Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 24.05.2012
Tränen transportieren chemische Signale
Der Duft von Frauentränen lässt Männer die Lust am Sex verlieren
Dass der Anblick von Tränen uns emotional beeinflusst, ist nichts Neues. Doch jetzt haben Forscher herausgefunden, dass Tränen auch chemische Signale aussenden. Wie sie in „Science“ berichten, dämpft schon der – nicht bewusst wahrnehmbare - Geruch weiblicher Tränen bei Männern die sexuelle Erregung. Ob dies auch im umgekehrten Fall so ist, ist bisher nicht geklärt, ebensowenig die Frage, welche Komponente für diese Wirkung verantwortlich ist.

Tränen weinender Frauen werden gesammelt
Tränen weinender Frauen werden gesammelt
© Weizmann Institute Tränen weinender Frauen werden gesammelt
Bei vielen Tieren und auch beim Menschen spielt der Geruch von Körperflüssigkeiten eine wichtige Rolle als Vermittler von chemischen Signalen. Vom menschlichen Schweiß ist beispielsweise bekannt, dass der Geruch einiger Inhaltsstoffe von anderen Menschen unbewusst wahrgenommen wird und eine emotionale Reaktion auslöst. Bei Mäusen enthalten auch die Tränen spezifische chemische Botenstoffe, die anderen Mäusen Informationen übermitteln. Aber könnte dies auch für menschliche Tränen der Fall sein?

Tränen sind geruchlos – oder?
Bekannt war bisher nur, dass durch Emotionen ausgelöste Tränen eine andere chemische Zusammensetzung haben als die Tränen, die nur der Reinigung des Auges dienen, beispielsweise von einem Fremdkörper. Aber wie sollte ein chemisches Signal wahrgenommen werden? Tränen sind geruchslos – so schien es bisher jedenfalls. Jetzt jedoch haben Wissenschaftler des Weizman Instituts in Israel herausgefunden, dass Tränen tatsächlich chemische Signale senden und dass diese unbewusst auch wahrgenommen werden.

Der erste Experiment der Forscher um Shani Gelstein und Noam Sobel, Professor für Neurobiologie am Weizman Institut, schien zunächst die Geruchslosigkeit der Tränen zu bestätigen: Die Wissenschaftler sammelten zunächst Tränen von weiblichen Probanden, die diese beim Anschauen eines traurigen Films vergossen. Dann ließen sie männliche Freiwillige an Proben dieser Tränen und an Proben von Salzwasser schnuppern und die Tränen zu identifizieren. Die Männer lagen dabei genauso oft falsch wie richtig: Sie rochen keinen Unterschied.

Proband mit Tränenpad unter der Nase
Proband mit Tränenpad unter der Nase
© Weizmann Institute Proband mit Tränenpad unter der Nase
Der Duft weiblicher Tränen macht Frauen weniger attraktiv
In einem zweiten Experiment wurde den männlichen Probanden ein Pflaster unter die Nasen geklebt, das entweder mit einer weiblichen Tränenprobe oder mit Salzwasser getränkt war. Damit ausgerüstet sollten sie auf einem Computerbildschirm gezeigte Bilder von Frauengesichtern nach verschiedenen Kriterien bewerten. In diesem doppelblinden Versuch wussten weder die durchführenden Forscher noch die Probanden, welche Proben gerade im Spiel waren. Am nächsten Tag wurden die Versuche mit anderer Proben-Probanden-Kombination wiederholt.

Das Ergebnis: Wenn es darum ging, die im Bild ausgedrückten Gefühle der Frauen einzuschätzen, unterschieden sich die Bewertungen der Probanden nicht: Ob Tränen oder Salzwasser, das Urteil darüber, ob das Gesicht traurig oder mitleidig schaute, zeigte keinerlei Beeinflussung. Anders sah es dagegen aus, wenn die Probanden gebeten wurden, den Sex-Appeal der Frauen einzuschätzen. Die Männer, die weibliche Tränen rochen, stuften die abgebildeten Frauen tendenziell immer etwas weniger attraktiv ein als ihre Salzwasser-Kollegen.

