Studie findet bei einem Drittel der Covid-19-Patienten neurologische Symptome Befällt das Coronavirus auch Nerven und Gehirn? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Befällt das Coronavirus auch Nerven und Gehirn?

Studie findet bei einem Drittel der Covid-19-Patienten neurologische Symptome

Nervensystem und Coronavirus
Es gibt erste Hinweise darauf, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 auch Zellen des Nervensystems und Gehirns befällt. © peterschreiber, koto_feja/ iStock

Das Coronavirus greift offenbar nicht nur Atemwege und Lunge an, sondern auch das Nervensystem. In Wuhan zeigten gut 36 Prozent der Covid-19-Patienten neurologische Symptome – von Sinnesausfällen über Kopfschmerzen und Schwindel bis hin zu Hirnschlägen und Krämpfen, wie eine Studie enthüllt. Die Forscher schließen daraus, dass SARS-CoV-2 ähnlich wie die eng verwandten Coronaviren SARS und MERS das Zentralnervensystem befallen kann.

Bisher gelten Fieber, trockener Husten und allgemeine Schwäche als Leitsymptome einer Infektion mit SARS-CoV-2. Sie entstehen, weil das Coronavirus vor allem Zellen der Atemwege und Lunge befällt, die auf ihrer Oberfläche den sogenannten ACE2-Rezeptor tragen. Allerdings gibt es im Körper noch weitere Zelltypen mit dieser Andockstelle, unter anderem in der Niere, dem Verdauungstrakt, dem Herzen und auch dem Nervensystem.

Nicht nur die Lunge betroffen

Könnte das Coronavirus demnach abseits der Lunge auch andere Organe angreifen? Tatsächlich gibt es bereits Hinweise darauf, dass SARS-CoV-2 den Herzmuskel befallen und akute Herzmuskelentzündungen hervorrufen kann. So haben Studien ergeben, dass bei Patienten mit schweren Verläufen der Coronavirus-Infektion oft ein Biomarker im Blut erhöht war, der von zerstörten und sterbenden Herzmuskelzellen freigesetzt wird.

Doch auch das Nervensystem kann offenbar vom Coronavirus angegriffen werden, wie nun Ling Mao vom Unionsklinikum in Wuhan und seine Kollegen berichten. Für ihre Studie hatten sie die Krankenakten von 214 Patienten mit Covid-19 aus drei Kliniken in Wuhan daraufhin ausgewertet, ob sie neurologische Auffälligkeiten und Symptome zeigten und welcher Art diese waren.

„Unseres Wissens nach ist dies der erste detaillierte Bericht über neurologische Manifestationen von im Krankenhaus behandelten Patienten mit Covid-19“, sagen die Forscher. Hinweise auf neurologische Folgen bei Covid-19 gibt es jedoch auch schon aus anderen Ländern, darunter Italien und Japan.

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Neurologische Symptome bei gut einem Drittel der Patienten

Das Ergebnis: „36,4 Prozent der Patienten neurologische Symptome unterschiedlicher Art, die das Zentralnervensystem, das periphere Nervensystem und die Skelettmuskulatur umfassten“, berichten die Forscher. Zu den typischen zentralnervösen Symptomen gehörten am häufigsten Kopfschmerzen und Schwindel, aber auch ein getrübtes Bewusstsein, Bewegungsstörungen, Schlaganfälle und Krämpfe kamen bei einigen Patienten vor.

Zu den typischen Anzeichen für einen Befall peripherer Nerven gehörte der Ausfall des Riech- und Geschmackssinns – ein Symptom, das Berichten zufolge auch bei Covid-Patienten in Europa bei bis zu zwei von drei Fällen auftritt. Aber auch Sehstörungen und Nervenschmerzen traten bei einigen Covid-Patienten in Wuhan auf, wie Mao und seine Kollegen berichten. Zudem gab es Hinweise darauf, dass auch Muskelzellen von dem Virus angegriffen und geschädigt worden waren.

