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Wie man bedrohte Sprachen retten will

Für vom Aussterben bedrohte Sprachen gibt es zahlreiche weitere Beispiele – mit jeweils unterschiedlichen Gründen: Die Uiguren in der westchinesischen Provin Xinjang, und mit ihnen ihre Sprache, werden beispielsweise von der chinesischen Regierung politisch systematisch unterdrückt und vom Han-Chinesisch verdrängt.

Auch in Deutschland droht Gefahr

Und im Okawango-Delta in Botswana verschwindet das Shyeyi des Volksstammes der Wayeyi zugunsten des Setswana, einer im südlichen Afrika weit verbreiteten Sprache. Die Ursache in diesem Fall: Die Wayeyi konnten sich schon immer gut anpassen, entwickelten nie starke eigene Gesellschaftsstrukturen und sind bis heute sehr mobil. Die eigene Sprache wird deshalb einfach nicht als erhaltenswert angesehen.

Selbst in Deutschland steht mittlerweile eine Sprache über kurz oder lang vor dem Aus: das Sorbische, eine eigenständige slawische Sprache, die sich bisher in Ostsachsen erhalten hat und heute noch von etwa 60.000 Menschen gesprochen wird. Doch alle diese Menschen können auch Deutsch und bei den meisten überwiegt es längst als Erst- und Muttersprache.

Die Letzten ihrer Art

Yakumin, Häuptling der Saweti © DOBES

Um wenigstens zu dokumentieren, welche Sprachen in Gefahr oder bereits ausgestorben sind, gibt es zahlreiche Projekte, die von internationalen Wissenschaftlerteams betrieben werden. Eines davon ist das DOBES-Programm – die „Dokumentation der bedrohten Sprachen“ -, das seit dem Jahr 2000 von der VolkswagenStiftung finanziert wird. Zu Beginn arbeiteten darin sieben Dokumentations-Teams und eines, das sich allein mit der Archivierung befasste, zusammen. Mittlerweile wurden 50 Dokumentations-Projekte genehmigt, aber immer noch gehen neue Vorschläge von Sprachwissenschaftlern weltweit ein.

So werden Daten über die georgischen Sprachen Tsova-Tush, Svan und Udi gesammelt, genauso wie über Salar und Monguor aus China, über das Tofa, eine Turksprache aus Süd-Sibirien und der Mongolei, oder über die Biber-Sprache von Indianern aus British Columbia und Alberta in Kanada.

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Mit Mikrofon und Notizblock

Die Wissenschaftler erstellen Vokabellisten, nehmen Audiodateien der gesprochenen Sprache von Gesängen und traditionellen Riten auf, analysieren die Grammatik und notieren selbst die Gesten der Sprecher.

Der Linguist Sebastian Drude von der Freien Universität Berlin verbrachte beispielsweise in den vergangenen Jahren immer wieder mehrere Monate bei den Aweti im Amazonas-Gebiet. Deren Sprache gehört zu den Tupi-Sprachen, eine der größten Sprachfamilien in Südamerika. Dazu zählen etwa 55 bis 60 Einzelsprachen, das Tupi selbst hat einen Stellenwert vergleichbar dem des Griechischen oder Ungarischen innerhalb der europäischen Sprachen.

Rettung möglich

Mit Audio-Rekorder und Videokamera zeichnet Drude Monologe der Ureinwohner auf. „Ich lasse sie über ganz verschiedene Dinge berichten“, so der Linguist. „Während einer mir den Mythos von der Möwe und dem Maniok erzählt, beschreibt mir ein anderer den Ablauf eines Hausbaus.“ Die Audio- und Video-Aufnahmen transkribiert Drude anschließend und zerlegt die Sprache in ihre kleinsten Einheiten, die Morpheme, grammatische oder inhaltliche Wortteile.

Vielleicht gelingt es Drude mithilfe der Dokumentation sogar, das Aweti zu retten. Denn die Sprache war vor 50 Jahren schon einmal kurz vor dem Aussterben. Nur 25 Menschen sprachen sie damals noch. Mittlerweile hat Drude sogar eine eigene Rechtschreibung für das Aweti entwickelt – und eine Fibel geschrieben. Zurzeit werden alle Schulanfänger der Aweti damit in ihrer Muttersprache unterrichtet.

“Hieroglyphen“ für unsere Nachkommen

Ein weiterer Meilenstein bei der Archivierung bedrohter Sprachen ist das Rosetta-Projekt, eine Initiative vorwiegend US-amerikanischer Linguisten. Benannt ist es nach dem Stein von Rosetta, der bei einem Feldzug Napoleons im Nildelta entdeckt wurde. Der Stein enthält einen Text in Altgriechisch, Demotisch und in Hieroglyphen, so dass er als Basis zur Entschlüsselung der Hieroglyphen dienen konnte.

Rosetta-Disk © The Rosetta Project

Ein ähnlich bahnbrechendes Ziel haben die Initiatoren des Rosetta-Projekts vor Augen: Sie wollen eine Sprachen-Bibliothek aufbauen, die auch zukünftigen Generationen in einer lesbaren Form zur Verfügung stehen soll. Zurzeit sind bereits etwa 2.500 Sprachen verzeichnet mit mehr als 100.000 Seiten Dokumentation.

Eine Glaskugel als Archiv

Die besondere Form des Archivs ist die so genannte Rosetta-Disk, eine Scheibe, auf der die Informationen winzig klein, aber mit einer Lupe lesbar eingraviert sind. Die Rosetta-Disk enthält Informationen zur Aussprache und Grammatik zahlreicher Sprachen, sowie eine Liste der wichtigsten Begriffe verschiedener Sprachen. Die Initiatoren haben die Informationen so archiviert, damit sie auch noch in 2.000 Jahren ohne technische Hilfsmittel lesbar sind.

Ein Exemplar der Rosetta-Disk ist derzeit mit der Raumsonde Rosetta auf dem Weg zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko – als Botschaft an mögliche außerirdische Lebensformen.

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Stand: 08.01.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Der Kommunikations-Code
Die Vielfalt der Sprachen

„Schlaf nicht. Es gibt Schlangen.“
Ein Urwaldvolk kippt gängige Sprachtheorien

Ei oder Henne?
Sprache und Denken

Archiv der Weltsprachen
Online-Kompendium zum Sprachen-Vergleich

Sprachentod
Wie Sprachen verschwinden

Arche Noah für Todgeweihte
Wie man bedrohte Sprachen retten will

In den Kinderschuhen
Neue Sprachen

Den Ägyptern ewigen Dank
Von der Sprache zur Schrift

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