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Mikroplastik selbst auf dem Mount Everest

Sogar auf 8.440 Meter Höhe finden sich Fasern aus Polyester, Nylon und Co. im Schnee

Mount Everest
Das Camp IV des Mount Everest liegt auf mehr als 8.000 Meter Höhe – und auch dort haben Forscher Mikroplastik in nahegelegenen Schneeflächen gefunden. © Mariusz Potocki / National Geographic, NatGeo.com/Everest

Von wegen unberührter Gipfel: Sogar die höchsten Hänge des Mount Everest sind inzwischen mit Mikroplastik verunreinigt – bis in 8.440 Meter Höhe hinauf, wie Schneeproben belegen. In ihnen fanden sich Fasern aus Polyester, Acryl, Nylon und Polypropylen, die vermutlich größtenteils von der Kleidung und Ausrüstung der Bergsteiger stammen. Damit findet sich Mikroplastik inzwischen nahezu überall – vom tiefsten Ozean bis auf den höchsten Berg.

Ob die Antarktis, Tiefseegräben oder die Berggipfel der Pyrenäen: Mikroplastik findet sich inzwischen in den entlegensten Regionen der Erde. Und auch der Himalaya ist längst nicht mehr unberührt: Hunderte Bergsteiger aus aller Welt erklimmen jedes Jahr den Mount Everest und hinterlassen Unmengen an Abfall. Der Berg wurde deshalb schon vor 50 Jahren als die höchste Müllhalde der Welt bezeichnet. Leere Plastikflaschen, Proviantverpackungen, Zigarettenkippen und sogar leere Sauerstoffflaschen haben sich auf seinen Hängen angesammelt.

Balkon Everest
Die Forscher auf dem „Balkon“, der mit 8.440 Meter höchsten Probenstelle. © Baker Perry/ National Geographic, NatGeo.com/Everest

Schnee bis in 8.440 Meter Höhe kontaminiert

Unklar war jedoch bisher, ob die einst unberührte Schneewelt auf dem Mount Everest inzwischen auch mit Mikroplastik verunreinigt ist. Imogen Napper von der University of Plymouth und ihre Kollegen haben daher im Sommer 2019 im Rahmen einer internationalen Expedition elf Schneeproben aus mehr als 8.000 Meter Höhe genommen und analysiert. Die Proben stammten vom Basislager, mehreren Stationen entlang des Weges zum Gipfel bis hin zum 8.440 Meter hohen „Balkon“, einem Grat unterhalb des Gipfels.

Das Ergebnis: Keine einzige dieser Schneeproben war frei von Mikroplastik. „Ich wusste vorher nicht, welche Ergebnisse mich erwarten würden“, sagt Napper. „Aber dass wir Mikroplastik in jeder einzelnen Schneeprobe finden würden, hat mich doch überrascht. Das bedeutet, dass Mikroplastik inzwischen von den tiefsten Tiefen des Ozeans bis auf den höchsten Berg der Welt nahezu überall zu finden ist.“

Das meiste sind Mikroplastik-Fasern

Die höchsten Mikroplastik-Konzentrationen fanden die Wissenschaftler in den Schneeproben aus dem Basislager. Dort wiesen sie im Durchschnitt 79 Mikroplastik-Partikel pro Liter nach, der Höchstwert lag 119 Partikel pro Liter. Aber selbst in den Proben vom „Balkon“ waren im Schnitt noch zwölf Mikroplastik-Partikel pro Liter enthalten. „Dies ist der höchstgelegene jemals ermittelte Nachweis von Mikroplastik“, konstatieren Napper und ihr Team.

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Um herauszufinden, woher das Mikroplastik auf dem Mount Everest stammt, untersuchten die Wissenschaftler auch Form und chemische Zusammensetzung der Kunststoffpartikel. Es zeigte sich, dass der größte Teil des Mikroplastiks aus winzigen, zwischen 36 und 3.800 Mikrometer langen Fasern bestand. Ähnliche Fasern wurden auch schon im Eis der Arktis und Antarktis, in Seen und sogar in Mineralwasser und Bier nachgewiesen. Meist werden sie von Kunststoffkleidung freigesetzt und gelangen durch Abrieb oder beim Waschen in die Umwelt.

Kleidung und Ausrüstung der Bergsteiger als Quelle

Hinweise auf ihre Herkunft lieferten auch die Kunststoffsorten des Mikroplastiks: „Die Proben zeigten signifikante Mengen von Polyester, Acryl, Nylon und auch Polypropylen-Fasern“, berichtet Napper. Polyester hatte mit 56 Prozent den größten Anteil. „Diese Materialien werden zunehmend eingesetzt, um die hochfunktionale Outdoorkleidung für Kletterer herzustellen, aber auch für Zelte und Seile“, erklärt die Forscherin.

Mikroplastik-Fasern
Mikroplastik-Fasern in einer Schneeprobe aus 8.440 Meter Höhe. © Imogen Napper/ National Geographic, NatGeo.com/Everest

Deshalb gehen sie und ihre Kollegen davon aus, dass das Mikroplastik weniger aus dem Zerfall der größeren Kunststoffabfälle im Schnee entstanden ist als vielmehr direkt von der Ausrüstung und Kleidung der Bergsteiger freigesetzt wurde. Frühere Studien haben ermittelt, dass eine rund ein Kilogramm schwere Jacke aus Polyester im Laufe eines Jahres rund eine Milliarde Mikroplastik-Partikel abgeben kann. An einem Tag entspricht dies rund 2,8 Millionen Partikeln.

„Wir müssen daraus Lehren ziehen“

Nach Ansicht der Wissenschaftler unterstreicht der Nachweis von Mikroplastik auf dem höchsten Berg der Welt, wie gravierend und allumfassend das Problem der Plastikverschmutzung inzwischen ist – auch in scheinbar unberührten Gegenden. Dabei kann neben dem Tourismus auch die Erkundung solcher extremer Regionen dazu beitragen, sie zu kontaminieren. „Wir müssen daraus Lehren ziehen, wie wir solche Gebiete bewahren und erhalten können“, betonen Napper und ihre Kollegen.

Zudem bestätigt die Studie, dass der sichtbare Plastikabfall nicht das einzige Problem in solchen Gegenden ist: „Typischerweise konzentrieren sich die Maßnahmen zur Verringerung der Plastikverschmutzung auf den sichtbaren Müll, während das Mikroplastik weniger Beachtung findet“, sagen die Forscher. Die neuen Erkenntnisse demonstrierten jedoch, dass es wichtig sei, auch Lösungen für die allgegenwärtige Mikroplastikverschmutzung zu finden. (One Earth, 2020; doi: 10.1016/j.oneear.2020.10.020)

Quelle: Cell Press, University of Plymouth

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