Ist Urbanisierung in Entwicklungsländern steuerbar? - Verstädterung als Herausforderung für die Entwicklungszusammenarbeit - scinexx.de
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Ist Urbanisierung in Entwicklungsländern steuerbar?

Verstädterung als Herausforderung für die Entwicklungszusammenarbeit

Informelle Siedlung in Pune/Indien © F.Kraas (Uni Köln)

Das angebrochene „urbane Millennium“ wird zunehmend geprägt von den städtischen Prozessen in Entwicklungs- und Schwellenländern, besonders solchen mit hohen Urbanisierungsraten. Hierzu zählen vor allem China und Indien, die zugleich wichtige so genannte „Ankerländer“ der entwicklungspolitischen Schwerpunktsetzung sind. Doch angesichts der enormen Wachstumsdynamik wird effiziente, wirtschaftlich leistbare und sozial gerechte Entwicklung immer schwieriger. So bleiben Planung und Infrastrukturentwicklung allzu oft hinter den Erfordernissen zurück. Nachhaltige Entwicklungsmodelle in diesen Ländern finden sich bisher kaum. Die Themen „Urbanisierung“ und „Stadtentwicklung“ müssen daher stärker als bisher in den Fokus einer modernen Entwicklungszusammenarbeit rücken.

Die politische und administrative Steuerung wird in wachsenden und stark fragmentierten Städten und Megastädten, mit ihren größer werdenden wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten, Wohlstandsenklaven und Marginalsiedlungen, von zunehmend mehr Personen, Institutionen und Entscheidungen auf lokaler, regionaler und globaler Ebene beeinflusst. So tragen heute wesentlich mehr Akteure aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und auf staatlicher Seite dazu bei, das „System Stadt“ aufrecht zu erhalten, als noch vor einigen Jahrzehnten. Die staatlichen Organe büßen dabei aber immer mehr Handlungsfähigkeit ein, während eine profunde Stärkung privater und informeller Akteure zu beobachten ist. Von „nachhaltiger Stadtentwicklung aus einem Guss“ kann angesichts der Vielschichtigkeit der Entscheider meist nicht beziehungsweise nicht mehr die Rede sein.

Einher geht dies oft mit wachsenden finanziellen Schwierigkeiten, die vielerorts selbst die Bereitstellung der Basisinfrastruktur zu einer Herausforderung werden lassen und die Anwendung neuer innovativer Finanzierungsinstrumente für urbane Infrastrukturvorhaben (z.B. Public Private Partnerships) notwendig macht. Gleichzeitig beeinflussen die Entscheidungen global agierender Wirtschaftsunternehmen im Standortwettbewerb um Investitionen und Arbeitsplätze die Entwicklung von Städten in zunehmendem Maße. So homogen die Problemfelder der Städte in Entwicklungsländern zu sein scheinen, so heterogen sind ihre Ausmaße und Intensitäten sowie ihre Prozesse und Akteure. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Entwicklungsprojekte und Städtekooperationen auf die spezifische Situationen einzelner Städte eingehen.

Ankerstädte

Rathaus in Bombay © F.Kraas (Uni Köln)

Städte und Megastädte in Entwicklungsländern nur mit negativen Entwicklungen zu assoziieren würde ein einseitiges und unzutreffendes Bild entwerfen. Sie sind auch wirtschaftliche Wachstumszentren und Keimzellen von Innovation und gesellschaftlichem Wandel. So können einzelne Städte für ganze Regionen oder Länder eine „Lokomotivfunktion“ übernehmen, deren Einflusssphäre sich auch global ausweitet. Die Region Bombay-Pune in Indien oder das Perlflußdelta in Südchina belegen dies eindrucksvoll. Umgekehrt gewinnen aber auch die Weltmärkte immer mehr Einfluss auf die Stadtentwicklung, die sich auf die Anforderungen der Globalisierung ausrichten muss. Unter diesen Vorzeichen kann man – analog zur Ankerland-Argumentation der deutschen Entwicklungszusammenarbeit – Städte, die für die rasante wirtschaftliche Entwicklung – und die ökologischen und sozialen Probleme – ganzer Regionen von herausragender Bedeutung sind, als „Ankerstädte“ ansehen.

Kooperation und Entwicklungszusammenarbeit mit Megastädten

Die Kooperation mit Ankerländern bietet im Bereich der Stadtentwicklung für Wirtschaft, Forschung und Entwicklungszusammenarbeit interessante Anknüpfungspunkte: Sechs der zehn derzeit größten Megastädte der Welt liegen in Brasilien, China, Indien und Mexiko. Dies sind vier der fünf vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung besonders hervorgehobenen Ankerländer: Mexiko Stadt (19,0 Millionen Einwohner), Mumbai (18,3 Millionen), Neu Delhi (15,3 Millionen), Kalkutta (14,3 Millionen), São Paulo (18,3 Millionen) und Shanghai (12,7 Millionen). Hinzu kommen weitere Megastädte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern (Beijing und in Indonesien: Jakarta) sowie weitere “emerging megacities” mit mehr als 5 Millionen Einwohnern (in China: Pearl River Delta, Tianjin, Shenyang, Wuhan und in Indien: Ahmadabad, Bangalore, Chennai, Hyderabad, Pune).

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Die Rolle deutscher Kommunen in der Entwicklungszusammenarbeit

Megastadt Shanghai © F.Kraas (Uni Köln)

„Deutsche Kommunen werden zunehmend international aktiv (…) Ohne den Beitrag der Städte weltweit sind Entwicklungsprobleme nicht nachhaltig zu lösen.“ Diese Worte von Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul unterstreichen die Bedeutung der Städte bzw. Kommunen als Akteure der Entwicklungszusammenarbeit. Speziell die „Servicestelle Kommunen in der Einen Welt“ geht auf diese Entwicklung ein und kann durch bilaterale Städtepartnerschaften kommunal bereits erarbeitete Lösungsmodelle für globale Herausforderungen gemeinsam mit Partnern identifizieren und aufbereiten.

Der Beitrag, den Kommunen in der Entwicklungszusammenarbeit leisten können, ist vielgestaltig: Kommunen sind Erfahrungsträger, wenn es um flexible, innovative und erprobte Lösungsansätze geht. Als Partner der Entwicklungszusammenarbeit bieten sie Möglichkeiten für gegenseitiges Lernen und Dialoge „von Stadt zu Stadt“ zu entwicklungsrelevanten Themen. Zudem bietet das hohe Maß an Beteiligungschancen der Zivilgesellschaft auf kommunaler Ebene Legitimation für entwicklungspolitisches Handeln. Wissenstransfer im Sinne des Austauschs gelungener Vorgehensweisen, capacity building zur Steigerung der geforderten Lösungskompetenz und interkulturelle Annährung ist besonders in Dreieckspartnerschaften Nord – Süd – Süd ein wirkungsvoller Bestandteil einer nachhaltigen Entwicklungspolitik.

(InWEnt gGmbH: Günther Taube, Ulrich Nitschke und Gerrit Peters, 12.01.2007 – AHE)

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