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Trapped in time

Die Welt der Inklusen

Facettenauge einer Fliege im Bernstein © Wolfgang Weitschat

Sie sind Momentaufnahmen des Lebens – im Tode erstarrt und in der Zeit gefangen. Jedes Detail ihres Körpers bieten sie dar. Doch wer sie aus ihrem Käfig befreit, wird enttäuscht. Sie zerfallen unwiederbringlich zu Staub.

Die Einschlüsse im Bernstein, so genannte Inklusen, faszinieren den Menschen, seit er begonnen hat, den zunächst unscheinbaren Bernstein von seiner braunen, rissigen Kruste zu befreien. Erst darunter kommt seine Schönheit zu Tage, die goldgelbe Farbe, die Transparenz. Und manchmal eine Mücke, ein Grashüpfer oder ein Blatt. Diese Bernsteine sind die kostbarsten und als Schmuck sehr begehrt.

Potemkinsche Fossile

Tatsächlich sind Inklusen kaum mit versteinerten Fossilien aus Sedimentgesteinen vergleichbar. Denn das, was man im Bernstein sieht, ist wirklich das Insekt selbst. Wenn auch nur seine äußere, hauchdünne Hülle, die im Kontaktbereich mit dem Harz erhalten blieb und einen Hohlraum umgibt. Selbst Beißwerkzeuge oder Facettenaugen sind noch detailliert sichtbar, ein Vorteil, den nur die Einbettung in das sehr dünnflüssige Harz bietet. Versteinerungen dagegen sind lediglich Abdrücke eines Fossils, Hohlräume, die beim Abbau des Organismus entstanden und mit Mineralen verfüllt wurden.

Verlumung einer Fliege © Pfeil-Verlag München / Weitschat

Die Fossilisation der Insekten setzte sofort nach dem Tode ein. Während das Harz das Insekt luftdicht umschloss und langsam erhärtete, zerfielen die Weichteile des Organismus, Die Terpene des Harzes durchsetzten den Körper, verdrängten Gase und Flüssigkeiten. Blieben die Bläschen und Tröpfchen im Harz erhalten, wurde der Bernstein milchig weiß und trüb. Er ist verlumt, wie der Fachmann sagt. Ihre wahre Brillanz zeigen Inklusen-Steine jedoch nur bei Transparenz und freiem Blick auf den kostbaren Inhalt. Voraussetzung hierfür ist die Vorarbeit der Sonne: Erwärmt sie das Harz, noch bevor es trocknet, wird es nahezu flüssig, die Blasen entweichen und es klart auf. Viele Inklusen-Steine sind deshalb auf der einst lichtabgewandten Seite getrübt auf der Sonnenseite aber durchsichtig.

In flagranti

Lebendig erregen sie Abscheu und Ekel, im Bernstein gefangen, faszinieren sie: Fast 70 Prozent der Inklusen sind Insekten, meist Fliegen, Mücken und Spinnen. Nicht selten kamen sie plötzlich, beim Fressen, auf der Jagd oder bei der Paarung zu Tode: Eine von Parasiten befallene Fliege, mit einer blutsaugenden Milbe auf dem Rücken, eine Raubwanze auf Beutezug, die von einer am Harz klebenden Ameise angelockt selbst zum Opfer wurde, eine Spinne, mitsamt Netz und Beute vom Harz ertränkt. Seltenere und damit kostbarere Inklusen sind Heuschrecken, Tausendfüßler, Würmer, Schmetterlinge oder Flöhe. Ein im Bernstein gefangener Floh kann da schon einmal so viel wie ein Kleinwagen kosten.

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Eidechse im Bernstein © Gabriela Gierlowska

Wahre, nahezu unbezahlbare Raritäten sind fossile Eidechsen. Nur eine Handvoll echter Funde gibt es davon weltweit. Rätselhaft ist dabei allerdings bisher, wie die Knochen der Tiere zersetzt wurden, denn auch die Eidechsen-Inklusen sind innen hohl. Ein 1997 in Polen gemachter Fund enthielt sogar eine bis dahin völlig unbekannte Eidechsenart. Die nur vier Zentimeter kleine Echse war in eine Harz-Pfütze geraten, nur der Rücken und die Schwanzspitze schauten noch hervor. Die unverhüllten Teile verwesten, der Rest des Körpers blieb als einzigartiges Bernstein-Fossil erhalten.

So wertvoll die Inklusen sind, ein vollständiges Bild des Lebens im Bernsteinwald geben sie nicht ab. Zum einen liegt das an der Größe der Opfer: Die meisten Inklusen sind kleiner als zehn Millimeter, da sich größere Tiere meist aus dem Harz befreien konnten. Vielleicht verloren sie einen Flügel oder ein Bein, aber sie entkamen. Zum anderen kamen nur in den Bäumen lebende Tiere mit dem Harz in Kontakt. So wurden bisher fast ausschließlich die geflügelten, für den Nachwuchs sorgenden Termiten im Bernstein gefunden, ganze Schwärme blieben auf der Suche nach einem Nistplatz am Harz kleben. Arbeiter-Termiten oder Soldaten gibt es als Inklusen jedoch kaum, sie lebten im Innern des Holzes oder in Erdgängen und waren dort vor dem Harz geschützt.

Flora: ein Promille

Die Pflanzenwelt im Bernstein ist dagegen weit weniger reich. Unter tausend Inklusen findet sich nur ein pflanzliches Fossil. Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht sind zwar noch nicht eindeutig geklärt, nahe liegend ist aber die geringere Widerstandsfähigkeit des Pflanzenmaterials. Es wurde im Harz leichter zersetzt. Außerdem blieben Samen, Pollen oder Blätter weniger häufig am Harz hängen, während Insekten oft gezielt das Harz aufsuchten und dann in die Falle gerieten.

Unklar ist den Forschern noch, warum im Bernstein so selten Nadeln zu finden sind, soll doch der Bernsteinbaum eine Kiefer gewesen sein. Ihre Vermutung: Die Kiefern hatten „nasse Füße“, standen im Sumpf. Das herabtropfende Harz wäre dann sofort im Wasser gelandet anstatt, wie auf trockenem Waldboden, in einer Unmenge von Nadeln.

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Stand: 03.09.2004

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Bernstein
Fenster zur Vergangenheit

Zum Weiterlesen
Links und Literatur

Das Geheimnis des Bernsteinwalds
Zur Entstehung des Bernsteins

Trapped in time
Die Welt der Inklusen

Die Biene als Einmachglas oder Wie baut man Dinosaurier
Jurassic Park und die DNA im Bernstein

Tagebuch der Evolution
Bernstein im Dienste der Paläontologie

Blaue Erde und Blaue Dominikaner
Bernstein-Fundorte weltweit

Bernsteinzimmer – Klappe, die Erste
Das Original bleibt verschwunden

Bernsteinzimmer – Klappe, die Zwote
Die Auferstehung des Achten Weltwunders

Vom Börnstein zur Elekrizität
Kleine Etymologie des Bernsteins

Römer, Wikinger und der VEB Ostseeschmuck
Bernstein als Wirtschaftsfaktor

Bernstein – selbst gesucht
Tipps und Tricks für Sammler

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