Wirkstoff zur Empfängnisverhütung macht Weibchen geruchlich unattraktiver Verhütungsmittel ändert Lemuren-Verhalten - scinexx | Das Wissensmagazin
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Wirkstoff zur Empfängnisverhütung macht Weibchen geruchlich unattraktiver

Verhütungsmittel ändert Lemuren-Verhalten

Katta mit Strukturformel von Medroxyprogesteronacetat © CC-by-sa 3.0 / gemeinfrei

Hormonelle Mittel zur Empfängnisverhütung verändern den Geruch und damit auch das Sozial- und Sexualverhalten von Lemuren. Ein beim Menschen als Dreimonatsspritze eingesetztes Hormonpräparat verhinderte die Geruchserkennung als Artgenossen und Verwandte und machte zudem die Weibchen weniger attraktiv für ihre männlichen Partner. Ob die Pille und andere Kontrazeptiva beim Menschen ähnlich wirken, müssen weitere Tests zeigen.

Gerüche spielen eine wichtige Rolle im Leben der meisten Tiere und auch des Menschen. Unterschwellig verraten uns die über die Nase aufgenommenen chemischen Verbindungen viel über die genetische Fitness und den Gesundheitszustand unseres Gegenübers. Auch und vor allem in der Partnerwahl beeinflussen olfaktorische Signale – wenn auch unbewusst – durchaus unsere Entscheidungen, wie Studien gezeigt haben. Bei den Kattas, einer Lemurenart Madagaskars, ist der Geruch ein besonders wichtiger Faktor im Sozialverhalten An ihnen erkennen sie auch Individuen, Partner und Verwandtschaftsverhältnisse.

Doch was passiert, wenn sich der individuelle Geruch der Tiere durch äußeren Einfluss verändert? Wie verändert dies ihr Verhalten? „Es ist bekannt, dass hormonelle Empfängnisverhütung die Attraktivität bestimmter Geruchssignale bei Frauen verändert und auch die Fruchtbarkeitssignale bei anderen Primaten“, erklärt Christine Drea, Professor für evolutionäre Anthropologie an der Duke Universität. „Wir wollten verstehen, auf welche Weise die Pille die Geruchssignale verändert und damit auch die Art, wie Tiere miteinander interagieren.“

Wirkstoff aus „Dreimonatsspritze“ für Kattaweibchen

Die Wissenschaftlerin und ihre Kollegen führten dazu Versuche an zwölf Kattaweibchen und 13 Männchen durch. Die Weibchen erhielten – nachdem ihr Verhalten und ihre Gerüche zunächst im „Naturzustand“ beobachtet und analysiert worden waren – monatliche Injektionen mit dem Hormonpräparat Medroxyprogesteronacetat (MPA). Dieses ovulationshemmende Gestagen wird von der Pharmafirma Pfizer unter dem Namen „Depo-Clinovir“ als Dreimonatsspritze zur Empfängnisverhütung vermarktet, es wird aber auch als Bestandteil der Hormonersatztherapie für die Wechseljahre eingesetzt.

Duftstoff-Zusammensetzung verändert

Mit Hilfe der Gaschromatografie analysierten die Wissenschaftler die während der Hormonbehandlung von den Weibchen abgegebene Gerüche auf ihre chemische Zusammensetzung und verglichen diese mit den Werten vor Behandlungsbeginn. Es zeigte sich, dass „intakte“, nicht mit dem Verhütungsmittel behandelte Weibchen tatsächlich anders rochen als behandelte. Teilweise gaben sie völlig andere chemische Duftstoffe ab, andere Verbindungen wurden in höherer oder geringerer Menge freigesetzt.

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Individuelle Duftmarke verloren

Dass sich dies auch auf das Verhalten auswirkte, zeigten parallel laufende Experimente, bei denen sowohl die Reaktion der Männchen als auch die von weiblichen Artgenossen beobachtet wurde. Dabei zeigte sich, dass offenbar die Erkennung der individuellen Weibchen durch ihre Artgenossen und auch die Identifizierung als „verwandt“ durch den veränderten Geruch gestört waren. „Da ist etwas sehr anderes an diesen ‘Mädels’” so Drea. „Normalerweise erkennen die Tiere ihre Verwandten am Geruch, doch diese rochen nicht länger wie ihr Bruder.“

Männchen bevorzugten unbehandelte Weibchen

In den Verhaltenstests zeigten die 13 Männchen zudem eine klare Vorliebe für den Geruch von intakten, nicht mit Kontrazeptiva behandelten Weibchen. Sie verbrachten messbar weniger Zeit damit, die Geruchsproben der mit Hormonen behandelten Artgenossinnen zu untersuchen. Nach Ansicht der Forscher könnte der veränderte Geruch auch erklären, warum bei den Lemuren in Gefangenschaft, die manchmal mit Kontrazeptiva behandelt werden, aggressives Verhalten beobachtet wurde.

Ähnliche Wirkung beim Menschen?

Die große Frage ist, ob diese Ergebnisse auch für unsere eigene Spezies relevant sein könnten. Denn es ist bekannt, dass auch wir Menschen olfaktorische Signale aussenden, die etwas über unseren hormonellen Status und die mögliche Kompatibilität verraten. „Man muss sich fragen, ob die menschliche Partnerwahl nicht auf ähnliche Weise beeinflusst sein könnte wie wir es in diesen Primaten beobachtet haben“, so Drea.

(Duke University, 30.07.2010 – NPO)

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