Die Gesänge der seltenen Meeressäuger sind erstaunlich vielfältig Grönlandwale sind wahre Gesangskünstler - scinexx | Das Wissensmagazin
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Die Gesänge der seltenen Meeressäuger sind erstaunlich vielfältig

Grönlandwale sind wahre Gesangskünstler

Ein Grönlandwal taucht in der Framstraße nordwestlich von Norwegen an der Wasseroberfläche auf. © Kit Kovacs/ Norwegian Polar Institute

Gesangliche Virtuosen: Komplexe Gesänge verbinden wir typischerweise mit Buckelwalen – doch auch Grönlandwale verfügen über beeindruckende Sangeskünste. Tonaufnahmen zeigen: Der Gesang dieser Arktisbewohner ist nicht nur komplex, ihr Repertoire ist zudem erstaunlich vielfältig. Demnach erfinden die Wale immer wieder neue Stücke und wiederholen alte Songs nur selten. Warum die Tiere ihre Lieder ständig ändern, ist allerdings noch unklar.

Wale kommunizieren mit teilweise komplexen Lauten: Delfine und Orcas verständigen sich über ein vielfältiges vokales Repertoire und können sogar neue Dialekte lernen. Vor allem die Buckelwale aber sind für ihre weithin hörbaren Gesänge bekannt. Die charakteristischen langgezogenen Töne und Strophen werden vom Wasser effektiv übertragen – und klingen jedes Jahr etwas anders. Denn im Frühling nimmt jede Buckelwalpopulation ein neues Lied in ihr Programm auf.

Doch es gibt noch eine zweite Walart, die über beeindruckende Gesangskünste verfügt: den Grönlandwal. Die Arktisbewohner kommunizieren wie ihre buckligen Verwandten über komplexe Lieder. Ihr Gesang ist bisher allerdings kaum erforscht worden. Das liegt unter anderem daran, dass die Meeressäuger einst an den Rand des Aussterbens gebracht wurden und heute extrem selten sind.

183 unterschiedliche Lieder

Kate Stafford von der University of Washington in Seattle und ihre Kollegen haben die langlebigen Wale nun zum ersten Mal systematisch belauscht. Mithilfe von Hydrophonen nahmen sie die Gesänge einer in der Framstraße bei Spitzbergen im Nordwestatlantik heimischen Population auf. Ihre Aufzeichnungen aus dem Zeitraum von 2010 bis 2014 offenbaren Überraschendes: Grönlandwale scheinen Meister der Komposition und der Improvisation zu sein.

„Was wir hörten, war einfach erstaunlich: Die Grönlandwale sangen laut, 24 Stunden lang, von November bis April“, berichtet Stafford. „Und sie sangen viele verschiedene Lieder.“ So identifizierten die Forscher bei der Auswertung der Aufnahmen insgesamt 184 einzigartige melodische Gesänge – ein extrem breites Repertoire.

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Eines dieser Lieder klang so:

Kaum Wiederholungen

Auffällig dabei: Anders als bei den Buckelwalen wurde mit jeder neuen Saison nicht nur ein neues Lied eingeführt, es kam gleich ein ganzer Schwung an neuen Stücken dazu. Diese neuen Lieder schienen die älteren zum größten Teil ganz zu ersetzen, wie das Team feststellte. Demnach tauchten die meisten der Gesänge höchstens ein paar Monate lang auf. Dann waren sie nicht mehr zu hören – und wurden von den Walen auch zur gleichen Zeit im folgenden Jahr nicht wiederverwendet.

„Wenn wir den Gesang der Buckelwale als klassische Musik bezeichnen, dann ist der der Grönlandwale Jazz“, konstatiert Stafford. „Der Klang ist freier und variantenreicher.“ Doch warum verändern die Wale ihre Lieder so häufig? „Im Hinblick auf die Verhaltensökologie ist das ein großes Rätsel“, sagt die Forscherin.

Was steckt hinter der Vielfalt?

So kann ein Teil der Vielfalt zwar zum Beispiel durch die Migration von Tieren aus anderen Populationen erklärt werden, die das gesangliche Repertoire in der neuen Gruppe erweitern. Eine Erklärung für die starke saisonale und jährliche Variation sind solche Faktoren allerdings nicht. Welchen Grund gibt es für die Vielseitigkeit aber dann?

Womöglich spielen neue Töne beim Wettstreit um Partner eine gewisse Rolle, wie das Team spekuliert. Demnach könnten sich Weibchen von musikalischen Debüts beeindrucken lassen. Ob das stimmt oder ob es vielleicht eine ganz andere Erklärung für die gesangliche Virtuosität der Tiere gibt, gilt es nun herauszufinden. „Wir wissen noch nicht, warum die Grönlandwale diese bemerkenswerten Gesänge vollführen – aber es muss einen Grund dafür geben“, schließt Stafford. (Biology Letters, 2018; doi: 10.1098/rsbl.2018.0056)

(University of Washington, 04.04.2018 – DAL)

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