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Zeitbombe im Roten Meer

Forscher warnen vor humanitärer Katastrophe durch maroden Öltanker Safer

Rotes Meer
Der vor der Küste des Jemen im Roten Meer liegende Öltanker Safer ist eine tickende Zeitbombe – er droht leckzuschlagen oder auseinanderzubrechen.© Stocktrek/ Getty images

Mehr als nur eine Ölpest: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der vor der Küste des Jemen liegende Öltanker Safer leckschlägt oder auseinanderbricht. Sollte das passieren, wäre eine ökologische, humanitäre und medizinische Katastrophe die Folge, warnen nun Wissenschaftler. Denn eine Ölpest im Roten Meer würde die Trinkwasserversorgung der Region gefährden, den Schiffsverkehr unterbrechen und die Versorgung des Jemen mit Hilfsgütern und Treibstoff blockieren.

Der aus den 1970er Jahren stammende Großtanker Safer fährt schon seit langem nicht mehr über die Meere – seine noch einwandige Bauweise entspricht nicht mehr heutigen Sicherheitsvorgaben für Tanker. Stattdessen liegt die Safer seit 1988 als schwimmender Ölspeicher rund fünf Seemeilen vor der Küste des Jemen im Roten Meer. Im Zuge des Bürgerkriegs im Jemen wurde die Safer im Jahr 2015 von Huthi-Rebellen gekapert, die seither jede Wartung und Inspektion des maroden Schiffs verhindern.

Ölpest
Ausbreitung der Ölpest bei einem Leck der Safer. © Huynh et al./ Nature Sunstainability, CC-by-sa 4.0

Das Problem: Der Tanker hat 1,1 Millionen Barrel Erdöl an Bord – viermal mehr als die Exxon Valdez bei der Ölpest von 1989 in Alaska. Gleichzeitig zerfällt das Schiff zusehends. 2020 trat wegen eines Lecks Wasser in den Maschinenraum ein, das Feuerschutzsystem in kaputt und die Schiffswand rostet immer stärker. Schon im letzten Jahr warnte die UNO vor einer drohenden Ölpest, wenn der Tanker nicht schnellstmöglich leergepumpt. Doch die dazu begonnenen Verhandlungen zwischen den Huthi und der UN liegen bis auf weiteres auf Eis.

Folgen über die Meeresumwelt hinaus

Wie dramatisch die Lage ist und welche katastrophalen Folgen ein Leck der Safer hätte, unterstreicht nun eine neue Studie von Forschern um Benjamin Huynh von der Stanford University. „Die meisten Menschen können sich gut ausmalen, wie schwer eine Ölpest die Umwelt treffen würde. Aber die Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit, vor allem in einem ohnehin in einer humanitären Krise steckenden Land wir dem Jemen, sind schwerer zu erfassen“, sagt Huynh.

Er und seine Kollegen haben daher mithilfe eines Modells untersucht, welche Auswirkungen ein Ölleck am Tanker über die rein ökologischen Konsequenzen hinaus für die Bevölkerung des Jemen und ihre Nachbarn hätte. Die Modellierung zeigt, dass sich das austretende Öl innerhalb weniger Tage entlang der gesamten Westküste des Jemen verteilen würde. Auch etwa die Hälfte der Küste von Eritrea wäre von einer massiven Ölpest betroffen.

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Schifffahrt unterbrochen, Häfen dicht

„Drei Wochen nach dem Leck würde die Verseuchung im Süden den Hafen von Aden erreichen und auch die Küste von Saudi-Arabien treffen“, berichten die Forscher. Häfen und Entsalzungsanlagen in der gesamten Region müssten ihren Betrieb weitestgehend einstellen. „Die Ölpest und die darauf folgenden Hafenschließungen würden den Schiffstransport im gesamten Roten Meer unterbrechen, viele Seetransporte müssten um Afrika herumgeleitet werden“, so das Team.