Kein Effekt auf emotionale Stimmung
Um diesen Effekt weiter zu untersuchen, schlossen die Wissenschaftler ein weiteres Experiment an, bei dem die Probanden – wieder unter dem Einfluss von Tränen oder Salzwasser - gefühlvolle Filme anschauten. Während des Films wurden sie gebeten, ihre subjektive Stimmung einzuschätzen, gleichzeitig wurden physiologische Parameter wie Hauttemperatur und Puls gemessen. Das Ergebnis zeigte, dass die Tränen auf die Gefühlslage offenbar keinen Einfluss hatten. Die Teilnehmer mit der Tränenprobe stuften ihre Stimmung, beispielsweise bei traurigen Filmen, nicht emotionaler oder trauriger ein als die Salzwasser riechenden Probanden.

Sexuelle Erregung physiologisch gedämpft
Doch in einem Punkt zeigten sich deutliche Unterschiede: Die Tränen-Probanden stuften ihre sexuelle Erregung bei entsprechenden Filmszenen als durchschnittlich etwas geringer ein als die Kontrollgruppe. In ihren unbewussten körperlichen Reaktionen fiel die Reaktion noch klarer aus: Alle physiologischen Anzeichen für Erregung waren deutlich gedämpft. Auch der im Blut gemessenen Spiegel des Geschlechtshormons Testosteron war bei den Männern niedriger, die die weiblichen Tränen rochen.

Ein viertes Experiment zeigte, dass sich dieser Effekt auch im Gehirn manifestierte: Bei diesem lagen die Probanden während der Filmsession in einem Gerät zur funktionellen Magnetresonanztomografie. Die Messungen ergaben eine deutlich gedämpfte Aktivität in den Gehirnarealen, die mit sexueller Erregung in Verbindung stehen. Offenbar enthalten weibliche Tränen tatsächlich eine Komponente, die die männliche Erregung negativ beeinflusst. Warum, ist allerdings noch unklar.

„Diese Studie eröffnete viele interessante Fragen“, erklärt Sobel. „Welche Chemikalie ist hier involviert? Senden unterschiedliche emotionale Situationen auch unterschiedliche Tränen-Signale? Sind weibliche Tränen von Männer oder Kindertränen verschieden? Diese Studie bestätigt die Idee, dass chemische Signale des Menschen – derer wir uns nicht bewusst sind – das Verhalten anderer beeinflussen.“ (Science, 2011; DOI: 10.1126/science.1198331)
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Tränen, Geruch, chemische Signale, Frauen, Männer, Erregung, Attraktivität, Emotionen, weibliche Tränen, weinen, Empfinden
Weitere News zum Thema
Rohstoffabbau bedroht Tiefsee-Leben (02.08.2011)
Menschlicher Einfluss reicht bis in tiefste Meeresgebiete
Mini-Stimulator schaltet Kopfschmerzen ab (27.06.2011)
Implantat im Oberkiefer könnte gegen Cluster-Kopfschmerzen helfen
Biophysik des Schlangenbisses enträtselt (17.05.2011)
Schlangengift verhält sich wie eine Nicht-Newtonsche Flüssigkeit
Krokodilstränen auf die Schliche gekommen (11.02.2011)
Ist die Reue wirklich echt? Studie entlarvt vorgetäuschte Emotionen
Immunsystem: Mastzellen bestimmen Verteidigungsstrategie (08.06.2010)
Allergie-Zellen lösen spezifische Reaktionen gegen Viren oder aber Bakterien aus
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Partnerwahl
Zwischen Intuition und Kalkül
Duft
Von der Nase ins Gehirn
Tausendfache Geruchsfänger
Wie das Riechsystem Informationen verarbeitet
Die Macht der Hormone
Alleskönner, Jungbrunnen und Liebestrank?
Schönheit
Symmetrie, Kindchenschema und Proportionen
News des Tages
Mond-Kern ist erdähnlich
Hochzeitsflug im Bernstein konserviert
Tränen transportieren chemische Signale
Selbstreinigung der Atmosphäre besser als befürchtet
Dioxin und Co. in Lebensmitteln untersucht
Erster Asteroid aus Innerem eines Planetoiden
Schreibprozess der DVD-RW entschlüsselt
Bücher zum Thema
Feuerwerk der Hormone
Warum Liebe blind macht und Schmerzen weh tun müssen von Marco Rauland
Dem Rätsel des Riechens auf der Spur
Grundlagen der Duft- wahrnehmung von Hanns Hatt
Brainsex - Warum wir uns verlieben
DVD
Phänomen Mensch
Körper, Krankheit, Medizin von Andreas Sentker und Frank Wigger
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
5. Ruß und Ozonsmog verstärken die Wanderung der Klimazonen