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Vernetzt denken

Von Sardinen und Quallen

Die Erkenntnis, dass das Beziehungsgeflecht der Meeresbewohner komplex ist, ist nicht neu. Zudem kennt man ähnliche Zusammenhänge aus vielen Lebensräumen an Land. In der Fischerei aber hatte man lange Zeit nur einzelne, kommerziell wichtige Arten wie den Dorsch, den Hering oder die Sardine im Blick. Erst seit gut zehn Jahren setzt sich auch hier die Erkenntnis durch, dass man das ganze Ökosystem berücksichtigen muss, wenn man die Fischbestände auf Dauer erhalten und die Fischerei entsprechend managen will.

Die Atlantische Sardine (Sardina pilchardus) gehört zu den Heringsartigen und ist vielerorts überfischt © Citron / CC_by-sa 3.0

Der Grund: In der Vergangenheit sind in vielen Meeresgebieten zahlreiche Bestände überfischt worden. In einigen Fällen haben sich die Lebensräume dadurch gravierend verändert. Nach und nach kommt man daher zu der Einsicht, dass man auch im Fischereimanagement die Komplexität des Systems Meer berücksichtigen muss. Marine Lebensräume werden keineswegs nur durch die Primärproduktion an der Basis, also von unten nach oben, geprägt, sondern zugleich durch die höheren trophischen Ebenen, von oben nach unten.

Südafrika: Quallenplage nach Überfischung

Ein Beispiel sind die ostatlantischen Gewässer vor Angola, Namibia und Südafrika mit dem Benguelastrom. In diesem Meeresgebiet treiben stetige Winde das Oberflächenwasser seewärts. Dadurch steigt nährstoffreiches Wasser an den Küsten aus der Tiefe auf. Diese sogenannten Auftriebsgebiete sind enorm produktiv und fischreich. Über viele Jahre hatten vor allem ausländische Flotten hier intensiv nach Sardinen gefischt. Anfang dieses Jahrhunderts brach der Bestand zusammen. Seitdem haben sich in diesem Gebiet Quallen stark vermehrt. Die Experten gehen davon aus, dass mit der Sardine ein wichtiger Nahrungskonkurrent weggefallen ist, denn sowohl Sardinen als auch Quallen ernähren sich vor allem vom Zooplankton. Zudem werden junge Quallen durchaus von Fischen gefressen.

Die Quallenart Nemopilema nomurai vermehrte sich vor Japan, als die Sardinen weggefischt wurden © KENPEI / CC-by-sa 3.0

Die Quallenplage kam überraschend. Man hatte erwartet, dass mit dem Rückgang der Sardinen eine andere kleine Fischart zunehmen würde, die ebenfalls in dieser Region heimisch ist, die Sardelle. Diese hat ein ähnliches Nahrungsspektrum wie die Sardinen und hätte die Quallen in Schach halten müssen. Eine echte Konkurrenz für die Quallen scheinen die Sardellen aber nicht zu sein, denn der Sardellenbestand bleibt bislang deutlich kleiner als der der Sardinen. Möglicherweise ist das Auftriebsgebiet als sehr dynamischer Lebensraum für die Sardellen weniger gut geeignet.

Folgen schwer einzuschätzen

Ähnlich ist die Situation vor Japan. Dort hat sich die Quallenart Nemopilema nomurai stark vermehrt, nachdem man die Sardinen intensiv befischt hatte. Nemopilema-Exemplare können eine Größe von bis zu zwei Metern erreichen. Inzwischen wird die Fischerei durch die Quallen deutlich beeinträchtigt, weil sie die Netze verstopfen oder sogar bersten lassen.

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Doch nicht überall entwickeln sich die Quallenbestände zu einer Plage. Vor Peru etwa brach Anfang der 1970er Jahre der große Fischbestand der Südamerikanischen Sardelle zusammen. In der Folge setzte sich die Sardine durch, sodass eine Quallenplage ausblieb. Mit anderen Worten: Welche Auswirkungen die Überfischung eines Bestands haben wird, lässt sich bis heute kaum abschätzen.

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World Ocean Review 2
Stand: 01.03.2013

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Mehr als nur Fisch…
Die Rolle von Hering und Co. im Ökosystem Ozean - und die Folgen der Fischerei

Faszinierende Vielfalt
Der Fisch und das Leben im Meer

Vernetzt denken
Von Sardinen und Quallen

Das Kabeljau-Problem
Wenn die Großen im Netz landen, profitieren die Kleinen

Algenblüte durch Überfischung
Fehlen die Raubfische, profitieren die Algen

Klimakapriolen und Salzwasserströme
Auch Klima und Umwelt beeinflussen die Bestände

Alles, was im Netz ist...
Warum Beifang und Algen bei der Bestandsschätzung helfen

Large Marine Ecosystems
Die großen Ökosysteme im Blick

Viele Fragen offen
Erste Ergebnisse des LME-Programms - und großer Handlungsbedarf

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