Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 20.03.2010
"Intelligenter" Kunststoff als Verwandlungskünstler
Zellen: Wohlfühlen und Abstandhalten auf "Knopfdruck"
Fraunhofer-Forscher haben einen Kunststoff entwickelt, der auf „Knopfdruck“ seine Eigenschaften ändern kann: Bei 37 °C ist er wasserabweisend und ein idealer Nährboden für biologische Zellen. Bei Raumtemperatur dagegen zieht er Wasser an und die Zellen lösen sich. Der neue Kunststoff könnte in Zukunft bei der Entwicklung von Medikamenten eine wichtige Rolle spielen.

Schaltbarer Kunststoff
Schaltbarer Kunststoff
© Fraunhofer IAP Schaltbarer Kunststoff
Wie wirken neue Medikamente und Wirkstoffe auf den Körper - insbesondere auf die Zellen? Kann der Arzt sie unbedenklich einsetzen oder wirken sie toxisch? Um solche Fragen zu beantworten, müssen Pharmafirmen mit neuen Wirkstoffen verschiedene festgelegte Toxizitätstests durchführen. Basis für diese Versuche sind Zellkulturen: Forscher setzen einzelne Zellen in ein kleines Plastikschälchen, geben Nährlösung dazu und stellen die Schale bei 37 °C in den Brutschrank.

Zellen „kleben“ an der Schale
Damit die Zellen sich möglichst wohlfühlen und schnell vermehren, verwenden die Forscher Schalen aus Polystyrol. Sind ausreichend Zellen gewachsen, wird das Medikament zugegeben. Um zu untersuchen, wie die Zellen auf den Wirkstoff reagieren, müssen die Wissenschaftler die gezüchteten Zellen jedoch aus der Schale entfernen. Keine einfache Angelegenheit: Die Zellen heften sich so fest an die Schale, dass die Forscher ein Enzym zugeben müssen, um sie vom Kunststoff zu lösen.

„Gerade die Zelltypen, die für Toxizitätstests verwendet werden, sind sehr sensibel und können durch das zugegebene Enzym beschädigt werden. Die Aussagen sind dann schwer zu interpretieren: Man kann nicht einwandfrei sagen, inwieweit Schädigungen durch das Ablösen der Zellen deren Reaktion auf das Medikament beeinflussen“, sagt Claus Duschl vom Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT in Potsdam-Golm.

Schaltbarer Kunststoff entwickelt
Das Team um Jean-François Lutz vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP, hat nun gemeinsam mit seinen Kollegen vom IBMT und vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung einen Kunststoff entwickelt, der seine Eigenschaften ändern kann.

„Bei 37 °C, also der Temperatur, bei der die Zellen gezüchtet werden, ist der Kunststoff wasserabweisend - die Zellen fühlen sich darauf sehr wohl und breiten sich aus. Kühlt man den Kunststoff auf 25 °C ab, also auf Raumtemperatur, zieht das Material Wasser an: Die Zellen meiden den Kontakt, werden fast kugelförmig und lassen sich leicht herunter spülen. Die Zugabe eines Enzyms wird so überflüssig“, sagt Lutz.

Kunststoffe für Petrischalen
Zwar gibt es bereits ähnliche schaltbare Kunststoffe. Der große Unterschied beim neuen Kunststoff: Seine Basis ist Polyethylenglycol, kurz PEG. Im Gegensatz zu den anderen schaltbaren Kunststoffen ist dieses Material biokompatibel - Zellen wachsen sehr gut darauf. Ein weiterer Vorteil: Das Material ist wasserlöslich und nicht toxisch. In etwa zwei bis drei Jahren, hofft Lutz, könnten Petrischalen serienmäßig mit dem neuartigen schaltbaren Kunststoff beschichtet werden.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Kunststoff, Wasser, Eigenschaften, Materialforschung, Zellen, Medikamente, Wirkstoffe, Beschichtung, Toxizität
Weitere News zum Thema
Licht verbiegt Materie (18.03.2010)
Unerwarteter Effekt wirkt selbst auf feste Strukturen im Mikrometer-Maßstab
"Plastic Planet": Meere werden zu Müllkippen (25.02.2010)
NABU unterstützt den Dokumentarfilm als Umweltpartner für den Meeresschutz
Hormone aus der Bierdose (25.02.2010)
BUND: Bier-, Softdrink- und Energydrink-Dosen enthalten Bisphenol A
Meerespumpen gegen CO2: mehr Schaden als Nutzen (17.02.2010)
Forscher halten CO2 Reduzierung durch künstlichen Auftrieb im Ozean für ungeeignet
Pilze als Abbauhelfer für umweltschädliche Kunststoffe (04.02.2010)
Zersetzung von Polykarbonaten durch Bodenpilze erfolgt ohne Freisetzung von Bisphenol-A
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zoom aufs Atom
Dossiers zum Thema
Glas
Ein schwer durchschaubarer Stoff
Intelligente Kleidung
Hightech-Textilien auf dem Vormarsch
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Rätsel Wasser
Ein Lösungsmittel mit Geheimnissen
Zoom aufs Atom
Reise in den Mikrokosmos
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
News des Tages
Wölfe fressen lieber Lachs
Anti-Tarnkappe macht Unsichtbares wieder sichtbar
Bakterien schieben Pflanzen ihre Gene unter
Poren öffnen dem Tod die Tür
"Löcher" als molekulare Reagenzgläser
"Intelligenter" Kunststoff als Verwandlungskünstler
Wie Pflanzen ein Licht aufgeht
Bücher zum Thema
Welt der Elemente
von Hans-Jürgen Quadbeck- Seeger
Die Welt hinter den Dingen
von Ludwig Schultz und Hermann- Friedrich Wagner
Projekt Zukunft
Die Megatrends in Wissenschaft und Technik von Hans-Jürgen Warnecke
Nanotechnologie und Nanoprozesse
Einführung, Bewertung von Wolfgang Fahrner
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Tabletten, Tropfen und Tinkturen
Medizin im Alltag von Cornelia Bartels, Heike Göllner und Jan Koolman
Die Geschichte der Medizin
Von der Antike bis zur Gegenwart von Bernt Karger-Decker
Top-Clicks der Woche
1. Licht verbiegt Materie
2. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
3. Super-Supernova: Weißer Zwerg sprengt Massegrenze
4. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte
5. „Stein von Rosetta“ der Exoplaneten gefunden