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Coronavirus kann das Chronische Fatigue-Syndrom verursachen

Studie belegt Zusammenhang von Erschöpfungssyndrom ME/CFS mit Covid-19

CFS
Bleierne Erschöpfung und Kraftlosigkeit bis zur Bettlägerigkeit: Das Chronische Fatigue-Syndrom ist eine schwerwiegende Erkrankung – und kann durch Covid-19 ausgelöst werden. © Lea Aring

Verdacht bestätigt: Eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 kann das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) verursachen, wie nun eine Studie belegt. Knapp die Hälfte der unter dem Post-Covid-Syndrom leidenden Patienten zeigten demnach eindeutige Indikatoren für eine ME/CFS – und damit eine bisher nicht heilbare Form der extremen Erschöpfungszustände. Die restlichen Betroffenen erfüllten die Kriterien nicht, was ihnen bessere Heilungschancen versprechen könnte, wie das Team berichtet.

Das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist mehr als nur eine anhaltende Erschöpfung: Bei dieser schweren, bisher nicht heilbaren Erkrankung leiden Betroffene unter starker körperlicher Schwäche, Kopf- oder Muskelschmerzen sowie neurokognitiven und immunologischen Symptomen. Typisch für ME/CFS ist vor allem die sogenannte Postexertionelle Malaise (PEM): Nach einer körperlichen Belastung wird die Erschöpfung so schlimm, dass es im Extremfall sogar zum „Crash“ kommen kann – einem Stunden bis Tage anhaltenden Schwächeanfall, der die Betroffenen bettlägerig und teilweise bewegungsunfähig macht.

Kann Covid-19 eine ME/CFS verursachen?

Lange galt das Chronische Fatigue-Syndrom als psychosomatische Erkrankung, weil es keine subjektiv messbaren Diagnose-Kriterien zu geben schien. Inzwischen haben Wissenschaftler jedoch zahlreiche Biomarker sowie typische Veränderungen im Gehirn und bei der Darmflora von ME/CFS-Patienten entdeckt. Es mehren sich zudem die Indizien dafür, dass das Fatigue-Syndrom häufig als Spätfolge von Infektionen mit Viren wie Epstein-Barr, Dengue und Enteroviren auftritt.

Weil auch viele Patienten nach einer Coronavirus-Infektion unter anhaltender Erschöpfung leiden, bestand schon länger der Verdacht, dass zumindest ein Teil der Betroffenen das Vollbild einer ME/CFS entwickelt. „Bereits in der ersten Welle der Corona-Pandemie entstand der Verdacht, dass Covid-19 ein Trigger für ME/CFS sein könnte“, sagt Seniorautorin Carmen Scheibenbogen von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Diese Annahme wissenschaftlich zu belegen, ist jedoch nicht trivial.“

Denn bei der für Long-Covid und das Post-Covid-Syndrom typischen Erschöpfung könnte es sich auch um eine postinfektiöse Fatigue handeln. Diese Spätfolge kann nach verschiedenen Infektionskrankheiten auftreten und wochen- bis monatelang anhalten, bessert sich dann aber von allein.

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Vergleich von Post-Covid-Betroffenen mit ME/CFS

Um die für das Post-Covid-Syndrom typische Erschöpfung näher zu kategorisieren, haben Scheibenbogen und ihre Kollegen 42 Personen zwischen 22 und 62 Jahren näher untersucht, die im Jahr 2020 an Covid-19 erkrankt waren und dabei größtenteils einen milden Verlauf durchlebt hatten. Bei allen war aber nach der akuten Infektion eine chronische Erschöpfung eingetreten, die mehr als sechs Monate anhielt und die ihren Alltag stark einschränkte. Die meisten Betroffenen konnten nur zwei bis vier Stunden am Tag einer leichten Beschäftigung nachgehen, einige waren arbeitsunfähig.

