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Corona: Können andere Impfungen schützen?

Hinweise auf Schutzwirkung von Masern- und Tuberkuloseimpfung gegen Covid-19

Impfstoff
Es gibt Hinweise darauf, dass auch Lebensimpfstoff gegen andere Erreger zumindest teilweise vor Covid-19 schützen können. © MarianVejcik/ iStock

Hilfreicher Nebeneffekt: Auch einige Schutzimpfungen gegen andere Erreger können das Immunsystem gegen Covid-19 wappnen – Indizien dafür liefern jetzt mehrere Studien. So bewahrte eine Auffrischung der Masern- oder Tuberkuloseimpfung Menschen vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 oder zumindest einem schweren Verlauf von Covid-19. Allerdings: Das funktioniert nur mit Lebensimpfstoffen und ist nicht als Breitenmaßnahme geeignet.

Typischerweise schützt eine Impfung, indem sie das Immunsystem durch einen Vorkontakt mit Merkmalen des Erregers auf eine Infektion vorbereitet. Weil die Abwehr dann schon passende Antikörper gebildet hat und auch die T-Zellen den „Feind“ kennen, kann der Körper die Infektion abwehren. Auch die zurzeit gegen SARS-Co-2 entwickelten Impfstoffe nutzen dieses Prinzip. Doch bis sie zugelassen und für alle verfügbar sind, könnte es noch einige Monate dauern.

Unspezifische Schutzwirkung durch Lebendimpfstoffe?

Aber vielleicht könnte auch andere Impfungen zumindest einen gewissen Schutz verleihen: In jüngster Zeit mehren sich die Hinweise darauf, dass einige Impfstoffe gegen andere Krankheiten wie Tuberkulose und Masern, auch gegen SARS-CoV-2 schützen oder schwere Verläufe von Covid-19 verhindern könnten. Besonders im Blick sind dabei sogenannte Lebendimpfstoffe – Vakzinen, die einen abgeschwächten, aber lebenden Erreger enthalten.

Einen ersten Hinweis geben epidemiologische Vergleichsstudien: In Ländern, in denen die Bevölkerung routinemäßig mit dem BCG-Lebendimpfstoff gegen Tuberkulose geimpft wird, gab es signifikant weniger schwere Verläufe von Covid-19 als in Ländern ohne diese Impfung. Das haben mehrere Studien im Verlauf der Corona-Pandemie festgestellt. Der BCG-Impfstoff enthält lebende, aber abgeschwächte Tuberkulosebakterien und wird heute vorwiegend dort eingesetzt, wo die Tuberkulose noch weit verbreitet ist. In den meisten Ländern Europas wird diese Impfung nicht mehr empfohlen.

Keine Corona-Infektion nach BCG-Auffrischungsimpfung

Ein zweites, noch konkreteres Indiz lieferte kürzlich eine Studie aus den Vereinten Arabischen Emiraten. Dort wurde dem Personal des Emirates International Hospital im März 2020 eine BCG-Auffrischungsimpfung angeboten, in der Hoffnung, ihnen damit auch eine erhöhten Schutz gegen Covid-19 zu verleihen. 71 Krankenhausangestellte nahmen das Angebot an und ließen sich impfen, 209 verzichteten. Ende Juni 2020 werteten die Forscher um Iradj Amirlak die Covid-19-Fallzahlen aus.

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Das Ergebnis: Von den 71 geimpften Angestellten hatte sich kein einziger mit SARS-CoV-2 angesteckt – trotz des täglichen, engen Kontakts mit Covid-19-Patieten. Unter dem nicht geimpften Pflegepersonal gab es dagegen 18 mit dem Coronavirus Infizierte. „Das Fehlen einer Infektion in der kürzlich geimpften Gruppe und die relativ hohe Infektionsrate bei den nicht noch einmal geimpften Personen deutet auf einen starken protektiven Effekt der BCG-Impfung hin“, konstatieren Amirlak und sein Team.

Ihre Resultate stützen die Vermutung, dass der nichtspezifische Schutzeffekt der Tuberkulose-Impfung zeitlich begrenzt ist: Diejenigen, die nach der Geburt geimpft wurden, dann später aber nicht mehr, infizierten sich ebenso häufig wie gar nicht geimpfte. Ähnliches ergab auch ein länderübergreifender Vergleich zur Schwere der Covid-19-Verläufe bei lange zurückliegenden und erst kürzlich erfolgter BCG-Impfung.

