Pianisten. Entsprechend schneller konnten sie auch auf die unerwartete Situation reagieren und ihr Spiel fortsetzen“, berichtet Bianco.

Umgekehrt hatten die Klassik-Experten im Test die Nase vorn, wenn es darum ging, ungewöhnliche Fingersätze zu nutzen. In diesem Fall zeigte ihr Gehirn stärkere Aufmerksamkeit für den Fingersatz – und entsprechend weniger Fehler unterliefen ihnen bei der Nachahmung.

Improvisation vs. Technik

„Der Grund dafür könnte in den unterschiedlichen Fähigkeiten liegen, die die beiden Musikstile von den Musikern fordern“, erklärt Biancos Kollegin Daniela Sammler. Demnach konzentrieren sich klassische Pianisten bei ihrem Spiel besonders darauf, ein Stück technisch einwandfrei und persönlich ausdrucksstark wiederzugeben. Hierfür ist etwa die Wahl des Fingersatzes entscheidend.

Im Jazz geht es dagegen auch viel um Improvisation: Ein guter Jazzmusiker zeichnet sich dadurch aus, variieren zu können und sich beispielsweise flexibel an überraschende Harmonien anzupassen. „Dadurch scheinen sich unterschiedliche Abläufe im Gehirn etabliert zu haben, die während des Klavierspielens ablaufen und den Wechsel in einen anderen Musikstil erschweren“, sagt Sammler.

Feinjustierte Anpassungen

Die Ergebnisse offenbaren den Forschern zufolge, wie überraschend feinjustiert sich das menschliche Gehirn auf die Anforderungen seiner Umwelt einstellt. Dies mache auch deutlich, dass es nicht ausreicht, sich nur auf einen Musikstil zu konzentrieren, wenn man verstehen will, was universell beim Musizieren im Gehirn passiert – so, wie es bisher hauptsächlich mithilfe westlicher, klassischer Musik gemacht wurde.

„Für das Gesamtbild müssen wir nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner aller Musikrichtungen schauen“, sagt Sammler. Das sei ähnlich wie in der Sprachforschung. Um zu erkennen, welche Mechanismen universell gelten, um Sprache zu verarbeiten, könne man sich auch nicht nur auf Deutsch beschränken. (Neuro Image, 2018; doi: 10.1016/j.neuroimage.2017.12.058)

(Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, 16.01.2018 – DAL)

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