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Mittwoch, 18.10.2017
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Wenn das Gehirn Schmerzen unterdrückt…

Neue Ergebnisse zu Schmerzverarbeitung bei Borderline- Patienten

Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung empfinden Schmerzen weniger stark als gesunde Menschen, oft fügen sie sich sogar bewusst selbst Verletzungen zu. Wie neue Forschungen jetzt zeigen, ist bei ihnen jedoch nicht die Schmerzemfpindllichkeit reduziert, sondern die Entstehung von Schmerzempfindungen vom Gehirn wird aktiv unterdrückt.
Forschungslandschaft Gehirn

Forschungslandschaft Gehirn

Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) fügen sich typischerweise selbst Verletzungen zu, so schneiden oder brennen sie sich oder schlagen mit dem Kopf gegen die Wand, und berichten dabei von reduzierter Schmerzwahrnehmung bis hin zu völliger Schmerzlosigkeit. Bereits zuvor hatten Studien gezeigt, dass die Schmerzentstehung und die Schmerzweiterleitung bei diesen Patientinnen völlig normal funktioniert und auch, dass die schmerzverarbeitenden Nervenzellen im Gehirn der BPS-Patientinnen zunächst noch normal auf schmerzhafte Reize reagieren. Die Wissenschaftler hatten daher gemutmaßt, dass somit im Gehirn dieser Patientinnen die Entstehung von Schmerzempfindungen aktiv unterdrückt werden müsse.

Ein Forscherteam um den Psychiater Christian Schmahl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, den Neurophysiologen Wolfgang Greffrath von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Erich Seifritz aus der Universitätsklinik für Psychiatrie Bern hat nun untersucht, wie sich die zentralnervöse Verarbeitung von Schmerzreizen im Gehirn von Patientinnen mit BPS von der bei gesunden Versuchspersonen unterscheidet. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Archives of General Psychiatry erschienen.

Experiment testet Schmerzreaktion


Für die Studie wurden sowohl objektiv identische als auch subjektiv gleich schmerzhaft empfundene Hitzereize auf den Handrücken der Versuchspersonen gegeben. Die Schmerzhaftigkeit wurde von den Teilnehmerinnen subjektiv bewertet während - mittels funktioneller Bildgebung in der Kernspintomographie - Hirnareale identifiziert wurden, die der Erkennung, Verarbeitung und Bewertung dieser Schmerzreize dienen.


Hierbei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden untersuchten Gruppen. Objektiv identische Hitzereize von 43°C wurden von den Patientinnen subjektiv als weit weniger schmerzhaft empfunden als von den Gesunden. Dementsprechend wurde auch das Gehirn dieser Patientinnen durch solche Reize objektiv weit weniger stark aktiviert als das der Kontrollpersonen.

Zur Auslösung einer identischen Schmerzempfindung mussten die Reiztemperaturen bei den Patientinnen um fast 3°C gegenüber Gesunden erhöht werden. Auch hierbei wurden auffällige Unterschiede gefunden: Der dorsolaterale präfrontale Kortex, ein Hirnareal das der kognitiven Schmerzbewertung dient, zeigte unmittelbar nach der Hitzereizung bei den Borderline- Patientinnen eine erhöhte Aktivität gegenüber Gesunden. Nachfolgend wurde in der Hirnrinde des vorderen Cingulums und in der Amygdala der Patientinnen die Aktivität deutlich reduziert - diese Hirngebiete sind dafür bekannt, dass sie der affektiven Bewertung von Schmerzreizen dienen.

Verletzungen als „Selbstheilungsversuch“


Dies legt den Schluss nahe, dass bei den Patientinnen mit Borderline-Störung eine erhöhte kognitive Kontrolle zu einer niedrigeren affektiven Schmerzbewertung führt und damit zur Schmerzunempfindlichkeit. Man kann vermuten, dass starke Schmerzreize zu einer Beruhigung von Hirnsystemen führen, die für die Verarbeitung von starken Emotionen verantwortlich sind.

Selbstverletzungen bei Borderline-Patientinnen können nach Ansicht der Forscher daher in gewisser Weise als ein Selbstheilungsversuch angesehen werden. "Somit verfügt unser Gehirn offensichtlich über sehr effektive neuronale Netzwerke zur Unterdrückung von Schmerzen. Wenn wir diesen Mechanismus genauer verstehen, können wir möglicherweise in Zukunft von den Borderline- Patientinnen lernen, wie wir chronischen Schmerzpatienten besser helfen können", so die Autoren.
(Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, 21.06.2006 - NPO)
 
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