Seeigel wandert trotz schwerster Verletzungen über den Meeresgrund Forscher filmen "Dead Urchin Walking" - scinexx | Das Wissensmagazin
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Forscher filmen „Dead Urchin Walking“

Seeigel wandert trotz schwerster Verletzungen über den Meeresgrund

Seeigel
Dieser Seeigel ist so schwer verletzt, dass man sein Inneres sieht – dennoch bewegt er sich weiter über den Meeresgrund. © Senckenberg Forschungsinstitut

Nicht totzukriegen: Meeresbiologen haben einen Seeigel gefilmt, der trotz schwerster Verletzungen weiter über den Meeresgrund krabbelte. Obwohl dem Tier mehr als ein Drittel seines Panzers und wichtige Organe fehlten, bewegte er sich noch mindestens 43 Stunden lang weiter – und könnte sogar ganz überlebt haben. Dieser erstaunliche Fall dokumentiert das hohe Regenerationsvermögen der Seeigel, wie die Forscher erklären.

Seeigel und Seesterne sind für ihre Regenerationsfähigkeit bekannt: Sie können Gewebe und Organe weit besser und schneller ersetzen als wir Menschen und überstehen daher auch größere Verletzungen mitunter problemlos. So wachsen den Seesternen abgetrennte Arme nach, Seeigel füllen Löcher in ihrem Stachelpanzer wieder auf. Biologen sehen dies als eine Anpassung an das gefahrenträchtige Leben am Meeresgrund.

„Wandelnder Toter“ auf dem Meeresgrund

Doch wie weit die Widerstandsfähigkeit der Seeigel reicht, demonstriert nun eine ungewöhnliche Beobachtung am Meeresgrund vor Spitzbergen. Dort hatten Max Wisshak von Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven und sein Kollege Christian Neumann vom Berliner Naturkundemuseum bei einer Expedition mit dem Forschungsschiff Maria S. Merian den Meeresgrund eine Woche lang mit einer kamerabestückten Messplattform beobachtet und untersucht.

Dabei entdeckten die Forscher Erstaunliches: Am vierten Tag wanderte ein rund 3,8 Zentimeter großer Seeigel der Gattung Strongylocentrotus ins Bild, der aussah wie ein „wandelnder Toter“. Denn dem Tier fehlte rund ein Drittel seines Panzers und Teile seines Mundapparats und Teile der Inneren Organe lagen frei. Trotzdem bewegte sich der Seeigel auf dem Meeresgrund umher, als wäre er völlig unversehrt.

Aktiv trotz schwerer Verletzungen

„Trotz eines großen Lochs im schützenden Panzer, an dessen Stelle eigentlich seine Sexualorgane, sein After und weitere wichtige Organe liegen sollten, konnten wir beobachten, wie sich der kleine Meeresbewohner 43 Stunden und 20 Minuten auf dem Meeresboden weiterbewegte“, berichtet Wisshak. „Sogar einem Angriff einer großen Krabbe konnte der Seeigel noch ausweichen.“

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Insgesamt kroch der schwerverletzte Seeigel im Verlauf der knapp zwei Tage mehr als 60 Zentimeter weit. Das sei selbst für einen gesunden Seeigel überdurchschnittlich, wie die Forscher erklären. Selbst nach dem Angriff der Krabbe, die dem Seeigel trotz Ausweichens weitere Schäden zufügte, bewegte sich das Tier weiter fort. „Selbst in der allerletzten Aufnahme der Tauchplattform zeigte der Seeigel weiterhin Bewegungen seiner Stacheln“, berichten Wisshak und Neumann.

Dezentrales Nervensystem als Schlüssel zum Überleben

Doch wie ist es möglich, dass dieser Seeigel mit so schweren Verletzungen überhaupt noch zu aktiver Bewegung fähig war? Ein entscheidender Grund liegt im dezentralen Nervensystem der Stachelhäuter, wie die Forscher erklären. Statt eines zentralen Gehirns besitzen Seeigel und Seesterne einen Nervenring um die Mundöffnung sowie zusätzliche Nervenknoten, die die Bewegungen der Stacheln koordinieren.

Trotz des weit aufklaffenden Panzers und des bis zum Mundapparat aufgerissenen Inneren blieben der auf der Unterseite liegende Nervenring und die meisten Nervenknoten unter der Haut des Seeigels intakt, wie Wisshak und Neumann berichten. Das könnte erklären, warum das Tier selbst in diesem Zustand noch zu koordinierter Fortbewegung fähig war. Die Reaktion des Seeigels auf den Angriff der Krabbe belegt zudem, dass auch seine Ausweich-Reflexe noch funktionierten.

Zeitraffer-Aufnahmen des verletzten Seeigels.© Senckenberg am Meer

Hat der Seeigel überlebt?

Ob der schwerverletzte Seeigel überlebt hat, konnten die beiden Forscher leider nicht mehr weiterverfolgen, weil die Kameraplattform nach 43 Stunden der Beobachtung wieder an Bord geholt werden musste. Sie halten es aber durchaus für möglich: „Von fossilen Seeigeln kennen wir zum Teil beträchtliche Brüche in den Schalen, die anschließend wieder komplett verheilt sind“, sagt Wisshak. Daher könnte auch dieser Seeigel lange genug überlebt haben, um die allmähliche Heilung seines Panzers zu erleben.

Auch wie der Seeigel zu seinen Beschädigungen kam ist unklar. Die Tiere stehen unter anderem auf dem Speiseplan von Fischen und großen Krebsen, die den Panzer des Seeigels aufbrechen können und sich die weichen Organe einverleiben. „Eine natürliche Verletzung ist daher gut möglich“, sagt Wisshak. „Leider können wir aber auch nicht ausschließen, dass wir selbst den Stachelhäuter beim Herablassen unserer Forschungsgeräte verletzt haben.“ Sollte Letzteres der Fall sein, wäre der Seeigel sogar schon vier Tage in seinem Zustand gewesen bevor er in das Blickfeld der Kamera gelangte. (Polar Biology, 2020; doi: 10.1007/s00300-020-02634-1)

Quelle: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

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