Schützt auch die Masern-Impfung vor schweren Verläufen?

Doch die Tuberkulose-Impfung ist nicht die einzige Vakzine, die quasi als Nebeneffekt auch gegen Covid-19 hilft. Ähnliches gilt auch für die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR), wie eine Studie aus Mexiko nahelegt. Dort hatten Désirée Larenas-Linnemann vom Hospital Medica Sur und ihr Team die Daten von 255 Patienten ausgewertet, die seit Beginn der Corona-Pandemie eine MMR-Impfung erhalten hatten. Diese enthält lebende, aber abgeschwächte Masernviren.

Es zeigte sich: Von den 255 Geimpften steckten sich 36 Personen mit dem Coronavirus an und entwickelten Covid-19. Obwohl jedoch mindestens 13 von ihnen wegen ihres Alters oder Vorerkrankungen zu Risikogruppen gehörten, verlief die Erkrankung bei allen sehr mild: „Alle hatten nur leichte Atemwegssymptome, keiner musste mit zusätzlichem Sauerstoffversorgt werden“, berichten Larenas-Linnemann und ihr Team. Sie schließen daraus, dass der unspezifische Schutzeffekt des Masernimpfstoffs zu den milden Verläufen beigetragen hat.

„Training“ für die Abwehrzellen

Tatsächlich gibt es eine immunologische Erklärung für diese unspezifische Schutzwirkung: Der Kontakt mit dem Impferreger führt dazu, dass nicht nur die spezifische Abwehr reagiert, sondern auch Abwehrzellen des angeborenen Immunsystems, darunter Fresszellen, natürliche Killerzellen und T-Helferzellen. Studien zeigen, dass diese unspezifische Abwehr offenbar ebenfalls über ein Art Gedächtnis verfügt – sie lässt sich gewissermaßen trainieren.

Dieser „Trainingseffekt“ sorgt dafür, dass die Abwehrzellen wachsamer bleiben und deshalb beim Folgeangriff eines anderen Erregers schneller und stärker reagieren. In Laborversuchen zeigte sich beispielsweise, dass die DNA dieser Immunzellen nach dem Erstkontakt Veränderungen zeigt: Sie bleibt an den Abschnitten entpackt, die Botenstoffe wie Cytokine kodieren. Als Folge können diese für die Erregerabwehr wichtigen Botenstoffe bei einem Folgeangriff schneller produziert und ausgeschüttet werden.

Noch ist die Datenlagen dünn

„Wir sollten nicht überrascht sein, dass MMR eine gewisse Schutzwirkung gegen schwere Covid-19-Verläufe verleiht“, kommentiert Peter Aaby vom stattliche Seruminstitut Dänemarks. „Wir beobachten schon seit einigen Jahrzehnten eine verringerte Mortalität durch Lebensimpfstoffe wir Polio, BCG und Masern/MMR. Angesichts der Corona-Pandemie ist es gut, dass diese unspezifischen Immuneffekte jetzt ernst genommen und näher erforscht werden.“ Zurzeit laufen in mehreren Ländern klinische Studien zur Schutzwirkung von MMR- und BCG-Auffrischungsimpfungen bei Pflegepersonal mit einem besonders hohen Corona-Ansteckungsrisiko.

Allerdings: Mediziner warnen davor, sich ohne ärztliche Rücksprache prophylaktisch impfen zu lassen. Denn noch ist nicht ausreichend geklärt, ob diese unspezifische Schutzwirkung nicht auch negative Folgen haben kann. So weiß man vom BCG-Impfstoff, dass dieser die Ausschüttung von Interleukin-6 fördert – einem entzündungsfördernden Botenstoff, der auch den berüchtigten Cytokin-Sturm bei Covid-19 auslösen kann. Für MMR fehlen noch zu viele Daten.

Empfohlen wird in diesem Herbst aber allen älteren und vorerkrankten Menschen eine Grippeschutzimpfung. Diese enthält zwar keine lebenden Erreger und entfaltet daher nicht den unspezifischen „Traeiningseffekt“. Dafür verhindert die Influenza-Impfung aber, dass Menschen gleichzeitig an Grippe und Covid-19 erkranken – denn das erhöht das Sterberisiko beträchtlich. (Allergy, 2020; doi: 10.1111/all.14584; medRxiv, doi: 10.1101/2020.08.10.20172288)

Quelle: medRxiv, Allergy, Parsemus Foundation

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