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Wirksam oder unwirksam?

Prägende Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft

Kurz nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Cochrane von der britischen Armee eingezogen und dient ab 1940 als Captain im Royal Medical Corps. 1941 gerät er auf Kreta in deutsche Gefangenschaft und erlebt seine Zeit als Kriegsgefangener in den Lagern von Thessaloniki, Elsterhorst sowie Wittenberg an der Elbe. Als „medical officer“ ist er dabei immer im Einsatz für seine Mitgefangenen und bemüht sich trotz widrigster Bedingungen, den Kranken so gut wie nur eben möglich zu helfen.

Cochranes Vorbild: Der Schiffsarzt James Lind. © gemeinfrei

Im griechischen Lager sieht sich Cochrane mit einer ähnlich desolaten Situation konfrontiert wie sein großes Vorbild James Lind 200 Jahre zuvor: Der britische Schiffsarzt hatte zu seiner Zeit mit angesehen, wie Seeleute auf langen Reisen an der gefürchteten Krankheit Skorbut starben und schließlich mit der ersten „kontrollierten Studie“ an zwölf Matrosen nachgewiesen, dass Zitrusfrüchte und Sauerkraut gegen die Symptome halfen. Später fanden seine Nachfolger heraus, warum: Es lag am Vitamin C. Cochrane hat es im Krieg zwar nicht mit Skorbut zu tun – dafür breitet sich eine Gelbsuchtepidemie aus und viele Gefangene entwickeln Ödeme.

Hefe-Studie im Gefangenenlager

Obwohl es an Materialien fehlt – ganz zu schweigen von adäquaten Bedingungen für eine wissenschaftliche Untersuchung –, will Cochrane dem Phänomen im Lager auf den Grund gehen. Selbst geschwächt, bringt er dennoch die Energie auf, die Deutschen davon zu überzeugen, ihm Hefe zur Verfügung zu stellen.

Im Gefangenenlager führt Cochrane seine erste klinische Studie durch - und beweist die positive Wirkung Vitamin B-haltiger Hefe. © Sohel Parvez Haque/ thinkstock

An zwanzig Kranken weist er unter methodisch mehr als armseligen Umständen nach, dass die Hefe die Symptome der Patienten zurückgehen lässt. Die Deutschen sind trotz der Mängel der Studie überzeugt und erweitern den Speiseplan der Gefangenen von nun an um das Vitamin B-haltige Nahrungsergänzungsmittel. Cochrane beschreibt die Studie deshalb später als seinen „ersten, schlechtesten und zugleich erfolgreichsten klinischen Versuch“.

Freiheit für Wissen

Durch die prägenden Erlebnisse während seiner Kriegsgefangenschaft erkennt Cochrane auch, wie sehr unbegründete Behauptungen in der Medizin verbreitet sind. In seinem Buch „Effectiveness and Efficiency“ berichtet er rückblickend von einem Propaganda-Pamphlet über „Behandlungsfreiheit und Demokratie“, das er im Lager in Elsterhorst liest, als er sich gerade mit Tuberkulosekranken beschäftigt.

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„Ich verstand das nicht“, schreibt Cochrane. „Tatsächlich konnte ich ziemlich frei entscheiden, wie ich meine Patienten behandeln wollte. Mein Problem aber war, dass ich oft nicht wusste, welche Therapie ich am besten zum Einsatz bringen sollte. Bereitwillig hätte ich meine Freiheit für ein bisschen Wissen geopfert.“ Und weiter: „Damals hatte ich noch nichts von ‚randomisierten, kontrollierten Studien‘ gehört, aber ich wusste, dass es kaum Belege dafür gab, dass irgendetwas von dem, was wir anzubieten hatten, einen Effekt hatte.“

Erfinder der randomisierten, kontrollierten Studie: Austin Bradford Hill © Unknown/ CC-by-sa 4.0

Zusammentreffen mit einem Pionier

Die frustrierende Erkenntnis, in etlichen Situationen als Arzt lediglich aus dem Bauch heraus anstatt begründet Entscheidungen treffen zu können, lässt Cochrane zum Verfechter einer Medizin werden, die auf der Basis der Evidenz und der Effektivität beruht. Einen Tutor und Verbündeten im Einsatz für wissenschaftlich fundierte Methoden in der Medizinforschung findet Cochrane nach dem Krieg an der London School of Hygiene & Tropical Medicine: Austin Bradford Hill.

Der Statistiker gilt als Entwickler der randomisierten, kontrollierten Studie (englisch: ramdomized controlled trial, kurz RCT): dem heutigen Goldstandard klinischer Untersuchungen, bei dem unterschiedliche Methoden miteinander verglichen und die Probanden zufällig auf die Studiengruppen verteilt werden. Er wird in den 1950er Jahren der Erste sein, der Krebspatienten mit gesunden Kontrollpersonen vergleicht und schließlich einen Zusammenhang zwischen Zigarettenrauch und Lungenkrebs nachweist.

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Daniela Albat
Stand: 02.12.2016

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Cochrane: Pionier der evidenzbasierten Medizin
Ein Arzt kämpft für methodisch gute Forschung

Auf Umwegen zum Mediziner
Unsteter Beginn eines Forscherlebens

Wirksam oder unwirksam?
Prägende Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft

Ein Bergarbeiterdorf wird zum Labor
Die Pionierstudie "Rhonda Fach Scheme"

Harsche Kritik, die nachhallt
Das Buch "Effectiveness and Efficiency"

Cochranes Vermächtnis
Die Gründung der Cochrane Collaboration und der Begriff der EbM

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