Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Forscher enträtseln "unmöglichen" Kristall
Warum sich Moleküle mit einer Fünffach-Symmetrie als zweidimensionale Kristalle anordnen
Moleküle mit einer Fünffach-Symmetrie ordnen sich auf einer Oberfläche als zweidimensionale Kristalle an - obwohl das theoretisch eigentlich nicht möglich sein sollte. Einen Ansatz zum besseren Verständnis dieses „unmöglichen“ Verhaltens haben nun Schweizer Forscher geliefert, indem sie die komplizierten Prozesse dieser Kristallisation mit Rastertunnelmikroskopen verfolgten.

Fünffach-Symmetrie
Fünffach-Symmetrie
© Empa Fünffach-Symmetrie
Fünfzählige Symmetrie gilt in der Kristallographie als unmöglich - aus dem gleichen Grund, weshalb es keine fünfeckigen Kacheln gibt: Mit gleichseitigen fünfeckigen Kacheln lässt sich ein Boden nämlich nicht lückenlos fliesen. Es sei denn, weitere geometrische Formen werden dazu genommen und zu einer Ebene kombiniert. Dieses Prinzip wandten bereits Moscheen-Baumeister im 15. Jahrhundert an.

Komplexe Ornamentstrukturen
Wiederentdeckt wurden die komplexen Ornamentstrukturen von Mathematikern des 20. Jahrhunderts. Roger Penrose präsentierte das nach ihm benannte Penrose-Parkett - ein Muster, das nach einfachen Regeln aus nur zwei geometrischen Formen besteht und periodisch ist. Vor einem ähnlichen Problem stehen Chemiker.

Moleküle mit fünffacher Symmetrie können eine Ebene ohne Zwischenräume nicht vollständig abdecken. Trotzdem sind sie - wie andere Moleküle auch - bestrebt, im Kristall oder auf einer Oberfläche eine möglichst dichte Anordnung zu erreichen. Doch wie schaffen sie das?

Anordnung von Corannulen-Pentamethyl-Derivaten
Anordnung von Corannulen-Pentamethyl-Derivaten
© Empa Anordnung von Corannulen-Pentamethyl-Derivaten
Corannulene - schalenförmige Fragmente von „Buckyballs“
Diese Frage untersuchten Forscher der Empa und der Universität Zürich an so genannten Corannulen-Molekülen. Diese Moleküle mit fünfzähliger Symmetrie besitzen eine gewölbte Form - wie eine Schüssel - und gelten als Fragment von Buckminster-Fulleren, dem so genannten Buckyball. Sie werden deshalb auch als „Buckybowls“ bezeichnet. Die Kohlenstoffatome der Corannulen-Moleküle sind in fünf Hexagonen um einen zentralen Fünferring angeordnet.

Von Corannulen und seinen Derivaten erhofft man sich eine wichtige Rolle für die Weiterentwicklung neuer Materialsysteme, insbesondere für die Photovoltaik und Elektronik.

Um zu beobachten, wie Moleküle mit fünfzähliger Symmetrie sich auf metallenen Oberflächen zu zwei-dimensionalen Kristallen anordnen, nutzten die Empa-Forscher das Rastertunnelmikroskop. Sie erwarteten, dass sie entweder eine unregelmäßige Struktur beobachten würden oder aber, dass die Moleküle eine perfekte Anordnung, dann aber mit einer von der Zahl fünf abweichender Kristallgittersymmetrie, bildeten. In der Tat „mogelten“ die Moleküle, um eine möglichst dichte Packungsform auf der Oberfläche zu erreichen und kippten von der Fünffach-Symmetrie weg.

Fast regelmäßige Kristallgitter
Daher verwendeten die Wissenschaftler in einem weiteren Experiment Moleküle mit sperrigen Seitengruppen, die ein Umkippen verhinderten und die Einhaltung der Fünffach-Symmetrie erzwangen. Trotzdem bildeten diese Moleküle eine enge Packung.

