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Freitag, 28.11.2014
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Fremdsprachen machen Entscheidungen logischer

Emotionale Einflüsse wirken sich weniger stark aus als in der Muttersprache

Wer eine Fremdsprache spricht, lässt sich bei Entscheidungen weniger von Gefühlen beeinflussen als beim Sprechen seiner Muttersprache. Das hat ein US-Psychologenteam jetzt in einer Reihe von Experimenten nachgewiesen. Insbesondere die Angst vor Verlusten - normalerweise eine starke Triebfeder bei wirtschaftlichen Entscheidungen - scheint sich stark abzuschwächen, sobald man eine andere Sprache spricht. Vermutlich stellt sich das Gehirn durch die bewusstere, geistig anspruchsvollere Verwendung der fremden Sprache ganz allgemein auf einen Modus um, in dem es eher analytisch vorgeht, interpretieren die Forscher ihre Ergebnisse. Das beeinflusse dann auch die Informationsverarbeitung in anderen Bereichen, schreibt das Team um Boaz Keysar von der University of Chicago im Fachmagazin "Psychological Science".
Zwischen 5.000 und 7.000 Sprachen gibt es weltweit

Zwischen 5.000 und 7.000 Sprachen gibt es weltweit

Beim Denken kombinieren Menschen im Allgemeinen zwei Arten von Prozessen: einen analytischen Teil, der klaren Regeln folgt und immer systematisch vorgeht, und einen intuitiven, emotionalen, der eher grobe Abschätzungen macht als genau abzuwägen. Letzterer ist auch die Ursache dafür, dass es beim Menschen eine Grundangst vor Verlusten gibt - und sie daher nicht immer die wirtschaftlich sinnvollste Entscheidung treffen. Ein Beispiel: Münzenwerfen mit einem Euro Einsatz und einem Gewinn von 1,50 Euro. Wenn man verliert, ist lediglich der Einsatz weg, bei einem Gewinn behält man den Euro und bekommt noch 1,50 hinzu. Es ist also rein rechnerisch bereits nach einigen wenigen Spielen mit einem deutlichen Gewinn zu rechnen. Trotzdem entscheiden sich viele gegen ein solches Spiel, weil für sie die Vorstellung eines Verlustes schwerer wiegt als der größere Gewinn.

Überraschenderweise verschwindet diese Abneigung jedoch fast ganz, wenn den Spielern die Regeln nicht in ihrer Muttersprache, sondern in einer ihnen vertrauten Fremdsprache erklärt werden, konnten Keysar und seine Kollegen jetzt zeigen. Sie hatten insgesamt knapp 600 Studenten unter anderem das Münzenwerfen spielen lassen. Die Hälfte wurde in der jeweiligen Muttersprache – Koreanisch oder Englisch – angeleitet und die andere Hälfte in einer Fremdsprache, die die Probanden seit mehreren Jahren erlernten.

Unerwartet deutlicher Einfluss der Sprache



Ergebnis: 71 Prozent der Probanden aus der Fremdsprachengruppe nahmen am Münzenspiel teil, aber nur 54 Prozent der Muttersprachler. Auch der Hang zu anderen unlogischen Verhaltensweisen nahm ab. So reagieren Menschen normalerweise unterschiedlich darauf, wenn ihnen gesagt wird, dass bei einer Epidemie "200.000 von 600.000 überleben werden" oder "400.000 von 600.000 sterben werden". Ersteres vermittelt ihnen ein Gefühl der Sicherheit, während letzteres eher die Risikobereitschaft fördert. Doch auch diese Voreingenommenheit verschwindet, wenn eine Fremdsprache gesprochen wird, konnten die Forscher zeigen.

Offenbar ist es also nicht so, dass die geistig anspruchsvolle Beschäftigung mit der Fremdsprache die gesamten Ressourcen der analytisch denkenden Seite belegt und die intuitive damit die Oberhand gewinnt, interpretieren sie ihre Ergebnisse. Vielmehr treten die emotionalen Einflüsse in den Hintergrund, so dass Entscheidungen tatsächlich eher nach logischen Aspekten gefällt werden. Auf Dauer könnte sich das bei der zunehmenden Anzahl an Entscheidern, die regelmäßig eine Fremdsprache sprechen, durchaus positiv auswirken, schreiben die Forscher.

(doi: 10.1177/0956797611432178)
(Psychological Science, 23.04.2012 - ILE)

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