Nerven und Gehirn reagieren oft schon vor der Lunge

Die neurologischen Störungen scheinen relativ früh im Krankheitsverlauf aufzutreten – teilweise schon vor den typischen Covid-Symptomen. „Einige Patienten mit Fieber und Kopfschmerzen wurden zunächst auf die Neurologie-Station geschickt, weil Bluttests und Lungen-CTs auf Covid-19 negativ blieben“, berichten Mao und sein Team. „Doch einige Tage später hatten auch diese Patienten die typischen Covid-19-Symptome.“

Die Forscher beobachteten zudem, dass Patienten mit schwereren Verläufen von Covid-19 häufiger neurologische Symptome zeigten – bei ihnen waren es 45 Prozent gegenüber rund 30 Prozent bei milderen Fällen. „Autopsien einiger an Covid-19 gestorbenen Patienten haben gezeigt, dass ihr Hirngewebe verstärkt durchblutet war, Flüssigkeitsansammlungen aufwies und einige Neuronen degeneriert waren“, berichten Mao und seine Kollegen. Ob dies allerdings allgemeine Entzündungsanzeichen sind oder konkrete Folgen des Virenbefalles ließe sich noch nicht feststellen.

„Dennoch sollten wir bei Patienten mit Covid-19 solche neurologischen Manifestationen genau überwachen, denn gerade bei Fällen mit schweren Verläufen könnten sie zum Tod der Patienten beigetragen haben“, sagen die Wissenschaftler.

Kein Einzelfall unter Coronaviren

Sollten sich diese neurologische Auswirkungen einer SARS-CoV-2–Infektion bestätigten, wäre dies unter Coronaviren kein Einzelfall: „Neurologische Schäden wurden auch bei Infektionen mit anderen Coronaviren wie SARS und MERS-CoV schon nachgewiesen“, erklären die Forscher. „So wurden SARS-Nukleinsäuren in der Hirnflüssigkeit und auch im Hirngewebe von Patienten detektiert.“

Noch ist unklar, auf welchem Wege SARS-CoV-2 die neurologischen Symptome auslöst – ob auf direktem Wege durch Befall von Nervenzellen oder indirekt durch Entzündungsreaktionen oder andere körpereigene Reaktionen auf die Infektion. Allerdings wisse man, dass auch Zellen des Nervensystems und der Muskeln ACE2-Rezeptoren tragen, so die Forscher. Und von SARS- und MERS-Coronaviren sei bekannt, dass sie das Zentralnervensystem direkt befallen können – der pathologische Mechanismus könnte bei SARS-CoV-2 der gleiche sein.

„Noch nicht das gesamte Spektrum der neurologischen Folgen“

„Wenn Mediziner während der Pandemie Patienten mit neurologischen Symptomen sehen, sollten sie daher immer auch eine SARS-CoV-2-Infektion als Differentialdiagnose im Verdacht haben“, konstatieren Mao und seine Kollegen. „Das kann sonst zu Fehldiagnosen führen und die Chance vereiteln, eine Coronavirus-Infektion rechtzeitig zu behandeln und weitere Übertragungen zu verhindern.“

Noch stehe man bei der Erfassung und Erforschung der neurologischen Auswirkungen von Covid-19 erst am Anfang, kommentiert Andrew Josephson von University of California in San Francisco in einem begleitenden Editorial. „Es ist klar, dass diese kleine Studie nicht das gesamte Spektrum der neurologischen Folgen von Covid-19 reflektiert – wir müssen noch viel lernen, indem wir neurologische Tests bei größeren Patientengruppen durchführen“, so der Neurologe. „Aber schon dieser erste Blick in die neurologischen Manifestationen platziert die Neurologen an der Front der Pandemie.“ (JAMA Neurology, 2020; doi: 10.1001/jamaneurol.2020.1127)

Quelle: JAMA Neurology

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