In ihren zweidimensionalen Kristallen sind die Moleküle auf einem sechseckigen Gitter angeordnet - sie bilden also eine sechszählige Symmetrie -, doch im Gegensatz zu Molekülen mit Sechsfach-Symmetrie unterscheiden sich die einzelnen Corannulen-Moleküle in ihrer gegenseitigen Anordnung.

Einblick in grundlegende Prozesse der Kristallbildung
Dieses Resultat, das die Forscher vor kurzem in der Fachzeitschrift „Journal of the Amercian Chemical Society“ veröffentlichten, wurde sowohl von mathematischen Simulationen, als auch aufgrund einfacher mechanischer Modellierungen mit fünfeckigen Styropor- und Aluminiumscheiben auf Luftkissen oder Schütteltischen vorhergesagt.

Der Prozess, wie die Symmetrie reduziert wird, wie die Moleküle also zu einer regelmäßigen Packung gelangen, dabei aber von der fünfzähligen Symmetrie abweichen, gibt Einblick in grundlegende Prozesse der Kristallbildung. Mit Hilfe der Rastertunnelmikroskopie können die Forscher diese komplizierten Prozesse auf molekularer Ebene verfolgen. Sie geben so einen wertvollen Einblick in die verschiedenen Aspekte, wie Moleküle sich auf Oberflächen niederlassen und so beispielsweise Werkstoffsystemen neue Eigenschaften vermitteln können.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Symmetrie, Kristalle, Moleküle, Buckyballs, Kacheln, Material, Nanotechnologie, Kohlenstoffatome, Corannulen, Rastertunnelmikroskopie
Weitere News zum Thema
Chemie-Nobelpreis für Entdecker der Quasikristalle (05.10.2011)
Anerkennung für zunächst verlachten Physikochemiker
Physik: Lücke im Standardmodell immer wahrscheinlicher (18.07.2011)
Verteilung von Elementarteilchen im Teilchenbeschleuniger deutet auf Symmetriebruch hin
Schönheit entscheidet sich im Vorderhirn (08.07.2011)
Orbitofrontaler Kortex reagiert sowohl auf visuelle als auch auf akustische Reize
Spin-Quantensprung des Protons eingefangen (22.06.2011)
Erstmals magnetische Eigenschaft an einem einzelnen Proton direkt beobachtet
„Kamera“ für Dunkle Materie startet zur ISS (28.04.2011)
Alpha-Magnet-Spektrometer AMS soll letzte Rätsel des Kosmos lösen helfen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zoom aufs Atom
Nanotechnologie
Dossiers zum Thema
Zoom aufs Atom
Reise in den Mikrokosmos
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
Diamanten
Hochkarätiges aus dem Bauch der Erde
Rätsel der Wissenschaft
Von ungelösten Fragen, verblüffenden Funden und "Missing Links"
Die Natur als chemische Fabrik
Weiße Biotechnologie – Alternative zur Petrochemie?
Symmetrie
Geheimnisvolle Formensprache der Natur
News des Tages
Kinder “ticken” anders
Wasserflöhe treiben Stechmücken in die Flucht
Alkohol: In sechs Minuten vom Glas ins Hirn
Forscher enträtseln "unmöglichen" Kristall
Deutschland unter Stress
Nippes gab es schon im alten Rom
Weltrekord bei Brennstoffzellen
Bücher zum Thema
Welt der Elemente
von Hans-Jürgen Quadbeck- Seeger
Nanotechnologie für Dummies
Spannende Entdeckungen aus dem Reich der Zwerge von Richard D. Booker und Earl Boysen
Faszination Nanotechnologie
von Uwe Hartmann
Nanotechnologie und Nanoprozesse
Einführung, Bewertung von Wolfgang Fahrner
Feuer und Flamme, Schall und Rauch
Schauexperimente und Chemiehistorisches von Fritz R. Kreißl und Otto Krätz
Das Buch der verrückten Experimente
von Reto U. Schneider
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes