Moderne Pestbakterien stammen von nur einem mittelalterlichen Stamm ab Pest zog von Europa nach Asien - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Moderne Pestbakterien stammen von nur einem mittelalterlichen Stamm ab

Pest zog von Europa nach Asien

Spätmittelalterliche Darstellung des Schwarzen Todes © historisch

Ausbreitung nach Osten: Sowohl die heute weltweit kursierenden Pestbakterien als auch die Erreger der großen Pandemie im China des 19. Jahrhunderts haben einen gemeinsamen Ursprung: den Peststamm, der im Mittelalter in Europa den Schwarzen Tod wüten ließ. Das belegen Genanalysen historischer Pestopfer. Demnach wurde die Pest nicht mehrfach von Asien nach Europa eingeschleppt, sondern breite sich umgekehrt von Europa nach Asien aus.

Die Pest ist vor allem wegen ihrer drei großen Pandemien berüchtigt: die justinianische Pest im 8. Jahrhundert, den Schwarzen Tod des Mittelalters, der mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung hinraffte und schließlich eine große Pandemie im China des 19. Jahrhunderts. Aber auch nach der mittelalterlichen Pandemie gab es in Europa jahrhundertelang immer wieder Pestausbrüche.

Woher die diese Ausbrüche kamen, ist jedoch bisher unklar. Einige Indizien sprechen für eine wiederholte Einschleppung aus Asien, andere für ein europäisches Reservoir der Pesterreger. Heute gilt der Erreger in Europa als ausgestorben, in anderen Regionen der Welt existiert er jedoch noch.

Pesterreger aus historischen Gräbern

Um die Entwicklungsgeschichte dieses berüchtigten Erregers näher zu untersuchen, analysierten und verglichen Maria Spyrou vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihre Kollegen das Erbgut von verschiedenen historischen und heutigen Pesterregern (Yersinia pestis). Dafür entnahmen sie Proben aus alten Massengräbern im spanischen Barcelona und im süddeutschen Ellwangen, sowie aus einem Einzelgrab im russischen Bolgar.

Massengrab von Pestopfern eines Ausbruchs im 16. Jahrhundert im süddeutschen Ellwangen. © Rainer Weiss/ Landesamt für Denkmalpflege, Baden-Württemberg

„Wir haben gehofft, durch die Untersuchung von Pestopfern verschiedener Pestwellen unterschiedliche Entwicklungsstufen des Bakteriums im mittelalterlichen Europa erfassen zu können“, erklärt Spyrou. Während die spanischen Pesttoten Mitte des 14. Jahrhundert starben und damit eher zu Beginn der Ära des Schwarzen Todes, stammen die russischen Pestbakterien aus den Jahrzehnten nach dem Abklingen der Pandemie. Die Ellwanger Probe ist einem späteren Pestausbruch im 16. Jahrhundert zuzurechnen.

Anzeige

Eine große Welle

Das Ergebnis: Die Pestbakterien aus den mittelalterlichen Toten von Barcelona gehören zum gleichen Stamm wie bereits zuvor sequenzierte Erreger aus Londoner Pestopfern des 14. Jahrhunderts. „Das spricht für eine gleichzeitige Präsenz dieses Peststamms in Nord- und Südeuropa und stützt die Annahme, dass der Erreger Europa in einer einzigen Welle erreichte und überzog“, konstatieren Spyrou und ihre Kollegen.

Aus diesem Stamm der Pestbakterien entwickelte sich dann später der in Ellwangen isolierte Erreger. Er ist den Bakterien aus Barcelona und London noch bemerkenswert ähnlich, wie die Forscher berichten. Gleichzeitig fanden sie aber auch gemeinsame Genmerkmale mit Pestbakterien, die aus Opfern der Pestepidemie von 1720 -1722 in Marseille isoliert worden waren. Dieser Ausbruch gilt als das letzte große Aufflackern der Seuche in Europa.

So breitete sich die Pest seit dem Mittelalter aus © Spyrou et al./Cell Host & Microbe 2016

Von Europa nach Asien und nicht umgekehrt

Nach Ansicht der Forscher bestätigen diese Funde, dass auch die Pestausbrüche nach dem Mittelalter auf ein europäisches Reservoir zurückgehen – und nicht auf wiederholte Neueinschleppungen aus Asien. „Die Hinweise verdichten sich, dass das Pestbakterium sich noch über Jahrhunderte nach dem Ende des Schwarzen Todes in Europa aufhielt“, sagt Koautorin Kirsten Bos vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

Und nicht nur das: Die aus den russischen Pestopfern isolierten Pesterreger sprechen dafür, dass die Pestausbrüche in Asien und vor allem die Pandemie im 19. Jahrhundert in China auf Abkömmlinge europäischer Pestbakterien zurückgehen. „Das ist das Schlüsselergebnis unserer Studie“, betonen die Forscher. Die Genanalyen zeigen, dass die Pestbakterien aus Bolgar gegenüber denen aus London und Barcelona zusätzlich Mutationen erworben hatten.

Ein Ursprung für alle modernen Pesterreger

„Unsere Studien liefert damit erstmals genetische Belege dafür, dass die Pest sich nach dem Schwarzen Tod von Europa nach Asien ausbreitete“, erklärt Spyrou. „Und sie zeigte eine Verbindung zwischen der Seuche des 14. Jahrhunderts und der modernen Pest.“ Denn frühere Genvergleiche ergaben, dass die heute noch im Umlauf befindlichen Pestbakterien von den Erregern der dritten großen Pandemie in China abstammen.

„Obwohl heute in China verschiedene Stämme des Pesterregers existieren, hat nur die Abstammungslinie, die Jahrhunderte zuvor in Europa den Schwarzen Tod verursacht hat, Südostasien im späten 19. Jahrhundert verlassen und sich schnell nahezu über die ganze Welt verbreitet“, erklärt

Alexander Herbig vom MPI für Menschheitsgeschichte. Damit liegt der Ursprung aller heutigen Pesterreger im Prinzip im mittelalterlichen Europa. (Cell Host & Microbe, 2016; doi: 10.1016/j.chom.2016.05.012)

(Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Cell Press, 09.06.2016 – NPO)

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

News des Tages

Tornado

Tornados widerlegen Theorie

Die geheime Sprache des Blinzelns

Ungewöhnliche Doppelstern-Geburt

Dinosaurier-Abdrücke mit Schuppen und Haut

Wichtiger Schritt zum Quanteninternet

Bücher zum Thema

Wächst die Seuchengefahr? - von Stefan H. E. Kaufmann und Susan Schädlich

Die Geschichte der Medizin - Von der Antike bis zur Gegenwart von Bernt Karger-Decker

Der Kampf zwischen Mensch und Mikrobe - 2 CDs (Audio CD) von Stefan H. E. Kaufmann (Erzähler), Klaus Sander (Produzent)

Top-Clicks der Woche

Anzeige
Anzeige