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Von Herophilos bis zum Tissue Clearing

Wie sich die Anatomie weiterentwickelt hat

Die Anatomie ist die älteste Fachrichtung der Medizin und ihre Grundlage. Schon vor Jahrhunderten entstanden detaillierte Abbildungen des menschlichen Innenlebens, die in vielem bis heute Gültigkeit besitzen. Allerdings waren die Möglichkeiten der frühen Anatomen stark eingeschränkt: Ihnen fehlten die modernen bildgebenden und mikroskopischen Methoden, die heute ganz neue Einblicke in unseren Körper und seine Funktionen gewähren.

Galen
Abbildung aus einer mittelalterlichen Kopie eines Galenus-Lehrbuchs. © Wellcome Collection/ CC-by-sa 4.0

Die Urväter der Anatomie: Herophilos und Galen

Erste systematische Studien der Anatomie gehen auf die Antike zurück, insbesondere auf griechische Gelehrte wie Herophilos von Chalkedon. Dieser führte um 300 vor Christus in Alexandria die ersten wissenschaftlichen Sektionen an menschlichen Leichen durch und gilt als erster „Vater der Anatomie“. Herophilos beschrieb als erster Organe wie die Bauchspeicheldrüse, die Eileiter oder die Hirnhaut. Er erkannte zudem den Unterschied zwischen Arterien und Venen und vermuteten bereits, dass die Nerven der Leitung von Empfindungen dienen. Seine Lehrbücher, darunter auch ein Werk namens „Anatomie“ blieben jedoch nicht erhalten.

Bis in die Renaissance hinein prägten daher die Lehrbücher eines anderen antiken Mediziners die Anatomie: Galenus, auch als Galen bekannt, gilt bis heute als einer der bedeutendsten Ärzte des Altertums. Nachdem er sein Handwerk in Alexandria, dem Mekka der antiken Medizin, gelernt hatte, arbeitete er jahrzehntelang als Arzt für olympische Athleten, römische Gladiatoren und später sogar als Leibarzt römischer Kaiser.

Aus seinen Erfahrungen ging ein Lehrwerk hervor, das das physiologische, pharmakologische und anatomische Wissen der antiken Medizin zusammenfasste. Allerdings: Galens 15-bändige Anatomie beruhte zum großen Teil nicht auf der Sektion menschlicher Toter, sondern auf Studien an Schweinen, Affen oder Hunden. Dadurch hielt er beispielsweise auch beim Menschen eine zweigeteilte Gebärmutter für die Regel. Dennoch blieben Galens Lehren bis ins 16. Jahrhundert hinein das Maß aller medizinischen Dinge. Denn im Mittelalter war das Sezieren von Leichen verboten, so dass es kaum Möglichkeiten gab, Galens Irrtümer aufzuklären.

Eine Renaissance – auch für die Anatomie

Das änderte sich erst in der Renaissance. In dieser Zeit begannen Künstler wie Michelangelo und Leonardo da Vinci damit, für ihre Menschendarstellungen auch anatomische Studien durchzuführen. Da Vinci sezierte dafür auch menschliche Leichen – teils heimlich – und fertigte auf Basis seiner Beobachtungen mehr als 750 detailreiche Zeichnungen von Organen, Geweben und Knochenstrukturen an.

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da Vinci Anatomie
Innere Anatomie einer Frau, gezeichnet von Leonardo da Vinci © historisch

In der Wissenschaft war es jedoch der flämische Anatom Andreas Vesalius, der für entscheidende Fortschritte sorgte. Schon kurz nach seinem Studium an der Universität von Louvain nutzte er die Chance, den Leichnam eines Hingerichteten zu sezieren und entdeckte mehrere Abweichungen zu Galens Lehrwerken. Ab 1538, in seiner Zeit als Medizinprofessor in Padua, weitete er seine Studien aus und führte auch öffentliche Sektionen durch. In dieser Zeit entstand ein siebenbändiges Anatomie-Lehrwerk, dem Vesalius seinen Ruf als Begründer der neuzeitlichen Anatomie verdankt.

Und seither?

In den folgenden Jahrhunderten wurden Sektionen zur Grundlage medizinischer Forschung und Ausbildung. Sie erweiterten und vervollständigten das Wissen um den inneren Aufbau unseres Körpers und schöpften die Möglichkeiten der makroskopischen Anatomie dabei weitgehend aus. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert lag der Schwerpunkt anatomischer Forschung deshalb eher auf speziellen Fragen wie der Entwicklung der Körperstrukturen im Verlauf der Embryonalentwicklung und Evolution.

In den letzten Jahren jedoch tut sich wieder etwas auf dem Gebiet der Anatomie. Denn neue Technologien der Bildgebung und Mikroskopie erlauben es Wissenschaftlern heute, auf ganze neue Weise in die feinsten Details unseres Körpers einzutauchen. So helfen Fluoreszenz-Biomarker dabei, Zell- und Gewebetypen zu charakterisieren und endoskopische Mikroskopie zeigt selbst kleinste Strukturen vor Ort und ohne Präparation. Neue Methoden des Tissue Clearing machen sogar Gewebe durchsichtig und lassen beispielsweise die feinen Gefäße unseres Darms hervortreten.

„Die wichtigen Entdeckungen der Anatomie kommen daher inzwischen von Studien der Gewebe und Zellen“, erklärte Medizinhistoriker Paul Neumann von der Dalhousie University kürzlich in „The Scientist“.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Anatomische Überraschungen
Neuentdeckungen im menschlichen Bauplan

Von Herophilos bis zum Tissue Clearing
Wie sich die Anatomie weiterentwickelt hat

Auge, Knie und Rachen
Neue Strukturen in altbekannten Regionen

Unerkannte Bahnen
Versteckte Leitungssysteme in unserem Körper

Evolution in Aktion
Unsere Anatomie verändert sich

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