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Mittwoch, 29.06.2016
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Globalisierung gefährdet Artenvielfalt

Verschleppte Arten breiten sich durch Handel nach neuen Mustern aus

Blinde Passagiere: Die Ausbreitung verschleppter Tierarten hängt heute nur vom menschlichen Handelsverkehr und vom Klima ab. Frühere Barrieren wie Meere und Gebirge spielen dagegen kaum eine Rolle mehr, wie Forscher anhand am Beispiel von Schnecken herausgefunden haben. Sie befürchten, dass sich angesichts der zunehmenden Globalisierung die Ökosysteme der Erde nach und nach völlig vereinheitlichen könnten. Im Fachmagazin "Science" fordern sie darum mehr Maßnahmen gegen eingeschleppte Arten.
Die weiße Gartenschnecke (Theba pisana) stammt eigentlich aus Europa, ist aber mittlerweile auch in gemäßigten Regionen in Kalifornien, Südafrika, Argentinien und Australien weit verbreitet.

Die weiße Gartenschnecke (Theba pisana) stammt eigentlich aus Europa, ist aber mittlerweile auch in gemäßigten Regionen in Kalifornien, Südafrika, Argentinien und Australien weit verbreitet.

Meere und Gebirge wirken seit Jahrmillionen als Barrieren für Tiere und Pflanzen – auf diesem Wege haben sich auf weit voneinander entfernten Inseln und Kontinenten voneinander getrennte, völlig unterschiedliche Ökosysteme mit ihrer jeweils eigenen Flora und Fauna entwickelt. Doch mit zunehmendem weltweiten Handel und Tourismus verschleppt der Mensch viele Tier- und Pflanzenarten über den ganzen Globus, von Ratten auf abgelegenen Pazifikinseln bis zu Muscheln, die in Ballasttanks von Frachtschiffen um die ganze Welt reisen.

Besonders in den letzten Jahren hat diese Entwicklung rasant zugenommen. Wissenschaftler befürchten, dass sich so die Ökosysteme unseres Planeten auf lange Sicht völlig vereinheitlichen könnten: Wenn eingeschleppte Arten die einheimischen bedrohen und sich weltweit die erfolgreichsten Arten durchsetzen, sehen irgendwann alle Kontinente mehr oder weniger gleich aus.

Globale Analyse mit gewechselter Perspektive


Allerdings ist dieses Phänomen bisher immer nur an einzelnen Beispielen vor Ort untersucht worden. Global ansetzende Studien zu dieser Annahme fehlen bislang. Ein Forscherteam um Henrique Miguel Pereira vom Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig will das nun ändern.


Die Tiere, die sich die Wissenschaftler dafür vorgenommen haben, sind jedoch auf den ersten Blick nicht unbedingt für ihre schnelle Ausbreitung bekannt: Pereira und Kollegen untersuchten 175 Arten von Landschnecken und verglichen, wie ähnlich sich die Schnecken-Populationen in 56 verschiedenen Ländern sind. "Wir haben die Perspektive gewechselt und nicht gefragt, ob es mit der Zeit zu Veränderungen in der Artenvielfalt gekommen ist", erklärt Pereira. "Vielmehr wollten wir wissen, wie sich die Ähnlichkeit zwischen den Artengemeinschaften verändert hat."

Verbreitung folgt neuen Mustern


Die Ergebnisse überraschten die Experten: Zwar spiegelt die ursprüngliche, natürliche Verbreitung der Schneckenarten noch die bekannten Ausbreitungsgrenzen wider. Für gebietsfremde, also eingeschleppte Vertreter ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild: "Die Verbreitung der vom Menschen verschleppten Schnecken folgt ganz neuen Mustern und wird fast ausschließlich vom Klima bestimmt", erklärt Erstautor César Capinha.

Die Schneckengemeinschaften richten sich dabei an zwei biogeographischen Regionen aus: den Tropen und den gemäßigten Zonen. Daraus folgt, dass sogar weit voneinander entfernte, klimatisch aber ähnliche Regionen eine sehr ähnliche Artengemeinschaft von verschleppten Schnecken aufweisen können.

Klima und Handel bestimmen Ausbreitung von Arten


Dies steht ganz im Gegensatz zu den früheren Barrieren: Früher war es die Entfernung, die über die Ausprägung von Ähnlichkeitsmustern bestimmte. Heute ist es das Klima, ergänzt durch den Einfluss der geografischen Entfernung und des globalen Handels. Mit dem Transport von lebenden Pflanzen, Gemüse und Obst erreichen täglich blinde Passagiere neue Länder und Regionen und siedeln sich dort an. Für Länder mit ähnlichen Klimaverhältnissen heißt das: Je intensiver der Handel zwischen den betreffenden Ländern betrieben wird, desto ähnlicher werden sich deren Artengemeinschaften entwickeln.

Diese biologische Homogenisierung könnte weitreichende Konsequenzen haben, warnen die Forscher. Während manche Arten durch den Menschen weltweit verschleppt werden, geraten viele einheimische Arten aufgrund der Ansiedlung der Neubürger immer stärker unter Druck. Für den Schutz der einheimischen Arten unter solchen Bedingungen müsse daher mehr getan werden, fordern die Forscher, und die Verschleppung fremder Arten müsse gebremst werden. (Science, 2015; doi: 10.1126/science.aaa8913)
(Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), 12.06.2015 - AKR)