Erster Nachweis von fortgeschrittener sozialer Interaktion auch bei Wölfen Auch Wölfe können Blicken folgen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Erster Nachweis von fortgeschrittener sozialer Interaktion auch bei Wölfen

Auch Wölfe können Blicken folgen

Wölfe folgen dem Blick eines anderen © WSC

Tiere, die den Blicken anderer folgen, erhalten wichtige Informationen für soziale Interaktionen und ihr Überleben. Doch nur wenige Tierarten bewegen sich sogar um eine Sichtbarriere, um zu schauen, wohin der Blick eines anderen fällt. Dass neben Menschaffen und Raben auch Wölfe diese Fähigkeit besitzen, darüber berichten jetzt österreichische Forscherinnen erstmals in der Fachzeitschrift „PLoS ONE“.

Wohin schaust Du? Was siehst Du? Tiere, die den Blicken anderer folgen, erhalten damit wichtige Informationen für soziale Interaktionen mit Artgenossen und für ihr Überleben. Gleichzeitig kann ein Tier aus der Blickrichtung eines Partners und dem, was er sieht, oft dessen nächste Handlung ableiten und entsprechend reagieren. Dabei unterscheiden Forscher zwischen dem Folgen eines Blickes in die Ferne und dem Folgen des Blickes um eine Barriere herum.

Barrieren überwinden

„Folgt ein Tier dem Blick in die Ferne, so ist das ein relativ einfacher kognitiver Mechanismus – wahrscheinlich eine angeborene Prädisposition, sich mit anderen zu orientieren, die durch assoziatives Lernen verstärkt wird. Dementsprechend können viele verschiedene Tierarten dem Blick anderer in die Ferne folgen“, erklärt Friederike Range, Forscherin am Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien.

Nur wenige Tierarten beherrschen aber das Folgen des Blickes um eine Barriere herum; nachgewiesen ist es bislang lediglich bei Raben, Menschenaffen und einigen wenigen anderen Affenarten. „Das Tier muss in diesem Fall erst um eine Barriere herumgehen, um zu sehen, wo der Partner auf der anderen Seite hingeschaut hat. Dies ist kognitiv sehr viel komplexer“, sagt Ranges Kollegin Zsofia Viranyi. Das Blickverhalten von Wölfen haben die Forscherinnen nun untersucht.

Kooperative Wölfe

„Die Fähigkeit des Blickes um eine Barriere wird insbesondere kompetitiven oder kooperativen Tierarten nachgesagt. Wölfe stehen hierfür geradezu prototypisch: Sie ziehen den Nachwuchs gemeinsam auf, jagen gemeinsam und verteidigen ihr Revier gemeinsam“, erklären die Forscherinnen, die auch Initiatorinnen des Wolf Science Center im niederösterreichischen Ernstbrunn sind.

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Schema des Experiment-Aufbaus © Range et al. / PLoS ONE

Im Experiment wurde jeweils ein Wolf am Halsband festgehalten, ein weiterer Mensch stand direkt an einer Barriere und blickte in den für den Wolf nicht sichtbaren, von der Barriere verdeckten Bereich. Um dem Blick des Menschen zu folgen musste das Tier, sobald es losgelassen wurde, um die Barriere herumlaufen. Die Ergebnisse bestätigten die Annahmen von Range und Viranyi: „Unsere neun Wölfe folgten dem Blick von Menschen in die Ferne bereits nach 14 Wochen. Nach sechs Monaten folgten sie dem Blick sowohl von Artgenossen als auch von Menschen um eine Barriere herum.“

Unterschiedliche Mechanismen

Mehrere Untersuchungen lassen vermuten, dass dem Folgen eines Blickes in die Ferne und um Barrieren herum unterschiedliche kognitive Mechanismen zugrunde liegen. Die Ergebnisse dieser Studie unterstützen diese Theorie. „Wölfe folgen dem Blick anderer erst drei Monate später um die Barriere herum als in die Ferne. Außerdem haben sie nach ein- oder zweimaligen Wiederholen des Blickes im Falle der Barriere aufgehört, die andere Seite genauer zu betrachten. Allerdings, wenn ein Demonstrator wiederholt in die Ferne blickte, haben die Wölfe immer wieder geschaut, ob doch etwas zu sehen ist – auch nach zehn solchen Wiederholungen“, so Range.

Die Untersuchungen über den Einblick eines Tieres in die geistige Welt eines Artgenossen zählen zu den großen Themen der Kognitionswissenschaft. „Das Folgen des Blickes eines Artgenossen ist ein erster Schritt zu der ‚Theorie des Geistes‘, also der Erkenntnis eines Tieres, dass Artgenossen auch ein bestimmtes Wissen haben und Intentionen, die sich von den eigenen unterscheiden“, erklären Range und Viranyi. (PLoS ONE, 2011; doi:10.1371/journal.pone.0016888)

(Universität Wien, 24.02.2011 – NPO)

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