Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Ursuppe: Glimmer als Hort der Lebensentstehung?
Hypothese postuliert Zwischenräume in Schichtsilikaten als idealen Ort für die Bildung der ersten Zellen
Wo entstand das Leben – diese Frage ist bis heute unbeantwortet. Klar ist nur: frei in der Ursuppe schwimmend kann es nicht gewesen sein. Jetzt hat eine amerikanische Forscherin eine neue Hypothese vorgestellt, nach der sich die ersten Zellen im Schutz winziger Zwischenräume in den Schichten des Glimmer gebildet haben könnten. Das blättrige Silikat-Mineral bot ihrer Ansicht nach den ersten Biomolekülen optimale Bedingungen für die entscheidenden Reaktionen.

Glimmer
Glimmer
© USGS Glimmer
Eines der großen Probleme in der Erforschung der Lebensentstehung ist die Frage, wo sich die ersten Zellen bildeten. Denn in der freien „Ursuppe“ fehlte die Möglichkeit, die benötigten Moleküle in ausreichender Konzentration und ungestört von parallel ablaufenden Zerfallsprozessen zusammenzuführen. Die meisten Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass sich die entscheidenden Schritte in einem geschützten, räumlich eingegrenzten Raum abgespielt haben müssen. Ob dies aber Poren im Gestein, Bläschen oder eine Art hydrothermaler Schlot war, kann bisher nur spekuliert werden.

„Grüner Schleim“ im Glimmer
Helen Hansma von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara hat nun eine ganz neue Hypothese zum Ort der Lebensentstehung vorgestellt. Die Idee dafür kam ihr vor einigen Jahren im Urlaub, nachdem sie und ihre Familie in einer alten Mine in Connecticut Glimmer gesammelt hatten. Das Mineral aus schichtförmig angeordneten Silikatverbindungen ist sehr weich und wegen seines Glanzes und seiner blättrigen Struktur bekannt. Zuhause tropfte die Forscherin ein paar Tropfen Wasser auf eine Glimmerprobe und besah sie sich unter dem Mikroskop. Dabei bemerkte sie ein paar grünliche, organische Ablagerungen an einigen Kanten des Glimmers.

„Ich kam darauf, dass das eigentlich auch ein guter Ort für die Entstehung des Lebens gewesen sein könnte – geschützt in diesen Stapeln von Schichten, die sich in Reaktion auf fließendes Wasser auf oder ab bewegten“, erklärt Hansma. „Das wiederum könnte die mechanische Energie geliefert haben, um chemische Bindungen zu erzeugen oder zu brechen.“ Angeregt durch diese Beobachtungen arbeitete die Forscherin ihre Hypothese aus und führte unter anderem Untersuchungen von „Mica“, wie die Schichtsilikate im englischen Sprachraum bezeichnet werden, mit Hilfe des Rasterkraftmikroskops durch.

Glimmer aus Alstead
Glimmer aus Alstead
© Rpervinking / CC by-sa 3.0 Glimmer aus Alstead
Optimales Umfeld für Lebensbausteine
„Die Mica-Schichten sind so dünn, dass eine Million von ihnen in eine nur einen Millimeter dicke Scheibe Glimmer passen“, erklärt Hansma. „Sie sind anatomisch so flach, dass wir im Rasterkraftmikroskop DNA-Moleküle frei über ihre Oberfläche schwimmen sehen können, ohne sie freipräparieren zu müssen.“ Es zeigte sich, dass die winzigen Zwischenräume der Silikatschichten eine Umgebung bieten, die nicht nur für lebende Zellen, sondern auch für alle Klassen der Biomoleküle, von Proteinen über Nukleinsäuren, Kohlenhydraten und Fetten, eine geeignete Umgebung bieten.

Nachdem sie ihre Hypothese 2007 ihren Kollegen auf einer Jahresversammlung der American Society for Cell Biology vorgestellt hatte, hat Hansam ihre „Life in the Sheets“-Hypothese nun in der Fachzeitschrift „Theoretical Biology“ veröffentlicht. Der Kern der Hypothese: Zwischen den nur lose aneinander haftenden Schichten des Glimmers bilden sich strukturierte Kompartimente – abgegrenzte Kammern, die den Bausteinen des Lebens das optimale chemische und physikalische Umfeld geboten haben könnten, um sich zu den ersten Zellen zusammenzulagern.

