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Eine aussterbende Zunft?

Ohne Taxonomie keine Artenkunde

Bradysia floribunda ist ein zartes Wesen, schwarz und nur drei Millimeter lang. Und doch spielt die kleine Trauermücke aus Costa Rica eine große Rolle: Von ihr hängt die Existenz der Orchidee Lepanthes glicensteinii ab, die wiederum Nahrung und Lebensraum vieler anderer Tiere ist. Ein Teil der Lepanthes-Blüte gleicht dem Geschlechtsorgan der Bradysia-Weibchen.

Diese Orchideenart, der Spinnen-Ragwurz (Ophrys sphegodes) ahmt eine Sandbiene nach – optisch und olfaktorisch. © H. Krisp / CC-by-sa 3.0

Zusammenhänge besser erkennen

Mit dieser Nachahmung lockt die Pflanze lockt Mückenmännchen an, die sich beim Kopulieren mit der Blüte mit Pollen bepudern. So tragen sie den Pollen von Blüte zu Blüte und bestäuben die Pflanzen. Die Beziehung der Mücke und der Orchidee ist eines von vielen Beispielen für eine extreme Spezialisierung in der Natur. Und vor allem dafür, wie stark ein Lebewesen auf ein anderes angewiesen sein kann, selbst wenn es nur eine kleine Mücke ist.

Solche Zusammenhänge können Forscher nur dann erkennen, wenn sie über große Artenkenntnis verfügen und Pflanzen- und Tierarten, Mücken oder Orchideen zweifelsfrei bestimmen können. Taxonomen werden diese Spezialisten genannt, die Lebewesen anhand charakteristischer Merkmale bestimmen, benennen und in den Stammbaum des Lebens einordnen – Kleinkrebse anhand von Borsten oder Laufkäfer anhand ihrer Geschlechtsorgane.

Die Taxonomie ist ein mühseliges Geschäft - oft müssen am Mikroskop oder Binocular winzigste Details verglichen werden. © Photodisc/ thinkstock

Nachwuchs fehlt

Doch die Taxonomie wurde in den vergangenen Jahren stiefmütterlich behandelt. In Deutschland oder auch den USA schrumpft die Zahl der Taxonomie-Lehrstühle an den Universitäten. Oft findet die klassische taxonomische Forschung nur noch in den wissenschaftlichen Sammlungen der Forschungsmuseen statt.

Die Folge: Immer weniger Biologie-Studenten erhalten eine profunde Ausbildung in der Bestimmung von Pflanzen, Tieren, Pilzen oder Mikroorganismen: Der Taxonomie geht der Nachwuchs aus. „Das ist fatal, denn heute ist Artenkenntnis gefragter denn je“, sagt Jonas Astrin, Kurator der Biobank am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig, dem Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere, in Bonn. „Durch die Zerstörung der Natur und den Klimawandel sterben Arten schneller aus, als wir sie beschreiben können.“

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20 Millionen unentdeckter Arten

Weltweit wurden bis heute rund 1,8 Millionen Arten bestimmt. Bis zu 20 Millionen unentdeckter Arten gibt es noch, schätzen Experten – Millionen von Arten, deren Bedeutung sich heute

nicht im Geringsten abschätzen lässt. „Außerdem verändern sich mit dem Klima Lebensräume“, fügt Astrin hinzu. „Wie gravierend diese Veränderungen sind, können wir nur dann feststellen, wenn wir wissen, welche Arten verloren gehen oder neu einwandern.“

In der UN-Biodiversitätskonvention und anderen internationalen Abkommen wird die Bedeutung der Artenvielfalt betont. Doch es braucht Menschen, die sie erfassen, beobachten und bewerten können. Die wenigen Taxonomen, die es heute noch gibt, stehen vor einer gigantischen Inventur.

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Tim Schröder / Leibniz Journal
Stand: 07.08.2015

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Wiederentdeckte Entdecker
Warum die Taxonomie auch heute unverzichtbar ist

Eine aussterbende Zunft?
Ohne Taxonomie keine Artenkunde

Inventur mit DNA
Genanalysen als Erkennungshilfe

Nur Bekanntes kann man schützen
Warum Taxonomie für den Artenschutz wichtig ist

Mehr Zeit für die "Perlen"
Technik übernimmt Routine-Bestimmungen

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