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Corona: Neurologische Folgen auch bei milden Fällen

Covid-19 kann Hirnentzündungen, Nervenschäden und andere Komplikationen verursachen

Gehirn Corona
Welche neurologischen Komplikationen bei Covid.-19 auftreten können, haben Forscher nun genauer untersucht. © peterschreiber / iStock

Keiner ist gefeit: Auch bei milden Verläufen und jüngeren Patienten kann Covid-19 schwere neurologische Komplikationen auslösen, wie Studien nahelegen. Besonders häufig sind demnach Hirnentzündungen, entzündliche Nervenschäden und Hirnschläge. Einige Folgen können schon zu Beginn der Coronavirus-Infektion, andere aber erst Wochen später auftreten. Insgesamt sind solche Komplikationen zwar selten, wegen der hohen Fallzahlen sind aber dennoch Tausende betroffen.

Dass das Coronavirus SARS-CoV-2 nicht nur die Lunge, sondern Darm, Nieren, Blutgefäße und unzählige weitere Gewebe angreifen kann, ist nicht neu. Auch Nerven und Gehirn sind nicht immun gegen die Infektion und ihre immunologischen Folgen, wie chinesische Forscher schon im April 2020 berichteten. Die weit verbreiteten Riechstörungen legen nahe, dass das Coronavirus über den Riechnerv bis ins Gehirn vordringen kann.

Jetzt gibt es neue Informationen dazu, wie die neurologischen Komplikationen bei Covid-19 aussehen und welche besonders häufig sind. Untersucht hat dies unter anderem ein Team um Mark Ellul von der University of Liverpool. Sie haben Fallberichte und Studien aus aller Welt ausgewertet und insgesamt 901 Fälle von Covid-19-Patienten mit neurologischen Komplikationen näher analysiert.

Vermehrt Hirn- und Nervenentzündungen

Dabei zeigte sich: Neben leichten neurologischen Symptomen wie Riechstörungen, Kopfschmerzen oder Schwindel kann die Coronavirus-Infektion auch schwere entzündliche Erkrankungen von Gehirn und Nerven auslösen. Besonders häufig sind Hirnentzündungen (Enzephalitis), großräumige Funktionsstörungen des Gehirns, aber auch Entzündungen und Ausfallerscheinungen peripherer Nerven oder des Rückenmarks.

Ob diese neurologischen Krankheitsbilder vom Coronavirus selbst oder indirekt durch das angegriffene Immunsystem verursacht werden, ist jedoch bislang offen, wie die Forscher erklären. Von einer weiteren Komplikation, dem Guillain-Barré-Syndrom, ist allerdings bekannt, dass eine Autoimmunreaktion nach einer Infektion dafür verantwortlich ist. Sie löst eine vorübergehende Lähmung durch entzündliche Nervenveränderungen aus.

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Neurologische Komplikationen auch bei mildem Verlauf

Ein weiteres Ergebnis: Auch milde Covid-Fälle sind nicht vor neurologischen Komplikationen gefeit. Es gibt mehrere Fälle, in denen Patienten entweder keine oder nur schwache Atemwegssymptome zeigten, aber trotzdem schwere Hirn- und Nervenentzündungen entwickelten. So schildern Ellul und sein Team den Fall eines erst 24-jährigen Mannes in Japan, der zunächst nur unter Halsschmerzen, Fieber und Erschöpfung litt. Doch nach neun Tagen bekam er Verwirrtheitszustände und immer häufigere Krampfanfälle.

Untersuchungen ergaben eine schwere Hirnentzündung, verursacht durch Covid-19. Der Zustand des Mannes verschlechterte sich so stark, dass er intubiert und beatmet werden musste – nicht wegen Atemnot oder Lungenschäden, sondern wegen der Anfälle. „Es ist wichtig, dass Mediziner weltweit sich dessen bewusst sind, dass Covid-19 auch Enzephalitis und andere Hirnveränderungen verursachen kann“, betont Elluls Kollegin Ava Easton. „Denn sie können schwere, manchmal lebensverändernde Folgen nach sich ziehen.“

Angriff auf die Myelinscheiden

Eine weitere Covid-19-Komplikation äußert sich in einem neurologischen Syndrom, das sonst fast nur bei Kindern auftritt. Die Infektion mit dem Coronavirus scheint sie aber auch bei Erwachsenen relativ häufig auszulösen. Bei dieser akuten disseminierten Enzephalomyelitis (ADEM) greift das Immunsystem einige Wochen nach einer Infektion die Myelinscheiden der Nervenbahnen an und stört so die Nervenleitung – ähnlich wie bei der Multiplen Sklerose. Typische Symptome sind Kopfschmerzen, Sehstörungen, Gangstörungen und Lähmungen, aber auch Krampfanfälle.

Im Zuge von Covid-19 kann diese Enzephalomyelitis offenbar selbst bei fast völligem Fehlen anderer typischer Infektionssymptome auftreten. Die Forscher schildern den Fall einer US-Amerikanerin in mittlerem Alter, die über Kopf- und Muskelschmerzen klagte, dann zunehmende Sprachstörungen und eine Lähmung der linken Gesichtshälfte entwickelte. Erst ein PCR-Test enthüllte ihre SARS-CoV-2-Infektion.

Fälle könnten sich summieren

Über eine Häufung von Hirnentzündungen und Enzephalomyelitis bei Corona-Infizierten berichtet auch ein zweites Forscherteam um Michael Zandi vom University College London. Sie hatten 43 Covid-19-Patienten untersucht, die an ihrem Universitätsklinikum wegen neurologischer Komplikationen behandelt worden waren. „Insgesamt haben wir mehr solcher neurologischer Fälle identifiziert als wir erwarteten – und nicht immer hatten diese Patienten ausgeprägte Atemwegssymptome“, sagt Zandi.

Zwar ist der Anteil der neurologischen Komplikationen gemessen an sonstigen Symptomen eher gering. Aber durch die hohen Fallzahlen von inzwischen weit mehr als zwölf Millionen bekannter Covid-19-Fälle summiert sich dies. Die Forscher beider Teams schließen nicht aus, dass die Corona-Pandemie tausende von neurologischen Fällen mit möglicherweise bleibenden Spätfolgen verursachen wird. „Ob wir eine mit der Pandemie verknüpfte Epidemie der Hirnschäden sehen werden, bleibt abzuwarten“, sagt Zandi.

Ähnlich wie nach der Spanischen Grippe?

Es wäre nicht das erste Mal: Nach der Spanischen Grippe im Jahr 1918 erkrankten weltweit ungewöhnlich viele Menschen an einer seltsamen Schlafkrankheit, der Enzephalitis lethargica. Zwar ist der Zusammenhang zur Influenza bisher nicht belegt, Wissenschaftler vermuten aber, dass diese auch im Buch und Film „Awakenings“ beschriebene Epidemie mit einer Virusinfektion zusammenhängt.

Wichtig auch: Einige der neurologischen Komplikationen manifestieren sich erst, wenn die akute Infektion schon länger vorbei ist. Daher sollten Patienten und Mediziner auch nach überstandener Covid-19-Erkrankung weiter auf solche möglichen Spätfolgen achten. „Wir sollten wachsam sein und auch bei den Genesenen auf solche Komplikationen gefasst sein“, so Zandi. (Lancet Neurology, 2020; doi: 10.1016/S1474-4422(20)30221-0; Brain, 2020; doi: 10.1093/brain/awaa240)

Quelle: University College London, University of Liverpool

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