Zwar würde das auf dem Meer schwimmende Öl den Schiffen nichts ausmachen, aber wenn man die Häfen offenhalten und den Schiffsverkehr fortsetzen würde, würde dies das Öl weiter verteilen und die Umweltschäden verschärfen. Die Häfen würde daher wahrscheinlich geschlossen bleiben bis das Öl weitgehend beseitigt ist“, erklären die Wissenschaftler. Die Folgen wären für den gesamten Seehandel schwerwiegend, besonders stark aber würde es den Jemen treffen, der fast völlig von Importen aus dem Ausland abhängig ist.

„Der Jemen importiert 90 bis 97 Prozent seines Treibstoffs und 90 Prozent seiner Nahrungsmittel über die Häfen. Mehr als die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung ist von der humanitären Hilfe abhängig, die an den Häfen angelandet wird.“

Aden
Aden ist einer der wichtigsten Häfen des Jemen – auch er wäre betroffen. © NASA/JSC

Keine Nahrung und kein Trinkwasser mehr

Innerhalb von zwei Wochen nach dem Ölaustritt hätten daher acht Millionen Menschen keine Nahrung mehr, wie das Team ermittelte. Verschärft würde dies dadurch, dass auch der Fischfang entlang der Küste zum Erliegen kommen würde. Schon drei Wochen nach dem Ölaustritt wäre im gesamten südlichen Teil des Roten Meeres keine Fischerei mehr möglich. Allein Im Jemen wäre davon 1,7 Millionen Menschen betroffen, die für ihren Lebensunterhalt von der Fischerei abhängig sind.

Stark betroffen wäre auch die Trinkwasserversorgung der Region: „Eine solche Ölpest würde die Trinkwasserversorgung von bis zu 1,9 Millionen Menschen direkt gefährden“, erklären Huynh und sein Team. Denn in dieser ohnehin wasserarmen Region ist ein großer Teil der Wasserversorgung von der Meerwasser-Entsalzung abhängig. An den Küsten von Eritrea, dem Jemen und Teilen Saudi-Arabiens müssten diese Anlagen jedoch wegen der Ölpest außer Betrieb gehen oder könnten nur noch eingeschränkt arbeiten.

Millionen Menschen betroffen

Noch schwerwiegender wäre die Unterbrechung des Treibstoffnachschubs: „Diesen zu verlieren würde bedeuten, dass die Wasserversorgungssysteme, aber auch Krankenhäuser geschlossen werden müssten“, erklärt Huynh. Als während einer Seeblockade im Jahr 2017 keine Schiffe mehr im Jemen anlegen konnten, verloren acht Millionen Jemeniten den Zugang zu Trinkwasser, das Abwassersystem und die Stromversorgung brachen vielerorts zusammen und eine Cholera-Epidemie breitete sich aus.

„Wir wussten natürlich, dass eine Ölpest negative Auswirkungen haben würde. Aber wir waren doch überrascht, wie viele Menschen bei einem solchen Szenario betroffen wären“, sagt Huynhs Kollege David Rehkopf. „Diese Umweltkatastrophe wäre eine gravierende humanitäre Katastrophe.“ Die Forscher hoffen, dass das Wissen um die verheerenden Auswirkungen eines Ölaustritts aus der Safer dazu führt, dass die Verhandlungen mit den Huthi wieder aufgenommen werden.

Die Zeitbombe tickt

Nur das eröffnet die Chance, das Öl aus dem maroden Tanker abzupumpen, bevor er leckschlägt oder auseinanderbricht. Denn ist die Ölpest erst einmal da, könnten selbst internationale Anstrengungen einer Reinigung zu spät kommen. Dem Modell zufolge würden die Gegenmaßnahmen das Ende der Ölpest kaum schneller herbeiführen als wenn man das Öl sich selbst überlassen würde. „Wir hoffen, dass dies der internationalen Gemeinschaft mehr Druck macht, das Öl endlich abzuladen und diese Katastrophe damit zu verhindern“, betont Rehkopf. (Nature Sustainability, 2021; doi: 10.1038/s41893-021-00774-8)

Quelle: Stanford Medicine

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