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Eine Hormontablette verändert die Welt

Die Pillen-Revolution

Enovid – so lautete der Name des Präparats, das vor mehr als einem halben Jahrhundert in den USA als erste Antibabypille auf den Markt kam. Frauen war es damit ab 1960 zum ersten Mal möglich, mithilfe von Hormonen in Tablettenform oral zu verhüten. Ein Jahr später brachte der Pharmakonzern Schering die neue Verhütungsmethode auch nach Deutschland.

Anovlar war die erste deutsche Pille und kam 1961 auf den Markt. © MUVS, Wien

Ein „unmoralisches“ Medikament

Die Pille Anovlar wurde hierzulande zunächst als Mittel gegen Akne und Menstruationsbeschwerden vermarktet. Dass das Medikament auch einen Schutz vor ungewollten Schwangerschaften bot, war erst weit hinten auf dem Beipackzettel zu lesen, sprach sich aber schnell herum.

Obwohl konservative Vertreter aus der Politik und die römisch-katholische Kirche gegen das in ihren Augen unmoralische Mittel Sturm liefen und Anovlar anfangs nur Verheirateten verschrieben wurde, schluckten von Jahr zu Jahr immer mehr Mädchen und Frauen die kleinen Tabletten. Dank der Pille waren Sexualität und Fortpflanzung für sie nun nicht länger zwangsläufig miteinander verknüpft. Erstmals wurde eine selbstbestimmte Familienplanung möglich, ohne enthaltsam sein zu müssen.

Hormone künstlich nachempfunden

Den Weg für die Geburt der Pille geebnet hatten wissenschaftliche Entdeckungen zu Beginn der 1950er Jahre. Damals war dem Chemiker Carl Djerassi gemeinsam mit zwei Kollegen die Herstellung des Hormons Norethisteron gelungen. Damit hatten sie einen synthetischen Botenstoff entwickelt, der wirkte wie die natürlichen Schwangerschaftshormone des Körpers: die Gestagene.

Der Chemiker Carl Djerassi gilt vielen als die "Mutter der Pille". © Chemical Heritage Foundation/ CC-by-sa 3.0

Die auch als Gelbkörperhormone bekannten Stoffe werden während der Schwangerschaft gebildet, um in dieser Zeit einen weiteren Eisprung zu verhindern. Dass die Eierstöcke in regelmäßigen Abständen eine Eizelle freigeben und dass bestimmte Stoffe dabei eine Rolle spielen, die später Sexualhormone genannt wurden, hatten Forscher bereits im 19. Jahrhundert herausgefunden.

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Der österreichische Physiologe Ludwig Haberlandt bewies 1919 schließlich an Ratten, dass eine Schwangerschaft die Heranreifung weiterer Eizellen blockiert. Dank der Arbeiten von Djerassis Team konnten Wissenschaftler diesen Effekt nun auch künstlich erzielen und auf dieser Grundlage ein orales Verhütungsmittel entwickeln. Djerassi brachte seine Entdeckung daher den Namen „Mutter der Pille“ ein.

Dreifacher Schutz

Synthetisch hergestellte Gestagene sind auch heute noch der wichtigste Inhaltsstoff der Antibabypille. Meistens werden sie in Kombination mit einem Stoff aus der zweiten Gruppe der weiblichen Sexualhormone verwendet, den Östrogenen. Eine Ausnahme bildet die Minipille: Sie enthält ausschließlich Gestagen.

Die Hormone in der Pille schützen den Körper gleich dreifach vor einer Schwangerschaft: Zum einen hemmen sie den Eisprung, sodass der gesamte Zyklus der Frau aus unfruchtbaren Tagen besteht. Außerdem erschweren sie den Spermien den Weg durch den Gebärmutterhalskanal. Zusätzlich sorgen sie dafür, dass die Gebärmutterschleimhaut nur ungenügend aufgebaut wird. Wird doch einmal ein Ei befruchtet, hat es so kaum eine Chance, sich im Uterus einzunisten.

Mehr als jede zweite Frau in Deutschland verhütet mit der Antibabypille. © Katielittle25/ thinkstock

Zuverlässig und unkompliziert

Diese Eigenschaften machen die Pille bei richtiger Anwendung zu einem der sichersten Mittel gegen eine unbeabsichtigte Empfängnis. Ihr Pearl-Index liegt bei 0,1 bis 0,9. Dieser Wert gibt die Verhütungssicherheit an. Konkret besagt er, wie viele von 100 Frauen, die regelmäßig Geschlechtsverkehr haben, trotz korrekter Verhütung schwanger werden. Von 1.000 Frauen werden mit der herkömmlichen Pille pro Jahr somit zwischen einer und neun ungewollt schwanger. Zum Vergleich: Mit dem Kondom sind es 20 bis 120 Frauen.

Vor allem, weil sie so zuverlässig und relativ unkompliziert umzusetzen ist, ist die Verhütung mit der Pille für viele Frauen die Methode der Wahl: In Deutschland verhütet laut einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung inzwischen mehr als jede zweite Frau zwischen 18 und 49 Jahren mit dem Hormonpräparat. Ein angenehmer Nebeneffekt: Der Griff zur Pille bedeutet eine oft schwächere und kürzere Menstruation.

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Daniela Albat
Stand: 03.03.2017

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Verhütung
Vom Liebesspaß ohne unerwünschte Folgen

"In die Hocke gehen und niesen"
Die Anfänge der Verhütung

Die Pillen-Revolution
Eine Hormontablette verändert die Welt

Errungenschaft mit Schattenseiten
Die Nebenwirkungen der Pille

Alternativen zu Pille und Kondom
Verhütungsmethoden im Überblick

Pille & Co: Bald auch Männersache?
Neue Verhütungsmittel für den Mann

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