Für ihre Studie unterzogen die Forschenden alle Teilnehmenden umfassenden neurologischen, kardiologischen, immunologischen und pneumologischen Untersuchungen und bewerteten die Art ihrer chronischen Erschöpfung mithilfe der sogenannten kanadischen Konsensuskriterien. „Dieser Kriterienkatalog wurde wissenschaftlich entwickelt und hat sich im klinischen Alltag bewährt, um ein Chronisches Fatigue-Syndrom eindeutig zu diagnostizieren“, erklärt Scheibenbogens Kollegin Judith Bellmann-Strobl. Als Kontrollgruppe dienten 19 Testpersonen mit ähnlicher Altersverteilung, die ME/CFS nach einer anderen Infektion entwickelt hatten.

Die Hälfte erfüllt alle CFS-Kriterien

Das Ergebnis: „Wir können zwei Gruppen von Post-Covid-Betroffenen mit stark reduzierter Belastbarkeit unterscheiden“, berichtet Bellmann-Strobl. Bei knapp der Hälfte der Teilnehmenden diagnostizierten die Forschenden das Vollbild einer ME/CFS-Erkrankung. „Dies bestätigt die Sorge, dass Covid-19 bei jungen Menschen nach einer milden bis moderaten Corona-Infektion ME/CFS auslösen kann“, so das Team.

Auch bei der anderen Hälfte der Teilnehmenden waren einige typische Fatigue-Symptome wie eine Postexertionelle Malaise nachweisbar. Diese nach körperlicher Anstrengung auftretende Erschöpfung war jedoch meist nicht so stark ausgeprägt und hielt nur für einige Stunden an. Auch in den Laborwerten gab es einige deutliche Unterschied, zudem scheint die Prognose besser: „Bei vielen Menschen, die ME/CFS-ähnliche Symptome haben, aber nicht das Vollbild der Erkrankung entwickeln, scheinen sich die Beschwerden langfristig zu verbessern“, erklärt Scheibenbogen.

Unterschiedliche Mechanismen möglich

Analysen verschiedener Blutwerte legen nahe, dass auch die physiologischen Ursachen der Erschöpfung bei diesen beiden Gruppen unterschiedlich sind. „Bei den Menschen mit der weniger stark ausgeprägten Belastungsintoleranz stellten wir unter anderem fest, dass sie weniger Kraft in den Händen hatten, wenn sie einen erhöhten Spiegel des Immunbotenstoffs Interleukin-8 aufwiesen. Möglicherweise ist die reduzierte Kraft der Muskulatur in diesen Fällen auf eine anhaltende Entzündungsreaktion zurückzuführen“, berichtet Scheibenbogen.

„Bei den Betroffenen mit ME/CFS korrelierte die Handkraft dagegen mit dem Hormon NT-proBNP, das von Muskelzellen bei zu schlechter Sauerstoffversorgung ausgeschüttet werden kann“, so die Forscherin. „Das könnte darauf hinweisen, dass bei ihnen eine verminderte Durchblutung für die Muskelschwäche verantwortlich ist.“ Diese neuen Erkenntnisse könnten zur Entwicklung spezifischer Therapien für das Post-Covid-Syndrom und ME/CFS beitragen.

Bisher keine ursächliche Therapie für ME/CFS

Die Ergebnisse bestätigen aber auch die Befürchtung, dass durch die Corona-Pandemie deutlich mehr Menschen an der bisher nicht heilbaren ME/CFS erkranken. „Leider können wir ME/CFS aktuell nur symptomatisch behandeln. Deshalb kann ich auch jungen Menschen nur ans Herz legen, sich mithilfe einer Impfung und dem Tragen von FFP2-Masken vor einer SARS-CoV-2-Infektion zu schützen“, betont Scheibenbogen. (Nature Communications, 2022; doi: 10.1038/s41467-022-32507-6)

Quelle: Charité – Universitätsmedizin Berlin

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