Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 26.05.2012
Gehirn speichert Fingerfertigkeit modulweise
Lernen komplexer Bewegungen der Hand erfolgt über spezielle Erinnerungsbausteine
Das Gehirn merkt sich hochkomplexe Bewegungsabläufe der Finger, beispielsweise bei Musikern, auf besondere Weise: Beim Lernen häufig auftretende Muskelbewegungen werden in speziellen Erinnerungsbausteinen gespeichert und können so schneller abgerufen werden. Das zeigt jetzt eine in : „Current Biology“ erscheienen Studie an Musikern.

Erfordert Fingerfertigkeit: Klavier spielen
Erfordert Fingerfertigkeit: Klavier spielen
© NH.gov
Eine Beethoven-Sonate auf dem Klavier, geschickte Schnitte und Nähte eines Chirurgen bei einer Operation oder das Tippen eines Textes auf der Tastatur – ausgeprägte Fingerfertigkeit unterscheidet den Menschen von anderen Primaten. Seit vielen Jahren spüren Wissenschaftler deshalb der Frage nach, wie das Gehirn komplexe Bewegungsprozesse kontrolliert und speichert. Um dies zu klären, untersuchten Wissenschaftler um Studienleiter Professor Joseph Claßen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig, zusammen mit Würzburger Kollegen die Handgriffe von 15 ausgebildeten Musikern – neun Geigern und sechs Pianisten.

Hirnstimulation löst Fingerzucken aus
Die Forscher ließen die Probanden auf ihrem Instrument bestimmte Übungsstücke spielen und zeichneten dabei die Griffe der linken Hand auf. Anschließend analysierten sie die einzelnen Bewegungsabläufe bis ins Detail und gliederten sie in Bewegungsmuster. Im zweiten Schritt lösten die Forscher bei den Musikern mithilfe einer am Kopf platzierten Magnetspule spontane Bewegungen der Hand aus. Diese schmerzfreie sogenannte transkranielle Magnetstimulation (TMS) regt bestimmte Verbände von Nervenzellen im Gehirn dazu an, elektrische Impulse zu feuern. Dies führt dazu, dass die Finger der Probanden unwillkürlich zucken.

Bewegungen mit Gemeinsamkeiten werden zusammengefast
Die Analyse dieser spontanen Fingerbewegungen ergab erstaunliche Übereinstimmungen: Es waren Elemente genau jener Muster, die Hände und Finger auch beim Spielen auf dem Instrument vollführen – jedoch in diesem Fall gänzlich unbewusst. Im Gegenversuch mit 17 Nichtmusikern sahen diese Zuckungen zudem anders aus.

Die Erklärung finden die Forscher im jahrelangen Training der schwierigen Bewegungsabläufe mit bis zu 10.000 Übungsstunden: Das Gehirn der Musiker scheint die Gemeinsamkeiten einzelner Bewegungen zu erkennen und beim Üben in Modulen abzuspeichern, so die Forscher der Medizinischen Fakultät Leipzig. Dadurch muss etwa ein Geiger bei der Darbietung eines Stückes nicht jede einzelne Muskelaktivität bewusst planen und abrufen.

„Die Musiker haben die Bewegungsmuster durch das intensive Üben buchstäblich verinnerlicht“, so Claßen. „Bei komplizierten motorischen Aktivitäten spart das Gehirn mit dem Abrufen der Grundmodule sowohl Zeit als auch Energie. Davon profitiert auch die Geschicklichkeit – denn die Musiker können ihre Stücke mit größerer Leichtigkeit, Präzision und Geschmeidigkeit spielen.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Musiker, Fingerfertigkeit, Bewegungsabläufe, Neurobiologie, Gehirn, Erinnerung, Bewegungslernen, Lernen, Magnetstimulation, Bewegungsmuster
Weitere News zum Thema
Zweisprachigkeit verfeinert das Gehör (02.05.2012)
Hirnstamm verarbeitet grundlegende Laute effektiver als bei Einsprachigen
Die kleinsten Funkstationen der Welt (05.03.2012)
Einzelne Photonen könnten sich als Träger von Quanteninformation eignen
Klang von Stradivari-Geigen doch nicht einzigartig (03.01.2012)
Violinisten können historische und neue Instrumente nicht am Klang unterscheiden
Exakte Kopie einer Stradivari-Geige erzeugt (28.11.2011)
Computertomografie ermöglicht Rekonstruktion bis auf das letzte Wurmloch
Gehirn: Mandelkern erkennt Spontaneität (03.05.2011)
Studie an Jazzmusikern zeigt, wie unser Denkorgan Improvisationen verarbeitet
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Wunder Gehirn
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Das Rätsel der Savants
Auf Spurensuche bei „Rain Mans“ Geschwistern
Alles mit links
Das Rätsel der Linkshändigkeit
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
Rätsel Hirnschwund
Auf der Suche nach den Ursachen von Alzheimer und Parkinson
News des Tages
Klimawandel: Kipppunkt für Tundrabrände überschritten?
„Schweinegrippe“: Mini-Mutation bewirkt tödlichen Verlauf
CO2-Emissionen: Rekordwerte für 2010 erwartet
Existiert eine bisher unbekannte Kraft im Universum?
Babys verstehen „Greifen“ ab fünf Monaten
Gehirn speichert Fingerfertigkeit modulweise
Bücher zum Thema
Intelligente Zellen
von Bruce Lipton
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Die blinde Frau, die sehen kann
Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee
Sonst noch Fragen?
Warum Frauen kalte Füße haben und andere Rätsel von Ranga Yogeshwar
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Mensch trägt direkt zum Anstieg des Meeresspiegels bei
5. Straßenlaternen verändern Tierwelt des Bodens