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Klima killt den Kreislauf

Wetterfühlige Extremsportler

Hitze um 35 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von rund 80 Prozent, an extremen Tagen sogar mehr. – Über eines sind sich alle Sportmediziner einig. Ein größeres Problem als der Smog werden in Peking in jedem Fall Wetter und Klima sein

Klima gefährlicher als Smog

„Die Luftverschmutzung bekommt die ganze Aufmerksamkeit,“ so Randy Wilber, Chefarzt des US-amerikanischen Olympischen Komitees, „aber wir sagen laut und deutlich, wir sollten nicht die Faktoren aus den Augen zu verlieren, die die Leistung tatsächlich beeinflussen werden. Und das sind Hitze und Luftfeuchtigkeit.“

Der deutsche Radprofi Stefan Schumacher, der bei der Tour de France in diesem Jahr zwei Etappen gewann, ist in Peking bei den Straßenrennen am Start und empfindet die Bedingungen als schwierig: „Das Klima ist extrem. Ich hoffe, dass es nicht gar so schlimm wird. Aber in meinen schlimmsten Alpträumen hatte ich es so befürchtet.“

Hitze-Ausfälle bei Athleten

Wilfried Kindermann, der deutsche Mannschafts-Arzt und selbst ehemaliger Radsportler, geht davon aus, dass gerade bei den Radrennen auf der Straße nicht mehr als 50 Prozent der Fahrer das Ziel erreichen werden. Grund dafür sei der enorme Flüssigkeitsverlust, der durch das so genannte „frustrane“ Schwitzen verursacht wird: Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit kann der Schweiß nicht verdunsten, sondern fließt am Körper ab. Weil der Schweiß nicht direkt auf der Haut verdunstet, trägt er so auch nicht zum Kühl-Effekt bei. Der Sportler verliert also Flüssigkeit, bei gleich bleibender Überhitzung des Körpers.

Schwitzen ist eigentlich eine wichtige Funktion zur Thermoregulation des Körpers. Pro Liter auf der Haut verdunsteten Schweißes werden dem Körper etwa 625 Watt Wärme-Energie entzogen. Das entspricht etwa neun Kilo-Kalorien pro Minute.

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Thermoregulierung eingeschränkt

Bei Hochleistungssportlern muss die durch Muskelarbeit produzierte Wärme-Energie unbedingt abgegeben werden, damit die durchschnittliche Körpertemperatur von 37 Grad erhalten bleibt. Ein 65 Kilogramm schwerer Marathonläufer produziert bei einer Endzeit von 2:10 Stunden etwa 1.400 Watt Wärmeenergie – das entspricht 20 Kilokalorien pro Minute. Die Abgabe der 1.400 Watt wird in der Regel durch Konvektion (Wärmeleitung durch Teilchen), Konduktion (Wärmediffusion), elektromagnetische Abstrahlung und das Verdunsten von Schweiß ermöglicht.

Bei niedrigen Temperaturen spielen Konvektion, Konduktion und Strahlung noch eine relevante Rolle bei der Kühlung. Jenseits von 30 Grad Celsius verlieren sie jedoch ihre Wirksamkeit, so dass bei solchen Bedingungen der Sportler ausschließlich auf die Wärmeabgabe über das Schwitzen angewiesen ist. Liegt die Luftfeuchtigkeit dann noch über 60 Prozent, in China sind es oft 80 oder 90 Prozent, sinkt auch das Schwitzvermögen. – Der Körper überhitzt.

Bei solchem Hitze-Stress sinken motorische Aktivität, Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit. Auch das Leistungsvermögen der Hochleistungs-Sportler wird direkt vermindert. Verliert der Marathon-Mann von 65 Kilogramm Körpergewicht Flüssigkeit von nur zwei Prozent seines Körpergewichts durch frustranes Schwitzen ohne Kühl-Effekt, also etwa 1,3 Liter, ist der Leistungsverlust bereits messbar.

Keine Rekorde zu erwarten

Deutsche Sport-Mediziner gehen deshalb davon aus, dass besonders bei den Ausdauer-Sportarten in Peking nicht mit neuen Rekorden zu rechnen sein wird. Gerade beim Marathon wird die Zeit des Siegers wohl deutlich über der Weltbestzeit von 2:10 Stunden liegen. Die Bedingungen in Peking sind ähnlich denen in Osaka in Japan. Und hier wurde bei der WM im vergangenen Jahr mit 2:15 Stunden vom Sieger, dem Kenianer Luke Kibet, der langsamste Marathon seit 1983 gelaufen.

Trinken und Runterkühlen

Schützen können sich die Sportler vor allem durch einen regulierten Flüssigkeits-Haushalt – richtiges Trinken ist das A und O der Spiele in Peking. Während längerer Wettkämpfe sollten die Athleten laut Empfehlung im deutschen Olympia-Handbuch in kleinen Portionen von jeweils 150 bis 200 Millilitern 600 bis 800 Milliliter pro Stunde trinken. Das entspricht der Menge der ausgeschwitzen Flüssigkeitsverlustes. Um Langzeit-Wirkungen zu vermeiden, sollte der Flüssigkeits-Haushalt nach dem Wettkampf unbedingt zeitnah „aufgefüllt“ werden.

Um sich vor der Hitze zu wappnen, setzten einige Sportler auf so genannte „Ice Jackets“, eine neue Generation von Funktionskleidung. Die Jacken oder Westen sind mit Eis oder Gel gefüllt und fördern so die Abgabe von Wärme.

Da die „Ice Jackets“ noch nicht umfassend getestet wurden, warnen die deutschen Ärzte aber auch hier vor möglichen Nebenwirkungen. „Die derzeitige Datenlage lässt die Schlussfolgerung zu, dass ein so genanntes „Pre-Cooling“ (Vorkühlen) in Sportarten mit Belastungsintensitäten im Bereich der maximalen Sauerstoffaufnahme und darüber (entsprechend kurzen Belastungszeiten bis 6–8 min) sogar leistungsmindernd wirken kann.“

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Stand: 09.08.2008

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

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Wie gesund ist Olympia für die Athleten?

„Grüne“ Spiele?
Chinas Kampf gegen den Smog

Klima-Experiment in Situ
Peking als Umwelt-Labor

Krisenstäbe und Handbücher für Olympia
Eine medizinische Herausforderung

Marathon mit Schutzmaske?
Vorsicht, Asthma-Gefahr

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Ab jetzt tickt die innere Uhr chinesisch
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