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Ur-Primaten könnten Lauerjäger gewesen sein

Typische Primatenmerkmale liefern Hinweise auf Jagdstrategie unserer frühen Vorfahren

Koboldmaki
Dieser Koboldmaki hat einige typische Merkmale der Primaten: Große, nach vorne gerichtete Augen und bewegliche Greifhände mit reduzierten Krallen. Warum die ersten Primaten diese Merkmale ausbildeten, haben nun Forschende untersucht. © marcophotos/ Getty images

Heimliche Jäger: Affe, Mensch und andere Primaten könnten ihre typischen Merkmale der Jagdstrategie ihrer Urahnen verdanken. Denn die ersten Primaten waren wahrscheinlich insektenfressende Lauerjäger, wie genetische und anatomische Vergleiche nahelegen. In Anpassung an diese Jagdstrategie entwickelten die Ur-Primaten nach vorne gerichtete Augen für gutes räumliches Sehen und mehr Gene für die Fettverdauung. Bewegliche Greifhände mit reduzierten Krallen ermöglichten es ihnen zudem, sich im Geäst leise an ihre Beute anzuschleichen und diese dann gezielt zu packen.

Als vor rund 66 Millionen Jahren die Dinosaurier aussterben, wuselten im Geäst der Bäume wahrscheinlich schon die ersten urtümlichen Primaten umher: Kleine Baumbewohner mit Greifhänden und großen, nach vorne gerichteten Augen – dies legen Fossilfunde nahe. Unklar ist allerdings, was genau diese ersten Primaten fraßen und warum ihre Augen anders als andere Säugetiere ihrer Zeit schon auffallend groß und parallel ausgerichtet waren. Auch die Frage, warum Primaten an ihren Fingern und Zehen statt der Krallen nur flache, kleine Nägel besitzen, ist bisher strittig.

Spurensuche in Verdauungsgenen

Eine mögliche Erklärung schlagen nun Yonghua Wu von der Nordost-Normal-Universität in China und seine Kollegen vor. Sie haben durch anatomische und genetische Vergleiche von 32 Primatenarten und vier eng verwandten Säugetierarten nach näheren Hinweisen auf den Speiseplan und die Lebensweise der frühen Primaten gesucht. Dafür verglichen sie zunächst die Ausprägung und Entwicklung von 117 Genen, die mit der Verdauung und den dafür nötigen Enzymen verknüpft sind.

„Diese Gene sind dafür bekannt, eine wichtige Rolle bei der Verdauung und Absorption von Kohlehydraten, Proteinen und Fetten zu spielen“, erklären die Wissenschaftler. Weil pflanzliche Nahrung reich an Kohlenhydraten ist, eine fleischlastige Ernährung dagegen mehr Fette und Proteine enthält, müsste sich das bevorzugte Futter der verschiedenen Primaten auch an diesen Genen zeigen. In Kombination mit Stammbaumanalysen müsste dies Rückschlüsse auch auf die Ernährung des ersten gemeinsamen Vorfahren aller heutigen Primaten erlauben.

An fleischlastige Nahrung angepasst

Tatsächlich zeigte sich ein Entwicklungstrend: Im Vergleich zu Vorläufern und engen Verwandten haben urtümliche Primaten mehr Gene für die Fettverdauung. Deren Anteil nahm im Verlauf der evolutionären Entwicklung der Primaten signifikant zu. Bei den Genen für andere Nährstoffe zeigte sich dieser Trend hingegen nicht. „Diese positive Selektion von Genen für die Fettverdauung deutet darauf hin, dass die ursprünglichen Euprimaten eine fettreiche Ernährung hatten“, berichten Wu und sein Team.

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Nach Angaben der Forschenden spricht dies dafür, dass die Vorfahren der ersten Primaten noch Allesfresser waren, wie vermutlich viele frühe Säugetiere gegen Ende der Kreidezeit. Im Laufe der Entwicklung zu echten Primaten begannen die baumlebenden Urahnen von Affe, Mensch und Co dann jedoch, mehr und mehr fleischlastige Kost zu vertilgen – sie wurden zu Fleischfressern, die vorwiegend baumlebende oder fliegende Insekten fingen und fraßen. Dazu passen auch die Zähne der bisher bekannten Ur-Primaten-Fossilien.

Augen verraten Jagdstrategie

Doch das ist noch nicht alles: Wu und sein Team haben auch untersucht, wie die Ur-Primaten ihre Beute fingen und ob dies einige typische Primatenmerkmale erklären könnte – beispielsweise ihre Greifhände, reduzierten Klauen und großen, parallelen Augen. Dafür verglichen sie die typisch nach vorne gerichtete Augenposition der Primaten mit der anderer fleischfressender Wirbeltiere wie Eulen, Katzen, Wölfen oder Adlern.

Das Ergebnis: „Unter diesen Prädatoren scheinen diejenigen mit stärker nach vorne gerichteten Augen wie Eulen und Katzen typischerweise Lauerjäger zu sein, während die anderen eher Verfolgungsjäger sind“, berichtet das Team. Lauerjäger warten typischerweise möglichst versteckt darauf, dass sich eine Beute annähert, um sie dann mit einem Satz zu fangen und zu töten. Das funktioniert allerdings nur, wenn sie die Beute überraschen können und wenn ihr Angriff gezielt und möglichst treffsicher erfolgt.

Das erklärt, warum Lauerjäger oft nach vorne gerichtete Augen haben: „Ein gutes räumliches Sehen und damit parallel stehende Augen, könnten für Lauerjäger entscheidend sein, um die Entfernung zur Beute bei ihrem Überraschungsangriff präzise einzuschätzen“, erklären die Wissenschaftler.

Lauerjagd als neue Nische

Das jedoch könnte bedeuten, dass auch die Ur-Primaten Lauerjäger waren: Ihre parallel stehenden Augen ermöglichten ihnen nicht nur eine gute Orientierung im Geäst, sondern auch das gezielte Fangen von Insekten. Die beweglichen Greifhände sorgten dabei für einen guten Griff beim Sprung und Packen der Beute. „Die Lauerjagd könnte den ursprünglichen Euprimaten eine neue Nische eröffnet haben, die ihren Verwandten nicht zugänglich war“, so Wu und seine Kollegen.

Die Anpassung an diese Art der Insektenjagd könnte auch erklären, warum die Primaten ihre Krallen zu Fingernägeln reduzierten: „Weiche Finger- und Zehenpolster ohne Klauen verringern das Geräusch beim Klettern“, schreiben die Forschenden. Dies erhöht die Chance, die Beute zu überraschen. Nach Ansicht der Forschenden könnten die Ur-Primaten demnach zumindest einige ihrer typischen Merkmale in Anpassung an die Lauerjagd auf Insekten entwickelt haben. (Science Advances, 2022; doi: 10.1126/sciadv.abn6248)

Quelle: Science Advances , American Association for the Advancement of Science (AAAS)

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