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„Dann bauen wir ein neues Haus“

oder – Ein Dorf stellt sich der Gefahr

Dünen bedrohen Dorf © Edda Schlager

Bohurdak, Turkmenistan, Zentrale Karakum: Das Dorf ist von der Wüste umzingelt. Dünen strecken sich niedrigen Häusern entgegen, lauern im Rücken der kleinen Anwesen. Wer sich dem steten Rieseln entgegenstellt und einen Wellenkamm zwischen den Wogen aus Sand erklimmt, glaubt kaum, dass das Dorf nicht längst versunken ist in den Fluten der Karakum.

Rettung in letzter Minute

Für Ausflüge in die Dünen hat Gulmurat Nurmuratow keine Zeit. Er ist Chefarzt des Krankenhauses von Bohurdak. Auch jetzt warten Patienten. Doch Nurmuratow, mit hellblauer Haube auf dem Kopf und Zigarette in der Hand, will selbst von der Wende erzählen, die sein Krankenhaus gerettet hat. „So hoch stand der Sand.“ Er hält den Arm in Schulterhöhe. „Die Hälfte des Hauses war von der Düne verschüttet.“ Deshalb habe er nicht gezögert, als die Leute aus der Stadt gekommen waren. Sie wollten das Dorf vor dem Sand retten. „Eine gute Idee,“ befand Nurmuratow und stimmte zu, am Krankenhaus mit der Stabilisierung der Dünen zu beginnen.

Heute, sechs Jahre später, ist das Krankenhaus vollständig vom Sand befreit. Im seinem Rücken steht ein Wäldchen aus drei bis vier Meter hohen Saksaul-Bäumen. Direkt dahinter beginnt wieder die Wüste. Doch die Dünen sind keine Gefahr mehr, ist sich Nurmuratow sicher.

Dünenbefestigung © Edda Schlager

Der Krankenhaus-Chef und die anderen Bewohner von Bohurdak haben Glück gehabt. Gemeinsam mit Experten der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und Wissenschaftlern vom turkmenischen Nationalen Institut für Wüsten, Flora und Fauna in der Hauptstadt Aschgabat haben sie einen Weg gefunden, die Dünen zu bekämpfen. Ein Netz rasterförmiger Dünenbefestigungen aus Reet zieht sich an den Sandbergen nach oben, flankiert von Saksaul-Bäumen. Bald soll ein ganzer Ring aus Reet-Gevierten und Saksaul das Dorf schützen.

Problem Überweidung

Die UN-Konvention gegen Desertifikation (UNCCD) hat das Projekt möglich gemacht. Weltweit unterstützt die UNCCD ähnliche Konzepte wie in Turkmenistan, denn weltweit gibt es in ariden Gebieten auch ähnliche Probleme. Und meist sind die Betroffenen an der Situation nicht ganz unschuldig.

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Zugeschüttetes Haus © Edda Schlager

So auch in Bohurdak. Das Territorium von Turkmenistan besteht zu mehr als 80 Prozent aus der Karakum, der „Schwarzen Wüste“. Schwarz deshalb, weil die Karakum mit einer natürlichen Vegetation aus Saksaul-Bäumen und anderen salzresistenten Pflanzen bewachsen ist und ein dunkler Pflanzenteppich die Dünen überzieht. Trotz der Trockenheit kann die Karakum deshalb auch beweidet werden. Normalerweise. Doch seit der Unabhängigkeit Turkmenistans im Jahre 1991 ist der Viehbestand des Landes auf mehr als 20 Millionen Nutztiere angewachsen. Weideland besitzt der zentralasiatische Staat nur für die Hälfte des gegenwärtigen Bestands. Die Folge: Innerhalb der letzten Jahre wurden knapp 50 Prozent der Weiden zerstört oder erheblich geschädigt.

Auch in Bohurdak leben die Leute fast nur von Viehwirtschaft. Schafe, Ziegen und Kamele werden jeden Morgen einfach vor das Dorf getrieben. Rund um den Ort hat sich die Karakum deshalb auf etwa 6.000 Hektar in ein Meer aus kahlen Dünen verwandelt. Und der stete Wind bringt die Dünen zum Wandern.

Der Kampf im Kopf

Die bisherige Strategie der Dorfbewohner war es, einfach ein neues Haus zu bauen, wenn eine Düne das alte zugeweht hatte. Auch Kakabai Baisachetow hat sein Elternhaus an den Sand verloren. Noch einmal soll ihm das jedoch nicht passieren. Er war einer der ersten, der mit den Experten vom Wüsteninstitut zusammengearbeitet hat, obwohl die eigenen Leute ihn anfangs nicht ernst nahmen. „Wir können ja selbst etwas gegen die Dünen tun,“ sagt er und ärgert sich über jeden im Dorf, der das noch nicht begriffen hat. Längerfristig sollen nun nicht nur die Dünen befestigt werden. Auch neue Weidekonzepte stehen auf dem Plan, und alternative Einkommensquellen wie Obst- und Gemüseanbau.

Baisachetow ist mittlerweile der Kontaktmann für die Wissenschaftler aus Aschgabat, mit ihm stimmen sie die Aktionen im Dorf ab. Und er, der keine Ausbildung hat, ist selbst zum Ökologen geworden. Mitten im Dorf hat er sich und seiner Familie eine eigene grüne Oase aus Reet, Obstbäumen und Gemüsebeeten angelegt. Und fast besessen trotzt er den Dünen jedes Jahr wieder ein paar Quadratmeter ab.

Dass es in Bohurdak gelungen ist, der Wüste Einhalt zu gebieten, ist nicht nur dem Einsatz von Leuten wie Nurmuratow und Baisachetow zu verdanken. Dünen gezielt aufzuhalten, beschäftigt Forscher auf der ganzen Welt schon seit Jahren. Nicht immer klappt es so gut wie in Bohurdak, denn der „Feind“ Düne ist längst nicht durchschaut. Noch immer hüllen sich die Sandberge in eine ganze Reihe von Geheimnissen.

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Stand: 24.11.2006

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Inhalt des Dossiers

Dünen
Wandelnde Sandberge mit Geheimnissen

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