Wasservolumen ist entscheidender als die mechanische Belastung beim Waschen Schonwaschgang setzt mehr Mikroplastik frei - scinexx | Das Wissensmagazin
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Schonwaschgang setzt mehr Mikroplastik frei

Wasservolumen ist entscheidender als die mechanische Belastung beim Waschen

Waschen
Überraschenderweise gelangen beim Waschen im Schonprogramm mehr Mikrofasern ins Abwasser als im Standardprogramm. © 4FR/ iStock

Überraschende Erkenntnis: Wenn Fleecekleidung und andere synthetische Textilien im Schonprogramm gewaschen werden, gelangen mehr Mikroplastik-Fasern ins Abwasser als beim Standardwaschgang, wie ein Experiment enthüllt. Im Test produzierte der Schongang 800.000 Mikrofasern mehr als ein Buntwäsche-Programm. Der Grund: Entscheidend für die Fasermenge ist offenbar das Wasservolumen, nicht die Temperatur oder die mechanische Belastung.

Ob im Ozean, in Flüssen, im Boden, in der Luft oder im Eis der Polargebiete: Mikroplastik findet sich längst überall. Auch in unserem Trinkwasser, in Nahrungsmitteln und in unserem eigenen Körper finden sich Massen dieser winzigen Kunststoffreste. Ein Großteil dieses Mikroplastiks entsteht durch zerfallenden Plastikabfall, es gelangt aber auch durch Reifenabrieb, Abgase oder Abwasser in die Umwelt.

Eine Hauptquelle von Mikroplastik-Fasern sind jedoch Fleecepullis und andere Kleidung aus synthetischen Materialien. Vor allem beim Waschen lösen sich die mikroskopisch kleinen Fasern aus dem Gewebe und werden mit dem Abwasser in die Kanalisation gespült. Weil die meisten Kläranlagen diese Mikrofasern nicht herausfiltern können, gelangt das Mikroplastik so in Flüsse und Umwelt.

Polyester-T-Shirts im Waschtest

Doch wie viele Mikroplastik-Fasern werden beim Waschen konkret frei? Und welche Rolle spielt dafür die Art des Waschens? Das haben nun Max Kelly von der Newcastle University und seine Kollegen in einem Experiment untersucht. Dafür nutzten sie ein sogenanntes Tergotometer – ein Gerät, das aus acht Waschmaschinen im Kleinformat besteht, und das in der Industrie beispielsweise zum Test von Waschmitteln eingesetzt wird.

Für ihren Test schnitten die Forscher Probestücke aus schwarzen Polyester-T-Shirts und wuschen diese im Tergotometer mit der gleichen Waschmittelmenge, aber in verschiedenen Waschprogrammen. Diese unterschieden sich unter anderem in der Waschtemperatur, der Dauer, dem Wasservolumen und der Umdrehungsgeschwindigkeit der Trommel. Das Abwasser wurde filtriert und die Mengen an Mikrofasern mithilfe einer Spezialkamera festgehalten.

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Mikrofaser-Freisetzung
Beim Waschen aus dem Polyester-Gewebe entweichende Mikrofasern (Pfeile). © Kelly et al./ Newcastle University

800.000 Mikrofasern mehr als bei der Standardwäsche

Das Ergebnis: „Entgegen den Erwartungen haben wir festgestellt, dass der Schonwaschgang am meisten Plastik-Mikrofasern ins Wasser und damit in die Umwelt freisetzt“, berichtet Kelly. Konkret entstanden bei der ersten Wäsche der Proben im Schonwaschgang 800.000 Mikrofasern mehr als beim normalen Buntwäsche-Kurzprogramm. „Das ist ziemlich kontra-intuitiv und wurde zuvor noch nie berichtet“, so die Forscher.

Weil dieses Resultat auch für sie überraschend war, führten die Wissenschaftler Zusatztests mit normalen Waschmaschinen durch – mit dem gleichen Ergebnis. Obwohl das Schon-Waschprogramm die Textilien weniger stark bewegt und damit geringeren mechanischen Belastungen aussetzt, produziert es demnach mehr Fasern als Standard-Waschgänge. Das widerspreche den Resultaten früherer Forschungen, so Kelly und sein Team.

Wasservolumen ist entscheidend

Was aber ist der Grund für die hohe Mikrofaser-Freisetzung im Schonwaschgang? Aus ihren Vergleichsanalysen schließen die Forscher, dass die eingesetzte Wassermenge offenbar die entscheidende Rolle spielt. „In den Schonwaschgängen wird mehr Wasser verwendet, um sensible Kleidung vor Schäden zu bewahren“, sagt Kelly. „Dafür jedoch spült dieses Wasser mehr Fasern aus dem Material aus.“

Bisher haben die Wissenschaftler diesen Effekt zwar nur für Polyester untersucht, sie schließen aber nicht aus, dass dies bei anderen synthetischen Textilien ähnlich sein könnte. Allerdings muss dies erst noch getestet werden, wie sie betonen. Sollte sich dies aber bestätigen, dann wäre der Schonwaschgang eher ungeeignet, die Mikroplastik-Freisetzung durch Textilien zu verringern.

Umwelt- oder Kurzwaschprogramme sind besser

„Das ist beunruhigend, weil in den Medien bisher empfohlen wurde, Fleece-Kleidung und andere Textilien im Schongang zu waschen, um die Mikrofaser-Freisetzung zu minimieren“, sagen die Forscher. Die jetzigen Ergebnisse sprechen aber eher für das Gegenteil. Stattdessen scheinen Waschgänge mit weniger Wasserverbrauch – wie Kurzprogramme oder Umweltprogramme – deutlich besser zu sein.

„Indem wir Waschprogramme mit einem großen Wasservolumen vermeiden und die Maschinen voll beladen, können wir alle unseren Teil dazu beitragen, die Menge der in die Umwelt freigesetzten Mikroplastik-Fasern zu verringern“, sagt Kelly. „Wir hoffen, dass unsere Erkenntnisse auch die Entwicklung künftiger Waschmaschinen beeinflussen werden. Das könnte dann auf lange Sicht gesehen sowohl den Energie- und Wasserverbrauch beim Waschen verringern als auch die freigesetzte Plastikmenge.“ (Environmental Science and Technology, 2019; doi: 10.1021/acs.est.9b03022)

Quelle: Newcastle University

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