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Der Siegeszug der Antibiotika

Eine neue Ära

Streptococcus pneumoniae, Erreger von Lungenentzündung und Sepsis © CDC

März 1942. In einem Hospital in New Haven, Connecticut liegt eine 33-jährige Frau und ringt mit dem Tod. Anne Miller hat hohes Fieber, ihre Gewebe und Organe sind entzündet, ihr Blut ist durchsetzt von Millionen von tödlichen Keimen, Bakterien der Art Streptococcus pneumoniae. Ärzte fürchten diese rundlichen, paarweise zusammengelagerten Mikroben als nahezu unbesiegbare Erreger von Lungenentzündung und Blutvergiftungen.

Haben sie sich einmal im Körper ausgebreitet, gibt es kaum noch eine Rettung: Das Immunsystem wehrt sich verzweifelt gegen die Armee von Eindringlingen und schüttet immer mehr Botenstoffe aus. Diese bekämpfen jedoch nicht die Bakterien, sondern verstärken die überschießende Entzündungsreaktion nur noch mehr. Die Mediziner des Hospitals versuchen verzweifelt, Anne Millers Leben zu retten, doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Gegen die fortschreitende Infektion sind sie machtlos. Das Fieber steigt immer weiter und wenn nicht bald ein Wunder geschieht, wird die junge Frau sterben.

Alexander Fleming in seinem Labor © Historische Aufnahme

Penicillin als letzte Hoffnung

In ihrer Not ist den Ärzten inzwischen fast jedes Mittel recht, um diesen aussichtslosen Kampf doch noch zu gewinnen. Und tatsächlich fällt ihnen genau so ein Mittel ein: Eine Substanz namens Penicillin, von der man munkelt, sie solle Bakterien überraschend effektiv den Garaus machen. Sie wurde bereits 1926 von dem britischen Mediziner und Bakteriologen Alexander Fleming entdeckt. Er hatte am Schimmelpilz Penicillium notatum eine bakterienabtötende Wirkung identifiziert, als er eine versehentlich den Sommer über stehen gelassene Petrischale mit Staphylokokken untersuchte. Erst jetzt jedoch, rund 15 Jahre später, sind erstmals kleine Mengen dieses Pilzwirkstoffs isoliert und für klinische Tests verfügbar.

Millers Ärzte beschließen einen letzten verzweifelten Versuch: Sie schaffen es, an eine kleine Menge des Penicillins heranzukommen und injizieren der Patientin über mehrere Tage den Wirkstoff. Und das Wunder geschieht: Das Fieber sinkt, die tödlichen Streptokokken im Blut werden immer weniger und sind schließlich nicht mehr nachweisbar. Das Penicillin tötet die Erreger schnell, effektiv und ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Nach wenigen Tagen ist Anne Miller vollständig gesund. Sie wird erst mit 90 Jahren sterben.

Penicillin-Werbung in einem Apothekenschaufenster der 1950er Jahre © Deutsches Bundesarchiv / CC-by-sa 3.0

Eine neue Waffe gegen Infektionen

Für die Medizin markiert ihre Heilung einen Wendepunkt, den Beginn einer neuen Ära: Zum ersten Mal in der Geschichte besitzt der Mensch eine wirksame Waffe gegen krankmachende Keime. Einst tödliche Infekte wie Wundbrand und selbst Tuberkulose haben mit Penicillin und weiteren, wenig später entdeckten Antibiotika ihren Schrecken verloren. Heute wird allein in den USA jährlich mehr als 80 Millionen Mal ein Antibiotikum verschrieben und eingenommen, das entspricht knapp 12.000 Tonnen. Auch in Deutschland hat beinahe jeder schon mindestens einmal in seinem Leben ein Antibiotikum erhalten, die meisten von uns sehr viel häufiger. Und genau hier beginnt das Problem…

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Nadja Podbregar
Stand: 17.09.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

„Super-Keime“ auf dem Vormarsch
Droht das Ende der Antibiotika?

Eine neue Ära
Der Siegeszug der Antibiotika

Tod trotz Antibiotika
Der Fall Bridi da Costa

Nur eine Frage der Selektion…
Die Ursachen der Resistenz

Der fatale Transfer
Genübertragung aus Resistenz-Reservoiren

Die Resistenztricks der Keime
Kampf um Zellwand und Proteine

Vancomycin: ein Abgesang
Ein vermeintlich sicheres Antibiotikum wird wirkungslos

Erreger überrollen Notfallmittel
ESBL-Stämme auf dem Vormarsch

„Superbug“ NDM-1
Resistenzgen aus Indien könnte Antibiotika den Todesstoß versetzen

Kampf den Keimen
Wie lässt sich die Ausbreitung multiresistenter Keime aufhalten?

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