Klimaprognosen sagen nahezu vollständiges Abschmelzen voraus Aus für Norwegens Gletscher? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Klimaprognosen sagen nahezu vollständiges Abschmelzen voraus

Aus für Norwegens Gletscher?

Gletscher auf dem Rückzug © Universität Bergen

Der Gletscherschwund rückt näher: Für Norwegen haben Klimaforscher jetzt prognostiziert, dass von den rund 1.600 Gletschern des Landes in den nächsten 100 Jahren fast alle schmelzen könnten. Die Folge wären Wassermangel im Sommer, Energieknappheit, da das Land primär Wasserkraft nutzt und gravierende ökologische Folgen.

Forscher des Bjerknes Klimaforschungszentrums der Universität von Bergen haben untersucht, was geschehen würde, wenn die Temperaturen in Norwegen um 2,3 Grad Celsius ansteigen würden. Dieser Wert entspricht den im Rahmen des norwegischen Klimaprogramms „RegKlim“ ermittelten aktuellen Langfristvorhersagen für die nächsten 100 Jahre in dieser Region. „Das klingt vielleicht nicht so viel, wenn man es mit der Temperaturdifferenz eines kalten Wintertages mit einem warmen Sommertag vergleicht“, erklärt Atle Nesje, Professor für Klimatologie an der Universität Bergen. „Aber im Laufe der Zeit ist ein Anstieg von 2,3 Grad schon dramatisch.“

Um die Folgen genauer zu ermitteln, analysierten die Wissenschaftler Sedimente am Grund norwegischer Seen. An diesen lässt sich ablesen, ob der See von Gletscherwasser gespeist wurde – dann besteht das Sediment aus Sand und Kies – oder aber dieser Zufluss wegen abgeschmolzener Gletscher fehlte, dann bestehen die Sedimente fast ausschließlich aus Pflanzenresten.

98 Prozent aller Gletscher weg

Das Ergebnis: “Vor 6.000 bis 8.000 Jahren lag die durchschnittliche Temperatur um 1,5 bis 2 Grad höher als heute”, erklärt Nesje. Während dieser Periode waren alle Gletscher Norwegens komplett abgeschmolzen. Die Schlussfolgerung für die Zukunft: Steigt die Temperatur um 2,3 Grad wie prognostiziert, ist eine solche Gletscherschmelze mehr als wahrscheinlich.

„Es ist noch dramatischer als wir erwartet haben”, sagt Nesje. Und einmal begonnen, kann das Ganze deutlich schneller passieren als erwartet: „Es wird diesmal sehr schnell gehen. Es kann sich in weniger als hundert Jahren abspielen“, so der Forscher. Von den rund 1.600 Gletschern des Landes werden nur knapp 28 die nächsten hundert Jahre überleben, alle anderen schmelzen, so das Fazit der Wissenschaftler. Alle Gletscher kleiner als acht Quadratkilometer werden vollständig verschwinden, von den 34 größten werden nur 11 in Resten überleben.

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Erste Veränderungen an Flüssen

Wenn die Forscher Recht behalten, wird die Schmelze sich zuerst in den Wasserständen der Flüsse bemerkbar machen. Außerhalb der Schneeschmelze ist der stete Wasserabfluss der Gletscher, gerade im Sommer, eine der wichtigsten Quellen für eine gleichmäßige Wasserversorgung. Die Eisdecken sind eine wichtige Reserve für trockene Perioden.

”Die meisten der heutigen Gletscher existieren seit 4.000 bis 6.000 Jahren. Das Ökosystem in Flüssen und Fjorden hat sich über einen langen Zeitraum entwickelt und ist Veränderungen gegenüber sehr empfindlich“, so Nesje. „Wir werden erleben, dass viele Arte aussterben, während sich andere neue entwickeln.“

Auf Konsequenzen einstellen

Der Klimaforscher betont, dass diese Klimaveränderungen und ihre dramatischen Folgen ohne Zweifel menschengemacht sind. „Die internationale Forschergemeinschaft ist sich einig: Dies geht über das hinaus, was natürliche Schwankungen anrichten können. Das wird auch zweifellos im nächsten Klimareport der Vereinten Nationen bestätigt werden.“

Die für die nächsten hundert Jahre vorhergesagten Temperaturveränderungen können wahrscheinlich nicht mehr verhindert werden, dass allerdings bedeutet nach Ansicht des Wissenschaftlers nicht, dass wir mit den Händen in den Hosentaschen auf die wärmeren Zeiten warten müssen. „Wir müssen damit beginnen, die Konsequenzen zu planen. Vor allem müssen wir untersuchen, welche unmittelbaren Auswirkungen für die Landwirtschaft, die Energieproduktion, den Tourismus und die Fischerei, aber auch die ökologischen Bedingungen insgesamt drohen.“

(Research Council of Norway, 07.04.2006 – NPO)

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