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Cochranes Vermächtnis

Die Gründung der Cochrane Collaboration und der Begriff der EbM

Die positiven Erfahrungen mit der ersten systematischen Überblicksarbeit aus der Gynäkologie führen im Jahr 1993 zur Gründung der Cochrane Collaboration durch den britischen Wissenschaftler Ian Chalmers und 70 weitere internationale Forscher. Ihr Ziel ist ganz im Sinne von Archibald Leman Cochrane: Aktuelle Reviews randomisierter, kontrollierter Studien aus der Medizin verfassen – und mit diesen Meta-Analysen Ärzte und Therapeuten dabei unterstützen, sachkundige Entscheidungen zu treffen.

Anfang der 1990er Jahre kommt der Begriff der evidenzbasierten Medizin auf. © S-S-S/ DAL/ thinkstock

Parallel kommt Anfang der 1990er Jahre der Begriff der evidenzbasierten Medizin, kurz EbM, auf. Geprägt wird die Bezeichnung vor allem von Gordon Guyatt aus der Gruppe um David Sackett von der McMaster University im kanadischen Hamilton, in dessen Publikationen die Bezeichnung erstmalig auftaucht. In den folgenden Jahren entwickelt sich der von Guyatt inspirierte Begriff immer mehr zum Schlagwort für eine Bewegung mit einem klar definierten Anliegen.

Nachlesen, überprüfen, entscheiden

Zentrale Grundlage der evidenzbasierten Medizin ist die ausdrückliche Forderung, dass bei einer medizinischen Behandlung patientenorientierte Entscheidungen auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit getroffen werden sollen. Der Arzt darf sich demzufolge nach Möglichkeit nicht nur auf seine persönliche Erfahrung verlassen. Stattdessen soll er auch objektive Fakten zurate ziehen.

Welche Therapie ist die beste für den Patienten? © Didesign021/ thinkstock

Wichtig dabei: Mediziner müssen den Vertretern der EbM zufolge ihre Quellen ständig überprüfen und dürfen sich nicht auf das verlassen, was sie einmal gelernt haben. Sprich: Sie sollen stets den aktuellsten Stand der Forschung in ihre Entscheidung darüber einbeziehen, ob sie ihrem Patienten eine Therapie A oder eine Therapie B anbieten oder am besten auf eine Behandlung verzichten.

Klare Studien-Hierarchie

Nicht jede Studie ist für die Entscheidungsfindung dabei von gleichem Wert. Die evidenzbasierte Medizin ordnet die Aussagefähigkeit klinischer Untersuchungen hierarchisch nach sogenannten Evidenzleveln. Die höchste Wertigkeit haben demnach randomisierte, kontrollierte Studien und insbesondere Meta-Analysen.

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Publikationsbias: Nicht alle Forschungsergebnisse werden veröffentlicht. © Vaniatos/ Michael Jung/ thinkstock (Collage)

Gleichwohl geben selbst diese Übersichtsarbeiten, die auf dem besten verfügbaren Material und einer breiten statistischen Basis beruhen, nicht immer ein realistisches Bild ab. Das Problem: Studien mit negativen Ergebnissen oder vorzeitig abgebrochene Untersuchungen werden oftmals gar nicht erst veröffentlicht – und fließen demzufolge in keine Meta-Analyse ein. Durch diesen Publikationsbias kommt es möglicherweise zu einer verzerrten, zu positiven Einschätzung.

Auch in Deutschland etabliert

Nichtsdestotrotz gilt die evidenzbasierte Medizin in Nordamerika und Europa heute als höchster Standard der Gesundheitsversorgung. Auch in Deutschland hat sich das Konzept inzwischen etabliert. So sind seit den 1980er Jahren hierzulande mehr als 15.000 randomisierte, kontrollierte klinische Studien durchgeführt worden und seit 1999 gibt es die Cochrane Collaboration auch bei uns: in Form des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg sowie der Cochrane Review Gruppen in Köln und Düsseldorf.

„Vor allem aber hat sich evidenzbasiertes Denken in der Medizin weit verbreitet. Offenbar ist die Einsicht Allgemeingut geworden, dass randomisierte, kontrollierte Studien Wirksamkeit und Qualität von Therapien am besten einzuschätzen vermögen und dass systematische Übersichtsarbeiten auf besonders hochwertige Weise helfen, Wissen zusammenzufassen“, resümierte der Mediziner Christopher Baethge 2014 im Deutschen Ärzteblatt.

Entwicklung mit „Rückenwind“

Baethge ist davon überzeugt, dass sich die evidenzbasierte Medizin in Zukunft noch weiter ausbreiten wird: „Es wird zu immer mehr Fragen relevante Studien geben und Ärzte werden besser darin werden, die richtige Kombination aus Erfahrung und Evidenz zu finden. Vor allem aber folgt die evidenzbasierte Medizin allgemeinen gesellschaftlichen Trends: mehr Transparenz, mehr Partizipation, mehr Demokratisierung, aber auch mehr Formalisierung, mehr Regelungsdichte, mehr Verrechtlichung. Die EbM erfährt also Rückenwind von vielen Seiten.“

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Daniela Albat
Stand: 02.12.2016

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Cochrane: Pionier der evidenzbasierten Medizin
Ein Arzt kämpft für methodisch gute Forschung

Auf Umwegen zum Mediziner
Unsteter Beginn eines Forscherlebens

Wirksam oder unwirksam?
Prägende Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft

Ein Bergarbeiterdorf wird zum Labor
Die Pionierstudie "Rhonda Fach Scheme"

Harsche Kritik, die nachhallt
Das Buch "Effectiveness and Efficiency"

Cochranes Vermächtnis
Die Gründung der Cochrane Collaboration und der Begriff der EbM

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