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Streit um den „Hockeystick“

Temperaturen, Proxies und der Klimawandel

Doch das „Climategate“ enthüllt nicht nur die „Wagenburg-Mentalität“ einiger renommierter Klimaforscher, nach Ansicht der Klimaskeptiker entlarvt es auch Grundannahmen zum Klimawandel als Fälschung. Was ist dran an den angeblich „tönernen Füßen“ von Mann, Jones und dem IPCC?

Die Hockeystick-Kurve: blau= Jahresringdaten, rot= Thermometerdaten © Mann et al. 1998, Nature 392:779-787

Einer der größten fachlichen Vorwürfe betrifft die so genannte „Hockeystick“-Kurve. 1999 von Michael Mann, Raymond Bradley und Malcolm Hughes erstmals in „Nature“ veröffentlicht, verdeutlicht die Kurve wie kaum eine andere den rasanten Anstieg der irdischen Temperaturen seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu sehen ist, wie nach einem eher gleichmäßigen Auf und Ab der Temperaturen in den letzten Jahrhunderten – vergleichbar dem Griff des Hockeyschlägers – die Kurve ab etwa 1900 steil ansteigt – ähnlich dem Fußteil eines solchen Schlägers.

Die von Mann, Professor für Meteorologie an der Pennsylvania State Universität, und seinen Kollegen entwickelte Kurve erscheint im Jahr 2001 auch prominent im dritten Weltklimabericht der IPCC. Hundertfach von der Presse reproduziert, wird sie geradezu zum Symbol des menschlichen Einflusses auf das irdische Klima. Doch genau diese Prominenz macht sie auch zum Angriffspunkt der Klimaskeptiker. Zu diesen Kritikern der Mehrheitsposition in der Klimaforschung gehören sowohl Angehörige etablierter Forschungseinrichtungen als auch fachfremde Einzelkämpfer oder eindeutig der Industrie nahestehende Gruppierungen.

Satire-Video auf Mann und den Hockeystick, lanciert von Klimaskeptikern © Youtube

„Korrigierte“ Kurve scheitert

Vor allem Steven McIntyre und Ross McKitrick, Wirtschaftswissenschaftler der kanadischen University of Guelph, attackieren Manns Kurve und werfen ihm 2003 sogar öffentlich Datenmanipulation vor. Er habe Daten ergänzt und statistisch ungenau gearbeitet, so der Vorwurf. Die beiden Kritiker versuchen 2004, eine in ihrem Sinne „korrigierte“ Kurve im Fachmagazin „Nature“ unterzubringen. In dieser wird sichtbar, dass die Temperaturen auch im 15. Jahrhundert bereits hoch lagen und daher die heutige Erwärmung keineswegs die stärkste der letzten tausend Jahre sei. Doch ihr Manuskript wird von den „Nature“-Editoren abgelehnt – peinlicherweise, weil sich ihre angeblich richtige Kurve als statistisch nicht haltbar und nicht reproduzierbar herausstellt.

Die Sache mit den „Proxy“-Daten

Dennoch wirft die Kritik Fragen zur Herkunft der Daten auf. Da die direkt gemessenen Klimadaten aus Wetterstationen nur seit etwa 1850 zur Verfügung stehen, müssen Klimaforscher für die Rekonstruktion des vergangenen Klimas auf indirekte Quellen zurückgreifen, so genannte „Proxies“. Im Falle der Hockeystick-Kurve sind dies vor allem Daten aus den Jahresringen von Bäumen. Da die Temperatur der Umwelt das Wachstum von Pflanzen beeinflusst, spiegelt die Breite der jeweiligen Jahresringe diese Bedingungen wieder. Dass diese Korrelation relativ genau ist, belegen unter anderem Vergleiche der direkt gemessenen Temperaturen mit den Jahresringdaten für das späte 19. Jahrhundert.

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Jahresringe von Bäumen geben Aufschluss auf vergangenes Klima © SXC

Rätselhafte Diskrepanzen

Doch für die letzten Jahrzehnte der Kurve gilt diese Korrelation nicht mehr: Ab etwa 1960 folgen die Klimadaten von Bäumen der höheren Breiten der Nordhalbkugel nicht mehr den tatsächlich gemessenen Temperaturwerten, sondern liegen deutlich darunter. Würde man nur die Baumringe betrachten, ergäbe sich daher sogar ein leichtes Absinken für die letzten rund 50 Jahre. Um dies auszugleichen, ergänzten Mann und seine Kollegen ihre Kurve ab 1960 mit Temperaturdaten aus direkten Messungen. In einem Addendum kennzeichneten sie dies auch entsprechend.

Warum die Jahresringdaten in den letzten Jahrzehnten von den realen Temperaturen abweichen, weiß bis heute niemand. Rein theoretisch könnte dieses Auseinanderlaufen demnach auch schon in früheren Zeitperioden der Fall gewesen sein. Dann aber, so auch die Argumentation einiger Klimaskeptiker, ist nicht ausgeschlossen, dass der heutige Temperaturanstieg doch kein menschengemachter Sonderfall der Klimaentwicklung ist. Für eine Richtigkeit dieser Annahme gibt es allerdings keinerlei Hinweise. Stattdessen bestätigen andere Proxy-Daten, beispielsweise aus Eisbohrkernen oder Pollen, den in der Hockeystick-Kurve gezeigten vergangenen Temperaturverlauf.

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Nadja Podbregar
Stand: 10.12.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

„Climategate“
Ein Super-GAU der Klimaforschung und die Folgen

Das "Climategate" im Web
Links und Videos zum Thema

Ein „schwarzer Donnerstag“
Der Hackerangriff auf die Climate Research Unit

Gibt es ein „Klimakartell“?
CRU-Hack bringt die Peer Review ins Zwielicht

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Klimaforscher als Heimlichtuer

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Temperaturen, Proxies und der Klimawandel

Der fatale „Trick“
Pfusch am Klimawandel-Symbol?

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Das Rätsel der verschwundenen Stationsdaten

Freispruch - mit Einschränkungen
Das Urteil der parlamentarischen Untersuchungskommission

Was bleibt?
Die Spätfolgen des „Climategate“

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