Kammern als „Blaupause“ für Zellen?
Nach Ansicht der Forscherin sprechen mehrere Faktoren für ein solches Szenario: Die Glimmer-Kammern boten den Biomolekülen Schutz vor Störungen und die Möglichkeit, sich anzureichern. Zudem könnte die Struktur der Kammern als eine Art „Blaupause“ für die Bildung kompartimentierter Lebenseinheiten, den Zellen, geliefert haben. Außerdem spielt das Element Kalium in den Schichtsilikaten eine wichtige Rolle für den Zusammenhalt der Schichten. Sein hoher Gehalt in den Kammern könnte erklären, warum auch die Zellen von Lebewesen so viel Kalium enthalten und für wichtige Stoffwechselprozesse verwenden.

Wellenbewegung förderte Reaktionen
Und schließlich könnten die gegeneinander beweglichen Schichten auch die Energie geliefert haben, um die entscheidenden chemischen Reaktionen auszulösen: Durch den Einfluss von Wellen im Urmeer geriet auch der Glimmer in eine Auf- und Abbewegung. Dadurch wurden die Kammern zwischen den Schichten immer wieder verengt, Moleküle aneinander gedrängt oder verschoben. Diese Bewegung könnte die chemische Reaktion der Moleküle miteinander gefördert haben. „Glimmer würde Molekülen genügend Struktur und Schutz bieten um ihre Entwicklung zu ermöglichen, andererseits aber auch der dynamischen, ständig wandelnden Struktur des Lebens entgegenkommen“, so Hansma.

Nach Ansicht der Forscherin könnte das Schichtsilikat dem entstehenden Leben bessere Bedingungen geboten haben als andere Minerale, die bisher bereits für diese Rolle in Betracht gezogen wurden. Denn während die meisten anderen zwischenzeitlich immer wieder zu nass oder zu trocken geworden sein könnten, fangen die extrem feinen und gut geschützten Kompartimente des Schichtsilikats solche Extreme besser ab. Zudem quellen sie bei Wasseraufnahme nicht auf, wie beispielweise Tonminerale, sondern bleiben stabil.

Ob sich die Hypothese bestätigt, sollen jetzt weitere Untersuchungen und Laborversuche zeigen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Leben, Glimmer, Evolution, Zellen, Wasser, DNA, Silikat, Mineral, Gestein, Poren, Biomoleküle, Kalium
Weitere News zum Thema
Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt (10.02.2012)
Einzigartige Lebensformen im Wostoksee waren seit 15 Millionen Jahren isoliert
Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler? (10.02.2012)
Können Kaltwasserkorallen der Versauerung des Meerwassers standhalten?
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Ozeanerwärmung lässt Seeelefanten tiefer tauchen (09.02.2012)
Wärmeres Waser zwingt Robben zu verändertem Verhalten
Primat mit reinen Ultraschall-Rufen entdeckt (08.02.2012)
Extreme Signale für den Menschen und viele Beutetiere nicht hörbar
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zellen - Bausteine des Lebens
Nesseltiere
Darwins Vermächtnis
Mineralien
Gesteine
Dossiers zum Thema
Aus für die Ursuppe?
Rätsel um die Entstehung des Lebens
Sprungbrett der Evolution
Was Hohltiere vom Werden der Menschen verraten
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Rätsel Wasser
Ein Lösungsmittel mit Geheimnissen
Eine Erde voller Arten
Darwins Vermächtnis in der heutigen Evolutionsbiologie
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
DNS-Scanner
Gencheck mit Terahertz-Strahlung
News des Tages
Ursuppe: Glimmer als Hort der Lebensentstehung?
Gehirn: Verteiltes Netzwerk statt Hierarchie?
Laserpulse bringen lebende Zellen zum Leuchten
Fehlendes Protein schuld an schuppender Haut
Künstliche Photosynthese als Energiequelle der Zukunft
Alte Menschen: Gefahr durch Medikamente?
Röntgenblick deckt Hirndetails auf
Bücher zum Thema
Geschichten vom Ursprung des Lebens
Eine Zeitreise auf Darwins Spuren von Richard Dawkins
Minerale und Gesteine
Mineralogie - Petrologie - Geochemie von Gregor Markl
Abenteuer Evolution
Die Ursprünge des Lebens von Walter Kleesattel
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Gipfel des Unwahrscheinlichen
Wunder der Evolution von Richard Dawkins
Wie Zellen funktionieren
Wirtschaft und Produktion in der molekularen Welt von David S. Goodsell
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes